Kalt erwischt: Andreas Hülsmann reist mit dem Motorrad durch die Mongolei

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Die "Badesaison" bei minus 14 Grad eröffnet: Andreas Hülsmann und Rainer Krippner in Badehose auf dem zugefrorenen Khovsgol See im Norden der Mongolei.

Bönen – Auf Motorrädern im Winter bei bis zu minus 37 Grad durch die Mongolei fahren – eine völlig verrückte Idee, und sicher nichts für Warmduscher. Aber eine echte Herausforderung und „ein eindrucksvolles und unvergessliches Erlebnis“, sagt der Nordbögger Andreas Hülsmann, der sich zusammen mit seinem Reisebegleiter Rainer Krippner dieser Herausforderung gestellt hat.

2400 eiskalte Kilometer waren sie unterwegs von der Hauptstadt Ulaan Baatar bis zur Nordspitze des Khovsgol, des zweitgrößten Sees des Landes an der russischen Grenze, und zurück. Mit ihren Bikes haben sie den See aber nicht umrundet, sie sind drüber gefahren – im Winter friert das Gewässer nämlich komplett zu. Ein ganz besonderes Fahrerlebnis.

 „Warm kann ja jeder“, ist das Motto von Andreas Hülsmann und Rainer Krippner, als sie am 3. Februar zu dieser besonderen Winterreise aufbrechen. Das Gespann von Andreas Hülsmann – eine BMW F800 mit Beiwagen – hat da schon Ulaan Baatar erreicht, verpackt in einer fetten 5,5 Kubikmeter großen Kiste. Gesamtgewicht: stolze 600 Kilogramm. 

Erste Hürde: Die Kiste auf den Weg zu bringen. „Da sind die Mittel, die eine häusliche Logistik zur Verfügung stellen kann, schnell am Ende. Da ging nichts ohne umfangreiche Nachbarschaftshilfe in Nordbögge“, sagt Hülsmann. Bleibt also „nur“ noch das kleine „Gepäck“, das mit an Bord geht – warme Klamotten, Lebensmittel, Fotoausrüstung etc. – macht 55 satte Kilos – wer hätte das gedacht.

Erster Aufreger bereits am Frankfurter Flughafen: Im Fokus der Sicherheitskontrolle Rainer Krippners nicht gerade kleines Jagdmesser. Das gehört nun wirklich nicht ins Handgepäck. Hatte er wohl bei all dem Packstress übersehen. Die Reise wird also auch ohne das Messer stattfinden müssen. 

Von Moskau über Seoul nach Ulaan Bataar

Bis Moskau ist noch alles im grünen Bereich. „Wir kamen verspätet an, und der Flieger nach Ulaan Baatar war leider schon weg“, erzählt Hülsmann. Da ist mal Geduld angesagt am Transitschalter der Aeroflot. Fünf Stunden später erhalten sie neue Tickets. Allerdings ist es inzwischen Mitternacht. Also ab in ein Hotel. „Das lag dummerweise außerhalb des Flughafens, und wir hatten kein russisches Visum. Endlich angekommen, durften wir das Zimmer nicht verlassen“ erinnert Andreas Hülsmann sich. „Zum Frühstück ging es nur in Begleitung der Sicherheitskräfte. Unser Status in Russland: Geduldet.“ 

Dann fliegen die beiden nach Seoul in Südkorea – über Ulaan Baatar hinweg, das auf dem Weg liegt – und anschließend 2000 Kilometer wieder zurück. Manchmal ist das eben so. In Ulaan Baatar gelandet, empfängt die Abenteurer erstmals richtige Kälte – minus 27 Grad – und die Wärme einer mongolischen Großfamilie. Denn Rainer Krippners Frau stammt aus der Mongolei, ihre Familie nimmt die beiden auf. Das heißt, ein paar Tage Zeit müssen sich die beiden Besucher schon nehmen.

„Seine Aufwartung zu machen, ist eine Frage des Respekts in der Mongolei, einem Land, in dem die familiären Bande sehr eng sind“, berichtet Hülsmann. Außerdem herrscht gerade Ausnahmezustand, das buddhistische Neujahrsfest wird gefeiert – mehrere Tage lang. Behörden wie der Zoll sind geschlossen. Also ist Sightseeing in der Hauptstadt angesagt – und jede Menge Essen. Gastfreundschaft wird groß geschrieben. 

Faszinierende Landschaft: Der Norden der Mongolei ist stellenweise menschenleer.

Dann sind die Feiertage vorbei, die Zollformalitäten erledigt und es kann losgehen. Die bange Frage ist nur, werden die Bikes auch anspringen? Seit einem halben Jahr steht Rainer Krippners China-Moped bereits im Container. In den letzten Nächten sanken die Temperaturen bis auf minus 35 Grad Celsius. Nun muss die Dayun 200 Super wieder zum Laufen gebracht werden. Immerhin beträgt die Temperatur tagsüber jetzt schon minus 22 Grad. 

Auch die BMW von Andreas Hülsmann wird aus ihrer Kiste befreit. Ein erster Druck auf den Starterknopf bringt Ernüchterung. Nichts regt sich. Die BMW ist wie tiefgefroren. Ruhig durchatmen und Ursachenforschung beteiben. Letztlich fehlt einfach nur Benzin. Nach mehreren Starts dann ein zaghaftes Tuckern. Sie läuft. Geht doch! 

Die erste Etappe führt nach Darchan, eine Stadt 220 Kilometer nordwestlich von Ulaan Baatar. Mit von der Partie sind Ugtaa und Tulgaa, Einheimische, die im Pkw die Reise begleiten – für den Notfall. Außerdem können sie unterwegs dolmetschen, was auf dem Land hilfreich ist. 

Andreas Hülsmann sitzt dick verpackt auf seiner BMW. „Das textile Bollwerk gegen die Kälte ist vielschichtig“, verrät Andreas Hülsmann. „Eine Thermokombi allein reicht bei minus 30 Grad nicht aus.“ Darunter sind eine Daunenkombi und extrawarme Unterwäsche angesagt. 

Zwischen Hotel- und Außentemperatur liegen mehr als 50 Grad

Am Ende des Tages erreichen sie Darchan nach sieben Stunden. Mehr als 60 km/h sind bei den schlechten Straßenverhältnissen in der Mongolei mit dem Gespann nicht drin. Die Motorräder haben für die Nacht einen Platz in der beheizten Hotelgarage gefunden. Beheizt heißt in diesem Fall „nur“ minus 6 Grad. Im Hotel selbst sind es 25 Grad plus, ein Unterschied von fast 50 Grad zur Außentemperatur. „So ein Wechselbad trifft dich jedes Mal wie ein Hammer“, sagt Hülsmann. 

Am nächsten Tag setzen sie ihre Reise fort. Die Gretchenfrage lautet: Fotos von der Landschaft machen oder weiterfahren? „Ein Fotostopp ist nämlich bei den Temperaturen eine aufwendige Sache“, erklärt Andreas Hülsmann. „Anhalten, absteigen, Handschuhe ausziehen, entkabeln, Hände wärmen, Fototasche öffnen, Hände wärmen, Kamera einschalten, Motiv im Sucher einrichten, Hände wärmen…“ Also dann doch lieber muckelig eingepackt weiterfahren. „Ich gebe zu, bei dieser Kälte erstarrt meine Disziplin.“ 

Im dicken Eis des Khovsgol Sees bilden sich teilweise tiefe Rinnen, die für die Motorradfahrer gefährlich werden können.

Dann geht es über Bulgan und Murun zum Khovsgol See. 130 Kilometer lang ist die Strecke über den zugefrorenen See. Manchmal ist der Weg eben wie ein Spiegel, manchmal rau, wie eine üble Wellblechpiste. Immer wieder tauchen Risse im Eis auf. Oft nur wenige Zentimeter breit, manchmal viel größer. Diese Risse gilt es zu entdecken, sie rechtzeitig auszumachen. Gelingt das nicht, scheppert es ordentlich. „Bremsen funktioniert nicht wirklich, da der gefrorene Untergrund nur minimalsten Reibungswiderstand bietet. Die Motorräder mussten einiges einstecken“, berichtet Andreas Hülsmann. 

Utgaa und Tulgaa, die die Biker im Auto begleiten, sind nicht so begeistert, über das Eis zu fahren. Ihnen war zu Ohren gekommen, dass vor einigen Tagen ein Fahrzeug eingebrochen sein soll. Doch letztlich lassen sie sich von Magnai, einem Einheimischen, der den See gut kennt, überzeugen, dass das Eis mehr als 1,20 Meter dick sei und auch einen Lkw tragen könne. 

Magnai betreibt ein Camp in Khatgal, vermietet Hütten im Winter und kümmert sich um Touristen. Der kleine immer gut gelaunte Mann kennt das Eis, weiß um die schwierigen Passagen. Und da er gerade Zeit hat, begleitet er die Deutschen auf dem Weg nach Khankh am anderen Seeufer. „Eine Straße über das Eis gibt es nicht wirklich, nur Spuren denen man folgen kann. Immer wieder enden diese Spuren vor Verwerfungen oder Rissen, die man ausfindig machen muss. Und das beherrscht Magnai“ erzählt Hülsmann. „Wenn du still bist, kannst du dem Eis bei der Arbeit zuhören“, weiß Magnai. Das sei gut, denn dann sei das Eis gesund. „Wenn es schweigt, dann muss man höllisch aufpassen.“ 

Die Einheimischen brauchen für die Fahrt über das Eis knapp vier Stunden. „Wir haben fast doppelt solange gebraucht, weil wir Fotos machen wollten.“ Motive gibt es mehr als genug. Eine Landschaft mit Wow-Effekt. 

In Khankh angekommen scheint die Welt zu Ende zu sein, aber eben doch nicht ganz. Da gibt es noch die Nomaden, die verstreut im russisch-mongolischen Grenzgebiet leben. Sie fahren noch einmal raus auf den See, diesmal nach Westen. Nur wenige Spuren führen in diese Richtung. Schon vom Eis sind die Hütten der Hirten zu sehen. Verstreut liegen sie vor den Gipfeln des Buren-Haan Gebirges. 

Den Winter verbringen die meisten Nomaden in diesen festen Behausungen. Die Hütten sind klein, haben oft nur ein Zimmer, in dem die ganze Familie in den kalten Monaten lebt. Und natürlich laden sie zu einem Imbiss ein. 

Dann müssen sich die beiden sputen, denn die Sonne steht schon tief. Schließlich haben sie noch eine Mission. Die Eröffnung der Badesaison am Khovsgol. Allerdings wird sie nur symbolisch ausfallen. Trotzdem – Badehose an, Badekappe aufgesetzt und ab aufs Eis. Utgaa, Tulgaa und Magnai schütteln nur die Köpfe. 

Minus 14 Grad sind es, da muss alles schnell gehen. Der Spaß dauert nur ein paar Minuten, und trotzdem zeigen sich schon die ersten Erfrierungen an den Fußsohlen. „Aber das Bild, das schon lange vor der Reise in unseren Köpfen herumgeisterte, haben wir“, freut sich Andreas Hülsmann.

Fakten zum Reiseziel

Das Ziel: Die Mongolei liegt im östlichen Teil Zentralasiens und grenzt an Russland im Norden und an China im Süden. Das Land ist fünfmal so groß wie die Bundesrepublik, es leben aber nur rund drei Millionen Menschen in dem Land, fast die Hälfte davon in der Hauptstadt Ulaan Baatar. 

Der Khovsgol See südlich der russischen Grenze ist der zweitgrößte See des Landes mit einer Länge von 130 Kilometern und einer Breite von 40 Kilometern. Nach dem Baikalsee bietet er das zweitgrößte Süßwasserreservoir Asiens mit 70 Prozent des Trinkwasservorkommens in der Mongolei. Die maximale Tiefe liegt bei 262 Metern. Im Winter ist das Gewässer zugefroren. Der Khovsgol liegt inmitten eines Naturparks auf einer Höhe von 1624 Metern. 

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