Online mehr Teilnehmer als zuvor

VHS steuert erfolgreich digital und kreativ gegen die Coronakrise

Dr. Thomas Freiberger im leeren Schulungsraum der VHS Kamen-Bönen
+
Allein im leeren Schulungsraum: Dr. Thomas Freiberger freut sich über die gute Akzeptanz des Online-Angebots der VHS.

Bönen/Kamen – Die dritte Welle der Coronapandemie schlägt aktuell hohe Inzidenz-Wellen, Präsenzveranstaltungen müssen abgesagt werden. Dennoch läuft es bei der VHS Kamen-Bönen besser als gedacht. „Wir sind ruhig und zuversichtlich“, fasst VHS-Chef Dr. Thomas Freiberger die Lage zusammen. „Fast durchgängig haben wir jetzt online mehr Teilnehmer als vorher.“

Allerdings mache sich nun nach der ersten Euphorie im zweiten Semester auch eine gewisse Müdigkeit breit, weil die Menschen schon beim Homeschooling und Homeoffice stundenlang vorm Bildschirm sitzen. Abends noch einen VHS-Kurs online verfolgen, das werde manchen einfach zu viel.

Angebot

Dass der Betrieb unter den schwierigen Coronabedingungen so gut laufen würde, das hatten auch Freiberger und sein Team zunächst nicht erwartet. „Das Virus ist außer Kontrolle und in der Fläche, deshalb müssen wir auch den Start der Präsenzkurse bis auf Weiteres verschieben“, erklärt der Leiter der Volkshochschule Kamen-Bönen. „Wir haben bereits Anfang des Jahres alles, was machbar ist, in den Online-Bereich geschoben. Von daher läuft bei uns ein Rumpfbetrieb – zwar nicht in der Menge wie üblich, aber wir haben 30 bis 40 Kurse, die laufen. Wir müssen noch mal sehen, was wir an Einzelveranstaltungen online anbieten können.“

Buchungen

Gerade diese Einzelveranstaltungen würden aber aktuell eine große Nachfrage erfahren. „Das hat uns teilweise überrascht“, berichtet Freiberger. „Wir hatten zum Beispiel einen Vortrag über eine Rundreise durch Frankreich in leichtem Französisch angeboten, da war die Nachfrage so hoch, dass wir den Vortrag teilen mussten – einmal mit 90, einmal mit 100 Anmeldungen. Das sind Größenordnungen, die haben wir in Präsenzform so noch nie erlebt.“ Und scherzhaft fügt er hinzu: „Ich bin ja für den Bereich politische Bildung im Hause zuständig – so eine Veranstaltung ersetzt zehn Vorträge von mir.“

Aber selbst in diesem Bereich spüre er jetzt Aufwind. „Ich habe eine Buchvorstellung zu einer Biografie über Henry Kissinger gemacht, da hatte ich über 20 Anmeldungen. Sonst bin ich froh, wenn zwölf Besucher zu so einem Vortrag kommen.“

Denn ein Gutes habe die Umstellung auf das Onlineformat, sie erreicht mehr Menschen in der Fläche. Wer sich in Bochum für ein Thema interessiert, der kann auch an einem Kurs oder Vortrag der VHS Kamen-Bönen teilnehmen. Und das tun die Menschen offensichtlich in Zeiten der Pandemie, in der sie auch mehr Zeit zu Hause verbringen, die sie sinnvoll nutzen möchten, so Freibergers Erfahrung. Sie müssen sich nach der Arbeit nicht hetzen, sondern nehmen an dem Vortrag bequem zu Hause auf dem Sofa teil.

Hybridveranstaltungen

Für den Bücherabend in Kooperation mit der Bücherei im Herbst beispielsweise, in dem Neuerscheinungen vorgestellt wurden, seien über 40 Anmeldungen eingegangen. Zwar habe es während der Sitzung keine Beiträge der Teilnehmer gegeben, „aber im parallel laufenden Chat gab es einen regen Austausch und weitere Empfehlungen, das war ganz interessant“.

Auch Veranstaltungen zusammen mit dem Verbraucherschutz waren sehr gefragt. „Das geht alles, da ist viel Potenzial. Wir haben bereits überlegt, auch künftig Präsenzveranstaltungen mit einer Onlineübertragung zu koppeln.“ Das könnte eine neue Strategie sein für die Zukunft der VHS: Zweigleisig fahren und mehr Hybridveranstaltungen zu planen und beide Kanäle zu nutzen, um eine größere Breitenwirkung zu haben.

Baufortschritte in der Alten Mühle

Es wird noch dauern, bis die VHS in die Alte Mühle zurückkehren kann. Noch läuft die Sanierung auf Hochtouren, wie Fachbereichsleiter Robert Eisler mitteilt. Die Dacharbeiten sind demnach fast abgeschlossen. Dort wird derzeit der Umlauf auf dem Flachdach gepflastert. Im Inneren werden das Foyer und das Büro des Archivars gestrichen.

Demnächst wird die Innenbeleuchtung komplett erneuert. Aufgrund eines Wasserschadens muss die Akkustikdecke im Bereich des neuen Archivs erneuert werden. Im Außenbereich wird der Eingangsbereich barrierefrei gestaltet und eine Außentreppe für den zweiten Rettungsweg aus dem Trauzimmer installiert. Die Haupt- und Hintereingangstüren werden erneuert. Die Fertigstellung der Alten Mühle ist derzeit für den Sommer geplant.

Neu sei auch, dass die Mitarbeiter mehr positives Feedback erhalten. „Die Teilnehmer einer Onlineveranstaltung erhalten per Mail von uns die Zugangsdaten und drücken dann öfter mal auf die Returntaste und schicken uns ein paar Zeilen mit einem Dankeschön und aufmunternden Worten. Das freut uns sehr, und davon zehren wir, wenn es mal nicht so gut läuft.“

Finanzen

Er habe sogar Anfragen von Teilnehmern bekommen, ob man etwas spenden könne. Denn viele Online-Angebote sind aktuell kostenfrei. Das könne ein Grund sein, warum der Zulauf derzeit so groß ist. „Es gibt aber auch Volkshochschulen in der Nachbarschaft, die eine Gebühr erheben, und das wird gut angenommen“, weiß Freiberger. Denn bei aller Freude über die gute Akzeptanz der Online-Angebote, die VHS muss auch auf die Finanzen schauen. Für die mehrteiligen Kurse wird eine Gebühr erhoben, unabhängig davon, ob sie als Präsenzveranstaltung oder online durchgeführt werden.

Mit einem Programmheft warben VHS-Chef Dr. Thomas Freiberger und Mitarbeiterin Esther Hahm 2019 noch für Präsenzkurse, derzeit läuft der Betrieb nur online.

„Die Kursräume sind vorhanden, aber gerade für die Online-Durchführung muss Technik rangeschafft, die Online-Plattform bezahlt werden“, erläutert Freiberger. Onlinekurse werden nicht voll besetzt, so dass später auch die Möglichkeit besteht, sie gefahrlos als Präsenzveranstaltung weiterzuführen. Damit bewegt sich die VHS Kamen-Bönen finanziell gerade an der Deckungsgrenze. „Mit den Online-Veranstaltungen machen wir Verluste, wir haben zurzeit aber nicht mehr die großen Sportkurse, die das ausgleichen.“

Digitalisierung

Eine weitere Auswirkung der Pandemie: „Wir lernen gerade sehr viel über Technik. Deutschland hat wesentliche Entwicklungen verschlafen. Die Krise legt diese Schwächen gnadenlos offen. Ohne Digitalisierung geht nichts mehr. Wir haben hier unglaublich schnell improvisiert, Technik zusammengekauft und aus dem EDV-Raum Rechner in die Schulungsräume gestellt, die die Dozenten nutzen können, die zu Hause nicht über die erforderliche Ausrüstung und das Netz verfügen.

Da bin ich auch sehr stolz auf mein Team, dass wir so schnell auf Online-Betrieb umstellen konnten – der komplette Sprachbereich zum Beispiel, aber auch die Yogakurse.“ Das lasse sich gut auch in den heimischen vier Wänden umsetzen, weil dafür nicht viel Platz benötigt wird. Selbst ein Schnupperkurs Nähen flimmerte über die Bildschirme. „Kochen ist unter den Hygienevorschriften schwierig, aber auch machbar. Im nächsten Semester machen wir einen Online-Kochkurs“, verspricht der VHS-Chef.

Natürlich gebe es auch Hemmschwellen, die überwunden werden mussten beim Umgang mit der Technik – bei Teilnehmern und Dozenten. „Da hat sich mein Team ans Telefon gesetzt und Überzeugungsarbeit geleistet, es online doch einfach mal auszuprobieren – mit Erfolg.“ Damit auch Teilnehmer, die nicht so geübt im Umgang mit Onlineplattformen sind, an den Kursen teilnehmen können, hat das Team die ersten beiden Sitzungen begleitet, um bei Startschwierigkeiten helfen zu können.

„In 90 Prozent der Fälle war die Ursache für technische Probleme übrigens das schwache Internet“, sagt Thomas Freiberger. „Das große Hallo und das Strahlen, wenn das Einloggen dann geklappt hat, und sich die Teilnehmer auf dem Bildschirm oft zum ersten Mal nach langer Zeit ohne Maske wiedersehen konnten – viele sind ja Stammkunden und kennen sich seit vielen Jahren – das war ein schöner Moment. Das hat ja auch einen wichtigen sozialen Effekt.“

Integrationskurse

Alle Schulabschlussklassen und Integrationskurse laufen mittlerweile online. Mit Geldern, die aus den Integrationskursen erwirtschaftet wurden, konnten 30 neue Tablets angeschafft werden für die Teilnehmer der Integrationskurse. „Eine interessante Erfahrung ist, dass die Geflüchteten am besten mit dem Online-Unterricht klarkommen, weil sie gewohnt sind, mit ihren Familien online Kontakt zu halten. Wir hatten auch sehr gute Prüfungsergebnisse.“

Der VHS-Leiter sieht die Funktion der VHS in Zukunft, mit dem Haus der Bildung in Heeren und der Alten Mühle in Bönen, als Begegnungsort. „Die menschliche Begegnung ist das Kernmerkmal unserer Arbeit, die ist aber im Moment massiv gestört.“ Freiberger geht davon aus, dass ein Normalbetrieb erst im kommenden Jahr möglich sein wird. Bis dahin müsse man eben andere, neue Wege gehen und manchmal auch kreativ und flexibel sein, damit Corona nicht die Idee der Volkshochschulen tötet.

Programm und Buchung: www.vhs-kamen-boenen.de oder Telefon 913 513

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare