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„Der Blick von außen auf die Kirche ist mir wichtig“

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Von: Sabine Pinger

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Pfarrerin Susanne Krämer-Puzicha
Der Gottesdienst der Generationen lag Pfarrerin Susanne Krämer-Puzicha (links) immer besonders am Herzen. © Pinger Sabine

Eine Pastorin in der Gemeinde? Das war vor knapp 35 Jahren noch sehr ungewöhnlich. Bei der Kirche angestellte Frauen arbeiteten damals eher im Kindergarten oder in der Pflege. Viel hat sich verändert, seit dem Susanne Krämer-Puzicha damals ihr Vikariat in Dortmund begann. Acht ihrer Berufsjahre hat die Pfarrerin in Bönen verbracht. Jetzt geht sie den Ruhestand. Zum Abschied spricht die Theologin mit WA-Redakteurin Sabine Pinger über den Wandel in der evangelischen Kirche, über Herausforderungen, Gemeinschaft und bereichernde Begegnungen.

Frau Krämer-Puzicha, Pfarrerin zu werden war damals nicht nur ungewöhnlich, sondern auch gar nicht Ihr Plan A. Wie ist es dennoch dazu gekommen?

Das stimmt. Ich habe zunächst mit dem Lehramtsstudium begonnen, Theologie und Germanistik. Die Theologie, die ganzen Fragestellungen an sich, haben mich dann mehr und mehr gepackt. Auch durch die Sprachen – man muss ja dafür auch griechisch und hebräisch lernen – hatte ich Lust, tiefer in das ganze Umfeld des Alten Testaments einzudringen. Das war die wissenschaftliche Ebene. Die andere Ebene ist, dass ich damals gemerkt habe, dass ich das, was ich erfahren habe, nämlich in allem von Gott getragen zu werden, nicht nur an Kinder und Jugendliche weitergeben möchte, sondern an Menschen aller Altersstufen.

Zwar durften ab 1958 auch Frauen in der evangelischen Kirche diesen Beruf ergreifen, damals waren Sie als Pfarrerin aber eher noch die Ausnahme. Wie haben Sie das erlebt?

Das waren ganz andere Zeiten. Es war eben nicht selbstverständlich, als Frau Pfarrerin zu werden. Ich habe tatsächlich Antworten auf Bewerbungsschreiben bekommen, in denen stand, dass das zwar alles sehr vielversprechend klingen würde, was ich biete, das Presbyterium sich aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vorstellen könne, mit einer Frau zusammenzuarbeiten. Das hat sich gewandelt. Heute ist es ganz selbstverständlich, dass Frauen und Männer in den Gemeinden als Team zusammenarbeiten. Es ist ja mittlerweile so, dass unser Kirchenkreis von einer Frau geleitet wird, die Westfälische Landeskirche und sogar seit einigen Wochen die höchste Instanz, die Evangelische Kirche in Deutschland.

Als Sie angefangen haben, wäre das wahrscheinlich undenkbar gewesen. Haben Sie in Ihren ersten Berufsjahren zu spüren bekommen, dass Sie als Frau in diesem Beruf noch nicht überall angekommen waren?

Ja, das hat man schon gemerkt. Zum Beispiel bei Beerdigungsbesuchen bei Menschen, die mich noch nicht kannten. Da musste ich mich erst mal vorstellen. Mit einer Frau hatten sie nicht gerechnet. Umgekehrt hat das aber auch zu sehr positiven Erlebnissen geführt. Es haben sich nämlich sehr tiefe Gespräche entwickelt, und dann kamen Rückmeldungen wie ‘Bei Ihnen konnte ich das mal loswerden, weil Sie eine Frau sind und ich denke, dass Sie mich da besser verstehen und sich besser in mich einfühlen können als vielleicht ein Mann“.

Dieses Einfühlungsvermögen war ja auch sehr wichtig für Ihre Tätigkeit. Einer Ihrer Schwerpunkte lag schließlich im Bereich Seelsorge. So haben Sie unter anderem die Seelsorge in Pflegeheimen und Kliniken übernommen und später die Notfallseelsorge der Stadt Hamm koordiniert. War das nicht oft sehr belastend?

Ja, es ist belastend, aber man bekommt wie in anderen Seelsorgegesprächen auch sehr, sehr viel zurück. Allein das Gefühl, für diesen Zeitraum da gewesen zu sein für diesen Menschen ist belastend, stärkt aber auch zugleich. Und man wächst da langsam rein und lernt damit umzugehen.

Bestimmt ist es einfacher, einen Kindergottesdienst oder eine Trauung vorzubereiten. Warum haben Sie sich für diese besondere Seelsorge entschieden?

Seelsorge hat sich eigentlich durch meine ganze Berufslaufbahn gezogen und als Schwerpunkt erwiesen. Schwerpunkte, Stärken – es ist klar, dass man die gerne weiter ausbauen möchte. Man wird da hingeführt durch Ausbildung. Ich habe außerdem eine Supervisorinnen-Ausbildung drangehängt, ganz bewusst außerhalb der Kirche.

Warum außerhalb der Kirche?

Ich habe immer den Blick von Menschen von außen auf die Kirche als sehr bereichernd empfunden, auch von Menschen, die zu Kirche und Glauben keinen Zugang hatten. Und das war mir in der Seelsorge-Ausbildung noch mal ganz wichtig.

Wie sind Sie zur Notfallseelsorge gekommen?

Es kam eine Anfrage von der Stadt Hamm, wo die Notfallseelsorge bereits bestanden hat. Das war aber mehr in dem Rahmen, dass Pfarrer und Pfarrerinnen sich über ihren Dienst hinaus vorstellen konnten, in ihrer Gemeinde ansprechbar zu sein, wenn sie gebraucht werden. Unsere Aufgabe war es, das auf ein festes Fundament zu stellen und Strukturen zu schaffen. Das habe ich dann gemeinsam mit den katholischen Kollegen getan. Es war klar, Notfallseelsorge gelingt nur ökumenisch. Wir haben eine Satzung erarbeitet und erstmals Ehrenamtliche dafür geschult. Auch da sind schließlich Stärken und Ressourcen von Menschen, die lebenserfahren sind, die aufgrund ihrer Biografie und ihrer Berufsausbildung sehr geeignet sind, einfühlsame Gespräche zu führen und Menschen in Grenzsituationen zu unterstützen. Ich habe das Amt einige Jahre geführt und dann 2017 niedergelegt, weil ich meine Stelle kürzen und nur noch in Bönen mit einer halben Stelle tätig sein wollte.

Insgesamt waren Sie acht Jahre als Pfarrerin in Bönen. Was hat Ihnen an der Gemeinde besonders gut gefallen?

Das war so ein Déjà-vu-Erlebnis. Ich habe mein Vikariat in Dortmund gemacht, in einer Gemeinde, in der es gewachsene Bergarbeitersiedlungen gab. Zu meinem Bezirk hier in Bönen gehörten dann auch viele alte Zechenhäuser. Ich fand diese klare, offene Ansprache der Leute angenehm, dass sie auch mal sagten, ‘das war jetzt gut in dieser Situation wie Sie uns geholfen haben’, oder auch umgekehrt: ‘Kirche und Glaube ist nicht so mein Ding.’ Man wusste immer, woran man war. Damit kann ich gut umgehen. Und das ist auch mein prägender Eindruck von Bönen. Und natürlich die kulturelle Vielfalt mit einem hohen Anteil nichtreligiöser und muslimischer Mitbewohner sowie die gute Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche. Das fand ich sehr bereichernd.

Die Gruppe der Nichtreligiösen wird dabei immer größer. Ganz aktuell ist die Meldung, dass mehr als 155 000 Deutsche im vergangenen Jahr aus der Kirche ausgetreten sind – aus der katholischen, aber auch aus der evangelischen. Das sind so viele wie nie zuvor. Was wünschen Sie sich von ihrer Kirche, um diesem Trend entgegenzuwirken?

Ich wünsche mir mehr Offenheit nach innen, aber auch nach außen. Und mehr Begleitung von Menschen, die einen externen Blick auf die Kirche haben sowie Supervision nicht erst in einer Krisensituation in einem Pfarr- oder Kita-Team und in jeglicher anderen Struktur innerhalb der Kirche. Sie sollte selbstverständlich ein Mittel der Qualitätssicherung werden. Ich erhoffe mir davon, dass so schneller zur Sprache kommt, was die einzelnen Menschen brauchen – bevor es zu Handlungen kommt, die den Einzelnen schaden. Und dabei meine ich nicht nur Missbrauch.

Die Missbrauchsfälle erschüttern vor allem die katholische Kirche. Ist die evangelische Kirche da die bessere, wenn es um den Umgang damit geht?

In der evangelischen Kirche ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Da denke ich an das Gleichnis vom Splitter und vom Balken. Wenn man selbst einen Balken vor dem Kopf hat, sollte man nicht auf den Splitter im Auge des anderen achten. Wir müssen erst mal vor der eigenen Tür aufräumen und nicht abwägen, dass es bei uns nicht so schlimm sei. Was uns die Situation sagt, ist, dass beide Kirchen – die katholische zwar sicher mehr – gefordert sind, über ihre Strukturen und ihr System nachzudenken. Ich bin aber voller Hoffnung, dass da gute Anfänge gesetzt sind.

Welche denn?

Zum Beispiel werden ab Februar bezüglich des Missbrauchs in der evangelischen Landeskirche verpflichtende Schulungen durchgeführt – angefangen bei Pfarrerinnen und Pfarrern über Kita-Mitarbeiter bis hin zu Jugendmitarbeitern. Jeder ehrenamtliche Jugendmitarbeiter muss ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Das ist ein enormes Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Kirchenkreis Unna auf den Weg gebracht wird. Aber ich denke, das ist der richtige Weg.

Darüber hinaus bemühen sich die Kirchen, die Menschen anderweitig zu erreichen, mit neuen Formaten etwa. Sie haben beispielsweise in Bönen den Gottesdienst der Generationen initiiert. Was hat Ihnen das bedeutet?

Die Feier des Gottesdienstes habe ich nie so empfunden, als ob ich diejenige bin, die da vorne steht und was erzählt. Für mich war das immer eine Art Zwiegespräch. Mir war es ganz wichtig, Gottesdienste im Team zu feiern. Ich habe Anregungen gegeben, aber auch aufgenommen. So war das ein Gemeinschaftsprojekt. Und deshalb bin ich froh, dass bei meinem Abschiedsgottesdienst das Team des Generationengottesdienstes mitwirkt. Mir werden die Begegnungen mit den Menschen fehlen, die mir in acht Jahren in Bönen ans Herz gewachsen sind.

Hatten Sie dazu noch ein Lieblingsprojekt vor Ort?

Ja, ein Höhepunkt war für mich das Projekt „Ein Koffer für die letzte Reise“ in Zusammenarbeit mit dem Frauennetzwerk und der katholischen Kirche. Schon bei der Vorbereitung des Gottesdienstes und der Ausstellung fand eine Auseinandersetzung mit sich selbst statt. Es ging dabei um ein ernstes Thema, das Thema Tod und Sterben. Vor allem die Gespräche untereinander haben mir sehr viel Nähe gebracht. Das ist für mich eine sehr bereichernde Erinnerung.

Abschiedsgottesdienst

Verabschiedet wird Susanne Krämer-Puzicha am Sonntag, 30. Januar, in einem Gottesdienst in der Alten Kirche. Er beginnt um 9.30 Uhr. Wer dabei sein möchte, muss sich dafür im Gemeindebüro unter der Rufnummer 16 10 oder bei Pfarrer Detlef Belter unter der Telefonnummer 88 85 anmelden. Es gilt die 2G-Regel und Maskenpflicht.

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