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Pflege-Skandal in Bönen: Ehemalige Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe

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Von: Sabine Pinger

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Pflege Pflegedienst
Hilfskräfte sollen bei der Betreuung schwerkranker Patienten eingesetzt worden sein, berichten ehemalige Mitarbeiter des Bönener Pflegedienstes der Redaktion. © Daniel Karmann

Während die Staatsanwaltschaft weiter gegen den Bönener Pflegedienstbetreiber ermittelt, melden sich immer mehr ehemalige Mitarbeiter des mittlerweile insolventen Pflegedienstes beim WA. Was sie berichten, könnte ihren Ex-Chef, der aktuell in Untersuchungshaft sitzt, weiter belasten.

Bönen – Die Staatsanwaltschaft Dortmund wirft ihm gewerbsmäßigen Betrug und Urkundenfälschung vor. Der Schaden soll mindestens eine Million Euro betragen. Der Bönener Pflegedienst hat sich trotz mehrfacher Nachfragen der Redaktion bislang nicht zu den Vorwürfen geäußert und auch einen umfangreichen Fragenkatalog nicht beantwortet. Der in der vergangenen Woche bestellte Insolvenzverwalter wollte ebenfalls zunächst keine weiteren Angaben machen, hat aber angekündigt, in Kürze eine Erklärung abgeben zu wollen.

Friseure, Maurer und Klempner in der Intensivpflege eingesetzt

Ehemalige Angestellte bestätigen, dass bei der Pflege von schwerkranken, teils beatmeten Patienten häufig nur Hilfskräfte eingesetzt worden seien. Denen fehlte demnach die notwendige medizinische Ausbildung. So schildert eine examinierte Krankenschwester, die einige Jahre in dem Unternehmen beschäftigt war, dass ihr eine Kollegin erzählt habe, sie sei eigentlich Friseurin. Dabei sollte diese sich gerade um das Tracheostomas, den künstlichen Luftröhrenzugang, eines Kunden kümmern.

Auch Maurer, Klempner und andere Berufsfremde hätte die Geschäftsführung zu Schwerkranken geschickt. Dort wären diese sogar allein mit der Pflege beauftragt gewesen. „Ich kann solche Menschen nicht auf Schutzbefohlene, auf schwerkranke Kinder loslassen“, beklagt die frühere Angestellte. Für die Geschäftsleitung habe jedoch der Profit über allem gestanden. „Sie haben für die Hilfskräfte den vollen Satz abkassiert“, gibt sie an.

Familien im Stich gelassen

Das haben einige Angehörige genauso gehört. Manche Familien haben sich mittlerweile mit einstigen Pflegekräften des Unternehmens in Verbindung gesetzt, die sie noch aus der Betreuung ihrer Angehörigen kannten. „Sie haben uns bestätigt, dass sich auch Hilfskräfte um unser Kind gekümmert haben, die gar keine Ausbildung dafür hatten.“

Die Kunden schildern zudem, dass der Pflegedienst ihnen kurzerhand mitgeteilt hätten, die Pflege ihrer Angehörigen schon am übernächsten Tag einzustellen. „Wir haben dann alle Krankenhäuser angerufen, um einen Platz zu bekommen.“ Die meisten Kliniken hätten sie jedoch abgewiesen, weil sie keine Kapazitäten mehr hätten. Glücklicherweise haben sie schließlich doch noch eine geeignete Betreuung gefunden. „Wir hätten das schließlich nicht leisten können“, ist ein Elternteil entsetzt über die Vorgehensweise.

Allein der Profit habe gezählt

Mitarbeiter berichten von Kräften aus Polen, Kroatien und der Türkei, die für die Arbeit nach Deutschland geholt wurden. „Sie wurden von der Firma irgendwo untergebracht und zur Arbeit gefahren. Sie haben kein Wort Deutsch gesprochen“, beschreiben frühere Angestellte. Eine Kommunikation sei daher unmöglich gewesen – selbst zwischen den Patienten beziehungsweise Angehörigen und den Mitarbeitern.

„Die können ja nicht mal Hilfe holen, wenn etwas passiert“, machen die Fachleute deutlich. Hilfe von außen sei von der Geschäftsleitung ohnehin eher weniger gewünscht gewesen. „Wir hatten die Order, so wenig Kunden wie möglich ins Krankenhaus zu schicken“, sagt eine Ex-Mitarbeiterin. Dadurch wäre dem Unternehmen nämlich der Pflegesatz entgangen. Dass einige Patienten somit in Lebensgefahr geraten seien, habe keine Rolle gespielt.

Teambesprechungen nachts um zwei Uhr

Gleichfalls hätten die leitenden Kollegen Ausfälle eingetragen und dann, obwohl keine Leistung erbracht wurde, diese den Krankenkassen berechnet, sprechen die vormaligen Angestellten von Abrechnungsbetrug.

Als Arbeitgeber sei der faktische Geschäftsführer des Pflegezentrums schwierig gewesen. „Er hat seine Mitarbeiter vor den Kunden angeschrien und manchmal sogar die Angehörigen.“

Von Bedrohung ist die Rede, von Druck auf die Angestellten und die Kunden. Zudem wird von Überstunden und Doppelschichten gesprochen. Oftmals sei die Ablösung ausgeblieben, sodass die Mitarbeiter aus eigenem Verantwortungsbewusstsein heraus 24 Stunden und mehr bei ihren Patienten geblieben wären.

Teambesprechungen hätten vor allem nachts zwischen 23 und 2 Uhr stattgefunden. Des Weiteren hätten die Vorgesetzten vorausgesetzt, dass die Angestellten rund um die Uhr für die Firma erreichbar und verfügbar sein müssen.

Gehaltszahlungen kamen verspätet

Wer sich mit der Führungsriege im Haus hingegen gut gestellt habe, dem sei es auch gut ergangen. Leitende Angestellte, die „in der Spur“ gewesen seien, wären mit hochwertigen Autos und Urlaubsreisen belohnt worden, schildern ehemalige Mitarbeiter. Wer Kritik geäußert habe, hätte dies zu spüren bekommen und sei teils drastisch eingeschüchtert worden.

Seit Ende vergangenen Jahres sei außerdem das Gehalt nur noch schleppend gezahlt worden. Und wer von sich aus gekündigt hat, der hätte sich sein ausstehendes Gehalt über den Klageweg holen müssen.

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