Osterfliericher Zugmaulgeschwader kümmert sich um alte Traktoren

+
Zu jedem der historischen Fahrzeuge haben die Sammler eine Anekdote oder eine Erinnerung parat.

Bönen – Landwirte besitzen in der Regel Traktoren, um alle anfallenden Arbeiten auf ihren Äckern erledigen zu können. Und dann gibt es noch diejenigen, die zwar keine Landwirtschaft haben, aber ganz viel Spaß an alten Treckern - wie die Mitglieder des Osterfliericher Zugmaulgeschwaders. Sie hegen und pflegen ihre alten "Schätzken".

Tuck, Tuck, Tuck – wie viele Umdrehungen der „Tiger“, Baujahr 1963, im Leerlauf macht, weiß auch Ingo Schäfer nicht. Vielleicht 100 in der Minute. Dass dem Zweizylindertraktor aus der „Raubtierserie“ des bayrischen Herstellers Eicher die Puste ganz ausgeht, glaubt der Vizepräsident des Osterfliericher Zugmaulgeschwaders nicht. Die Langhuber aus den 60er Jahren haben schließlich ordentlich Schwungmasse an der Kurbelwelle hängen. 

Besitzer des tuckernden Trecker-Oldtimers ist Heiko Hellkötter, Präsident des eingetragenen Vereins. Zehn Jahre besteht der Club für historische Traktoren und sonstige landwirtschaftliche Maschinen. 71 Mitglieder kümmern sich aktuell um die Pflege des „alten Kulturguts“, erklärt Schäfer. 

„Die meisten sind aus Flierich“, ergänzt der 47-Jährige Materialdisponent des Bönener Autohauses Garske auch aus Lokalpatriotismus. „Fast jeder bei uns im Verein hat auch einen Trecker, oder mehrere.“ Es seien zwar auch aktive Bauern im eingetragenen Verein dabei, der Fliericher Wilko Hücking ist ein gelernter Landwirt, verdient sein Brot aber inzwischen anderweitig wie die Mehrzahl der Mitglieder. 

Ingo Schäfer, Heiko Hellkötter und Rudi Köhler (von links) vom Verein Zugmaulgeschwader Osterflierich kümmern sich um die Pflege eines alten Kulturgutes. Historische Traktoren stehen für sie im Mittelpunkt.

Einige wie der Ex-Postler Hellkötter oder der 71-jährige Rudi Köhler sind bereits im Ruhestand. Letzterer ist ortsbekannt durch seinen roten Hanomag R55, der jedes Jahr den Schlitten des Nikolauses zum Fliericher Adventsmarkt zieht. Viele der Trecker-Enthusiasten verbinden aber mit den Diesel getriebenen Arbeitstieren Kindheitserinnerungen. „Ich saß schon mit Pampers auf dem Trecker, mit einem Ledergurt festgeschnallt“, erzählt Schäfer. 

Hellkötters aktuelle „Arbeit“, der Eicher namens „Leopard“, der teilzerlegt in der Garage an der Goebel-von-Drechen-Straße steht, schafften seine Eltern 1962 an. „Wir haben alle Spaß am Schrauben“, bringt der Präsident die Interessen der Mitglieder des Zugmaulgeschwaders auf einen gemeinsamen Nenner. Familienerbstücke sind das eine. Oft sind es im wörtlichen Sinne aber Scheunenfunde, die auf der Werkbank der Oldtimerfans landen. 

„Wenn jemand einen Trecker loswerden möchte, fragt er bei uns an“, erklärt Schäfer. Quellen seien zudem Landmaschinenhändler, die alte „Schätzken“ auf dem Hof stehen haben. Die Preise zogen allerdings auch in dieser Sammlernische in den letzten Jahren an. Spekulationsobjekt wie manches PKW-Modell sei der Trecker noch nicht. 

Alte Traktoren beim Zugmaulgeschwader Osterflierich

"Wir bauen in der Regel komplett auseinander“, sagt Schäfer. „Manche restaurieren dann auf neu, andere begnügen sich damit, die Maschine technisch fertig zu machen.“ Original-Ersatzteile gebe es zum einen noch bei Händlern. Hellkötter zeigt einen etwas verblichenen gelben Karton mit Hella-Aufschrift. Darin liegt der „neue“ Scheinwerfer seines „Leopard“. Auch den Ersatz für den gebrochenen Eicher-Schriftzug auf dem Kühlergrill hat er schon organisiert. Und dann nutzen die Treckerfreunde auch die allgegenwärtigen Internetportale wie Ebay-Kleinanzeigen. 

Und wie die „normalen“ Oldtimerfreunde greift bei der Beschaffung das Netzwerk. „Wir helfen uns gegenseitig. Jeder kann was, jeder kennt einen, der einen kennt“, erklärt Schäfer. Wie lange eine komplette Überholung dauert, vermögen die Schrauber nicht zu sagen. „Zeit darf man nicht rechnen“, heißt es. Wenn fertig restauriert, werden die Fahrzeuge TÜV-abgenommen. 

Und sie werden genutzt. Meist nicht im Alltag, aber durchaus nicht nur zum spazierenfahren. „Ausfahrten wie jährlich zum Weihnachtsmarkt in Hilbeck gehören dazu, ohne Frage“, sagt der Vizepräsident. Hückings „Fahr D 180 H“ (Baujahr 59), sein „IHC 824“ oder der „Güldner ABN 10“, Schäfers „Hanomag R217S“ oder eben der „Eicher Tiger“ sind aber auch zum Einsatz im Feld. Schließlich besitzen die Vereinsmitglieder zahlreiche landwirtschaftliche Geräte, die ins „Zugmaul“ gehängt werden können. „Ein Landwirt stellt uns einen Streifen Acker zur Verfügung, auf dem wir Kartoffeln anbauen wie im Jahr 1950. Maschinell wird gesetzt, angehäufelt und gerodet. Aufgelesen wird dann per Hand“, erklärt Hellkötter.

Kartoffelanbau wie damals: Die alten Zugmaschinen kommen auch auf dem Feld noch zum Einsatz.

„Ansonsten läuft unser Vereinsleben wie in anderen Vereinen“, so der Präsident. Die Zugmäuler treffen sich regelmäßig im Schützenheim Drechen, sie zünden gemeinsam mit deren Avantgarde ein Osterfeuer, vierteljährlich gibt es „Dieselgespräche“ bei Mitgliedern. „Mit Treckerlatein“, sagt Schäfer. Jeder Trecker habe seinen Charme, seine Macken und seine Geschichte. 

Und am 12. und 13. September 2020 lädt das Osterfliericher Zugmaulgeschwader zum großen Treckertreff zu Nordhoff in Hamm-Allen. „Da kommen je nach Wetter bis zu 300 Trecker zusammen. Die meisten fahren ja Cabrio. Das ist dann mit Übernachtung und Dorfabend“, erklärt Schäfer. „Wir machen das alle drei Jahre im Wechsel mit den befreundeten Vereinen in Schwefe und Norddinker“, ergänzt Hellkötter. „Wir sind offen für alle, der eigene Trecker ist nicht Eintrittskarte“, so der Vorstand. Frauen gehören dem Verein ebenso an wie Besitzer anderer historischer landwirtschaftlicher Fahrzeuge. Neben dem Kartoffelroder gehört ein Claas Mähdrescher „Europa“ zum Inventar. 

„Meine Tochter Alena ist 17, macht gerade den Führerschein, wollte und will Trecker fahren“, weist Schäfer auf die besondere Familientradition hin: „Es heißt bei uns, die kriegt kein Pferd, die kriegt nen Trecker“, bringt er die immer noch hohe Zugkraft des motorisierten Arbeitstiers bei Kindern auf den Punkt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare