Pferdestall statt Kita

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Behutsam nähern sich die Kinder den Pferden. Bei Carmen Rinkewitz lernen sie den Umgang mit den Tieren früh. Das gehört zum Konzept der Bönener Tagesmutter 

BÖNEN - Eltern haben einen Anspruch darauf, dass ihre Kleinkinder außerhalb der Familie betreut werden. Laut Richtlinie des Landes soll für mindestens 32 Prozent aller Mädchen und Jungen unter drei Jahren ein Kita-Platz oder eine Betreuung durch eine qualifizierte Tagesmutter vorhanden sein.

In Bönen wird diese Quote mit 133 Plätzen locker erreicht. Die Kindergärten in der Gemeinde haben für die Kleinsten angebaut, und mit der Kita Nordlicht wurde sogar eine neue Einrichtung für 50 Kinder geschaffen. Die übrigen sind – bis auf sieben, die für das kommende Kindergartenjahr auf einer Warteliste stehen (unsere Zeitung berichtete) – alle bei Tagesmüttern untergekommen.

Eine dieser Tagesmütter ist Carmen Rinkewitz. Seit 18 Jahren kümmert sie sich nicht nur um den eigenen Nachwuchs, sondern auch um Tageskinder. Vier Mädchen und Jungen im Alter von ein bis drei Jahren kommen derzeit täglich zu ihr auf den Hof der Reitgemeinschaft Bönen-Hacheney. Dort gibt es jede Menge frische Luft, Tiere und Bewegung. „Schlechtes Wetter gibt es bei uns dagegen nicht“, sagt Carmen Rinkewitz.

Auf dem Hof Hacheney gibt es viel zu entdecken

Bei Regen marschiert sie mit ihrer Gruppe in die Reithalle. Dort ist ausreichend Platz zum Toben, „und bei dem unebenen Boden wird auch gleich die Motorik gefördert“, weiß die 48-Jährige. Ihr Konzept ist anders als das ihrer Kolleginnen, auch wenn Basteln, Malen und Fingerspiele gleichfalls zum Alltag gehören. Die Mädchen und Jungen sind nämlich fast den ganzen Tag lang draußen. „Früher bin ich mit den Kindern in den Wald gegangen. Als meine Kinder dann anfingen zu reiten, sind wir hierher gekommen.“ Ihr erstes Tageskind nahm die Bönenerin nach der Geburt ihrer heute 18-jährigen Tochter auf. „Ich wollte nicht, dass sie als Einzelkind aufwächst“, erklärt die gelernte Arzthelferin. Zunächst arbeitete sie vormittags als EDV-Fachkraft und nachmittags als Tagesmutter.

Frühstückspause: Nach dem Toben im Stall und im Garten brauchen die Kleinen erstmal eine Stüärkung von Carmen Rinkewitz

Vor sechs Jahren begann Carmen Rinkewitz dann mit der Ganztagsbetreuung. Einen Qualifizierungslehrgang hat sie absolviert, ebenso wie einen Jugendgruppenleiterlehrgang beim Naturschutzbund Deutschland. Im zarten Alter von ein paar Monaten kommen manche ihrer Zöglinge zu ihr. Die Eltern sind berufstätig, es gab keinen Kita-Platz oder das Konzept gefällt den Familien einfach. Das Programm von Carmen Rinkewitz besteht aus Spielen im Freien, aus Besuchen bei den vielen Tieren auf dem Hof und dem Entdecken der Natur. Ganz nebenbei lernen die Mädchen und Jungen eine Menge, zum Beispiel, dass Löwenzahn essbar ist, Maulwürfe in der Erde leben, und dass man sich nicht von hinten Pferden nähert. „Sie wissen genau, dass sie nicht allein zu den Tieren gehen dürfen. Da die Feinmotorik noch nicht so funktioniert, zwicken kleine Kinder schon mal – und da wird selbst das liebste Tier böse“, erklärt Carmen Rinkewitz.

Ganz vorsichtig streichelt der eineinhalbjährige Lennard deshalb über die Nase von Knubbel, der gutmütigen Ponydame. Die dürfen die Kleinen zum Spielen gerne mit in den Garten nehmen. Ebenso wie Paul und Süße, die Hunde, oder eine der fünf Hofkatzen. Zwei Ponys zum Knuddeln und auch schon mal für die ersten Reitversuche stehen Till, Lennard, Yannik und Lotta außerdem zur Verfügung. Rücksichtnahme nicht nur gegenüber den Vierbeinern ist in Bramey oberstes Gebot. Einer der Schützlinge von Carmen Rinkewitz ist etwa schwer herzkrank. Er benötigt zusätzlichen Sauerstoff, um den Druck von seiner Lunge zu nehmen. An den Schlauch und die Flasche mussten sich die anderen Kinder genau wie die Tiere gewöhnen.

Inzwischen tollt der Dreijährige ebenso vergnügt über den Hof, die Wiese oder den Reitplatz wie seine Spielkameraden. „Das zu sehen ist für mich die höchste Anerkennung“, sagt Carmen Rinkewitz. Aufgrund seiner Krankheit sei der Junge anfangs sehr unsicher gewesen. „Inzwischen ist er richtig aufgeblüht.“ Und für die Gesundheit sei das Spielen im Freien sowieso das Beste, so die Tagesmutter. Ganz nebenbei übt sie mit den Kindern Zählen, Buchstabieren oder Singen. „One, two, three“, macht der zweijährige Till vor. Beim Seilspringen hat er die englischen Wörter gelernt.

Bei soviel Frischluft und Bewegung werden die kleinen Hofbesucher natürlich auch mal müde. Dann machen sie es sich im Haus von Carmen Rinkewitz gemütlich. Seit September wohnt die zweifache Mutter auf der Hofanlage. Dort gibt es Frühstück, ein gemeinsames Mittagessen und einen Snack am Nachmittag. Bis zu zehn Stunden sind die Mächen und Jungen bei Carmen Rinkewitz. „Auf eine halbe Stunde mehr kommt es mir nicht an, wenn die Eltern Überstunden machen müssen“, sagt sie. Wichtig ist ihr der gute Draht zu den Müttern und Vätern. „Wir müssen schon auf einer Wellenlänge sein, damit es funktioniert.“ Bislang habe das aber immer geklappt.

Viele der ehemaligen Tageskinder besuchen Carmen Rinkewitz, die Pferde und all die anderen Hofbewohner heute noch regelmäßig. „Für sie bin ich ja eine Art Ersatzmama“, erzählt die Bönenerin. - fla

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