Am helllichten Tag

Niemand greift ein: Bönenerin erlebt an der Bahnschranke Traumatisches

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Jedes Mal, wenn Melanie Lohoff über den Bahnübergang gehen oder fahren muss, kommen die Erinnerungen an das Erlebte zurück.

Ein Zwischenfall am helllichten Tag, mitten in Bönen, bei geschlossenen Schranken lässt einer Bönenerin keine Ruhe. Auch, dass mittlerweile ein Gericht urteilte, hilft der Frau nicht.

Bönen – Nicht in dunkler Nacht, nicht an einem einsamen Ort ist Melanie Lohoff zum Opfer geworden. An einem Sommernachmittag mitten in der Gemeinde wurde sie bedroht, auf das Übelste beschimpft und schließlich Zeugin exhibitionistischer Handlungen. Und obwohl andere Menschen gesehen haben, was passierte, ist ihr niemand zur Hilfe gekommen. 

Das Geschehene verfolgt die 49-Jährige noch heute. „Die Erinnerungen daran kommen immer wieder hoch“, erzählt die Bönenerin. Nachts, wenn sie wieder einmal nicht schlafen kann oder – und dann ganz besonders stark – wenn sie über den Bahnübergang in der Gemeindemitte gehen oder fahren muss. Dort stand sie nämlich an jenem 16. August 2019 vor der verschlossenen Schranke. Den Motor ihres Pkw hatte sie ausgeschaltet, das Fenster an der Fahrerseite zur Hälfte geöffnet. Plötzlich stürzte ein Fußgänger auf ihr Fahrzeug zu und beschimpfte sie wild gestikulierend mit widerlichen Ausdrücken. 

Der Mann versuchte die Beifahrertür aufzureißen, doch die war glücklicherweise verriegelt. Was passiert wäre, wenn diese offen gewesen wäre, mag Melanie Lohoff sich gar nicht vorstellen. Offenbar frustriert schlug der Angreifer dann höchst aggressiv mit der Faust mehrmals gegen das Fahrzeug, kam weiterhin wild fluchend auf die Fahrerseite und schlug auch dort gegen das Fenster und die Tür. 

„Ich hatte furchtbare Angst und war erst mal vor Schock ganz starr“, schildert Melanie Lohoff. Irgendwie schaffte sie es aber dennoch, die Zündung zu betätigen, um wenigstens das Fenster schließen zu können. Der für sie bis dato völlig Fremde ließ nicht von ihr ab. Im Gegenteil: Er öffnete seine Hose, ließ sie herunter, packte seinen Penis mit den Händen und begann vor der dazu gezwungenen Zuschauerin, sich selbst zu befriedigen. Schließlich urinierte er auf die Motorhaube. 

Die anderen Autofahrer reagieren nicht

Melanie Lohoff war völlig entsetzt. Ein Blick in den Rückspiegel zeigte ihr, dass sich weitere Autos in der Schlange hinter ihr eingereiht hatten. Doch niemand reagierte, keiner stieg aus seinem Pkw, schrie den Mann aus dem Wagen aus  an oder betätigte wenigstens die Hupe. „Keiner hat mir geholfen. Ich kann verstehen, wenn Frauen sich nicht trauen, auszusteigen. Aber da waren bestimmt auch ein paar Männer dabei“, so die Bönenerin. „Ich habe mich völlig hilflos gefühlt.“ 

Nachdem sie sich etwas aus ihrer Schreckstarre lösen konnte, griff sich endlich zu ihrem Handy. Melanie Lohoff rief bei der Polizei an. „Die erklärte mir, dass der Mann sicher verschwunden sei, bevor die Beamten aus Kamen bei mir wären. Ich könnte aber anschließend bei jeder Polizeiwache Anzeige erstatten“, berichtet sie. Polizeisprecher Bernd Pentrop bedauert dies sehr. „Das ist sicher nicht der Anspruch, den wir verfolgen“, sagt er. Es könne zwar immer Gründe dafür geben, dass Kräfte und Streifenwagen gerade gebunden seien, aber wichtigstes Anliegen der Polizei sei es nun einmal, strafabwehrend zu handeln und Menschen zu helfen. Normalerweise würden die Kollegen sich selbstverständlich auf den Weg machen. 

Randalierer verschwindet, als sich die Schranken öffnen

Als sich die Schranken öffneten, verschwand der Mann aber tatsächlich zügig in Richtung östliche Bahnhofstraße. Die 49-Jährige benötigte hingegen einen Moment, sich zu fassen, bevor sie in der Lage war, ihr Fahrzeug zu starten und zumindest erst einmal rechts auf den Bürgersteig zu fahren. Kurze Zeit später klopfte eine Frau an ihre Scheibe. Vorsichtig öffnete Melanie Lohoff das Fenster und sprach mit ihr. Die Frau gab an, alles beobachtet zu haben und den Mann zu kennen. Sie nannte ihr auch seinen Namen. Nachdem Melanie Lohoff sich etwas gefangen hatte, fuhr sie nach Hause und erzählte ihrem Lebensgefährten von dem schrecklichen Erlebnis. 

Ihr Partner fuhr daraufhin zum Bahnübergang und sprach mit einem Mitarbeiter des nahe gelegenen Kioskes. Auch der hatte den Vorfall beobachtet. Anschließend machte sich das Paar gemeinsam auf den Weg zur Polizeiwache nach Unna, Melanie Lohoff erstattete Anzeige. 

Angreifer sitzt inzwischen im Gefängnis

Vor Kurzem wurde der Fall nun vor dem Amtsgericht in Unna verhandelt. Die Frau, die den Angreifer erkannt hatte, war als Zeugin geladen und auch Melanie Lohoff hätte zur Verhandlung kommen sollen. Sie fühlte sich jedoch nicht in der Lage, auszusagen und dem Mann womöglich noch ins Gesicht sehen zu müssen. Ein ärztliches Attest ersparte ihr diesen schweren Gang nach Unna. Dem Bönener wurden dort Beleidigung, Exhibitionismus und Sachbeschädigung vorgeworfen. Der 55-Jährige zeigte sich im Sitzungssaal nicht nur geständig, sodass die Richter auf Zeugenaussagen verzichten konnten, sondern auch sehr reumütig. Er schäme sich unendlich, und das Ganze tue im unheimlich leid, beteuerte der schwer alkoholkranke Mann. 

Da der Bönener noch einiges auf dem Kerbholz hatte und unter laufender Bewährung stand, lautete der Richterspruch am Ende fünf Monate Haft ohne Bewährung. Die werden direkt an den Gefängnisaufenthalt angehängt, den er gerade wegen nicht bezahlter Geldstrafen für andere Verurteilungen absitzt. Er hofft, hinter Schloss und Riegel endlich seine Alkoholsucht, die ihn immer wieder so massiv aus der Rolle fallen lässt, erfolgreich bekämpfen zu können. 

Und auch Melanie Lohoff muss weiter kämpfen. Der Vorfall an der Bahnschranke belastet die ohnehin schon gesundheitlich schwer angeschlagene Frau nachhaltig. Sie kann seit dem Augusttag im vergangenen Jahr kaum noch alleine aus dem Haus gehen – über die Bahnschranke schon mal gar nicht. „Ich bewege mich nur noch im engsten Freundes- und Familienkreis“, erzählt sie. Sie leidet unter Angst- und Schlafstörungen. Mithilfe einer Psychologin versucht sie, das Erlebte zu verarbeiten. Was sie dabei jedoch immer noch schwer trifft, ist die Tatsache, dass ihr niemand geholfen hat.

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