„Das ist wie eine Familie“

Nur wenige Männer arbeiten als Tagesvater: Deniz Yesil (46) gehört dazu

Das Ehepaar Deniz Yesil und Dilek Yesil mit ihren Kindern: Beide arbeiten in der Kindertagespflege. „Das ist nicht wie eine Arbeit für mich, das ist wie eine Familie“, sagt Tagesvater Deniz Yesil (46).
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Das Ehepaar Deniz Yesil und Dilek Yesil mit ihren Kindern: Beide arbeiten in der Kindertagespflege. „Das ist nicht wie eine Arbeit für mich, das ist wie eine Familie“, sagt Tagesvater Deniz Yesil (46).

Ein Gespräch mit Deniz Yesil zu führen, ist gar nicht so einfach – zumindest dann nicht, wenn seine drei kleinen Kinder Hejar Rojna (sechs Jahre), Siyar Can (4) und Cinar Arin (1) zu Hause sind. Fast im Fünf-Minuten-Takt hastet der 46-Jährige aus der Küche, um nach dem Rechten zu sehen, wenn es im Nebenraum mal wieder lauter wird.

Bönen – „Er kann nicht Nein sagen“, erklärt seine Frau Dilek Yesil (41) mit einem Lachen auf dem Gesicht und führt die Unterhaltung weiter. Deniz Yesil hat viel für Kinder übrig, das ist sofort zu merken. Das hat er zum Beruf gemacht. Er ist einer von ganz wenigen Tagesvätern im Kreis Unna.

In vielerlei Hinsicht ist die Bönener Familie Yesil beruflich betrachtet eine Ausnahme. Denn sie ist Tagesmutter und er Tagesvater. Laut Katja Schuon, Fachbereichsleiterin der Jugendhilfe in Bönen, Fröndenberg und Holzwickede, gibt es so etwas in diesem Gebiet derzeit nicht noch einmal, dass beide Ehepartner dieser Arbeit nachgehen. In Holzwickede legt ein Mann gerade die Prüfungen ab, dann wäre es mit der Einzigartigkeit vorbei. Vier Tagesväter gebe es dann insgesamt, einer davon ist Deniz Yesil, der zudem als vor über 25 Jahren aus der Türkei geflohener Kurde zur geringen Zahl derjenigen mit Migrationshintergrund in der Kindertagesbetreuung gehört.

Er tanzt und singt mit ihnen – oder versucht es zumindest. Das sieht man ihm gar nicht an.

Dilek Yesil, Deniz Yesils Ehefrau

Abseits der Zahlen muss alles mit Leben gefüllt werden, so wie es Deniz Yesil tut. „Das ist nicht wie eine Arbeit für mich, das ist wie eine Familie“, sagt er. „Er tanzt und singt mit ihnen – oder versucht es zumindest. Das sieht man ihm gar nicht an“, findet seine Frau.

Dabei spielten Kinder für ihn lange keine große Rolle. Als er noch in der Türkei war, hatte er keine große Lust, sich um seine Neffen zu kümmern, und ursprünglich wollte er sowieso zur Universität gehen. Nach der Flucht nach Deutschland arbeitete er lange als Lagerist. Erst als seine erste Tochter aus erster Ehe heranwuchs, merkte er, dass ihm etwas fehlt. „Ich habe sie gar nicht gesehen. Sie war fremd zu mir“, sagt er heute.

Die vielen Nachtschichten in seinem Job ebneten letztlich aber Jahre später doch den Weg in seine neue Rolle. Wenn er morgens nach Hause nach Bönen kam, wohin er mittlerweile aus Gelsenkirchen der Liebe wegen gezogen war, war an Schlaf nicht zu denken. Dilek Yesil ist nämlich seit 2011 Tagesmutter, das Spielzimmer ein wichtiger Bestandteil der Wohnung. Bis mittags, wenn die kleinen Gäste schlafen gelegt wurden, beschäftigte ihr Mann sich gerne mit den Kindern, legte sich dann ebenfalls hin und fuhr abends wieder nach Essen zur Arbeit.

Wohnung an der Tulpenstraße angemietet

2014 machte er dann die notwendige Fortbildung und übernahm von seiner Frau die Betreuungskinder seiner Frau in deren Erziehungsurlaub. „Ich kannte sie ja schon, das hat gut gepasst“, erklärt er. Danach übernahm er immer wieder Vertretungen, bis irgendwann eine junge Familie fragte, ob er nicht ihren Nachwuchs betreuen wolle. 2019 mietete das Paar deshalb eine Wohnung an der Tulpenstraße an, wohin Deniz Yesil nun jeden Tag zur Arbeit fährt.

Es ist ein Ganztagsjob, denn manches Mal wird eines der Kinder schon um 5 Uhr morgens zu den Yesils gebracht. Um 15 Uhr geht das letzte, weil Yesils neben den klassischen Kita-Zeiten auch Randzeiten übernehmen. Manchmal übernachten die kleinen Gäste sogar, was besonders Hejar Rojna, Siyar Can und Cinar Arin freut, bleiben die Spielkameraden so doch länger bei ihnen.

Die Betreuung bieten Yesils ab drei Monaten bis zum Alter von 14 Jahren an. Eher selten geht es weit über das Kindergartenalter hinaus. „Es macht Spaß“, sagen Beide. „Für mich war es immer klar, dass ich was mit Kindern mache“, ergänzt Dilek Yesil, die 2005 mit ihrer Erzieherinnen-Ausbildung angefangen hatte und 2011 auf Empfehlung ihrer damaligen Chefin Tagesmutter wurde.

Die Herkunft spielt keine Rolle

Beide sind dreisprachig, gesprochen wird bei den „Sonnenscheinkindern“, so der Name der beiden Gruppen mit den fünf beziehungsweise bis zu sieben Mitgliedern, allerdings nur deutsch. Höchstens zur Eingewöhnung werden ein paar türkische Wörter benutzt. „Wenn ich sehe, dass das Kind mich nicht versteht“, sagt Dilek Yesil. Weil die ganze Spielzeit Wörter zu Dingen zugeordnet werden, lernen alle ganz automatisch deutsch nebenbei beim Spielen, Basteln und Tanzen. So leistet die Familie einen Beitrag zur Integration.

Und der Herkunft kommt im Spielzimmer sowieso keine Bedeutung zu. „Das sehen die gar nicht“, sagt die Tagesmutter, die zusätzlich zurzeit auch ein Inklusionskind betreut, für das im Umgang der Kinder untereinander das Gleiche gilt.

Gemeinsame Ausflüge zum Spielplatz

Deniz Yesil hat auch schon Flüchtlingskinder, zum Beispiel aus Syrien, Pakistan und Afghanistan, betreut, bald kommt ein Kind aus Somalia zu ihm. Da er das Schicksal der Familien kennt, kann er sich in deren Gefühlswelten hineinversetzen. Seine Sprachkenntnisse reichen dann aber nicht mehr aus. So muss schon mal ein Verwandter beim Gespräch mit der Mutter aushelfen. Und manchmal hilft ganz einfach der Online-Übersetzer.

Dass beide als Tagesbetreuer arbeiten, hat einige Vorteile für die Kinder. Sie haben die beiden Gruppen zum Beispiel oft gemeinsame Ausflüge zum Spielplatz gemacht, sodass sich die Zahl der Spielkameraden erhöhte. Doch seit die Yesils ihre Türen in der Coronazeit wieder öffnen können, gilt die Abstandsregel, dürfen sich die Kinder nicht durchmischen. Überhaupt ist die aktuelle Phase schwierig, besonders der erste Lockdown. „Wir haben die Kinder richtig vermisst, als wir sie nicht sehen konnten“, sagt Dilek Yesil. die wie wohl auch die Eltern froh ist, dass die Betreuung derzeit möglich bleibt.

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