Bönener Landwirt sorgt sich um die Zukunft

„32 Cent für einen Liter Milch sind zu wenig“

Auf den offenen Stall für seine Kühe ist Michael Becks-Lohmann stolz. Um die Landwirtschaft macht er sich (hier mit seinen Töchtern Lena, Mia und Julia von links) aber Sorgen.
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Auf den offenen Stall für seine Kühe ist Michael Becks-Lohmann stolz. Um die Landwirtschaft macht er sich (hier mit seinen Töchtern Lena, Mia und Julia von links) aber Sorgen.

Bönen – Die Kühe auf dem Hof von Michael Becks-Lohmann am Herrenweg leben in einem offenen Stall, haben genug Futter und sogar eine Bürste zum Schubbern. Wenn sie beim Melken im Nebenraum eine Runde im „Karussell“ drehen, kauen sie gemütlich wieder. Ein Zeichen für Zufriedenheit, erklärt der Landwirt. Wenn er allerdings die Milch an die Molkerei weiterverkauft und anschließend die Abrechnung sieht, ist von Zufriedenheit bei ihm keine Spur. „32 Cent sind viel zu wenig, davon können die Kosten nicht getragen werden. Unsere Marge ist zu gering.“ Beim Einzelhandel vermutet er einen höheren Gewinn pro Liter.

Deshalb waren die Bauern, egal ob Milch- oder Fleischbetrieb, in der Vergangenheit mehrfach auf der Straße. Eindrucksvoll waren beispielsweise die Trecker-Sternfahrten nach Berlin, die die Organisation „Land schafft Verbindung“ mit tausenden Teilnehmern auf die Beine gestellt hat. Am 1. Dezember blockierten rund 50 Landwirte von nah und fern vorübergehend das Verteilzentrum von Lidl im Bönener Industriegebiet. Sie zeigten damit ihre Solidarität mit den Kollegen in Cloppenburg, die drei Tage lang vor dem dortigen Lager des Discounters den Streik begonnen hatten.

Becks-Lohmann ist nicht zur Weetfelder Straße gefahren, hatte allerdings mit dem Gedanken gespielt, abends dazustoßen. Als er mit seinem Arbeitspensum für den Tag durch war, hatten die Chefs des Discounters den Bauern in Deutschland jedoch eine schriftliche Zusage gegeben, eine Lösung zu finden. Die Bauern fuhren nach Hause.

Der Bönener findet Demonstrationen grundsätzlich gut, um auf das Problem und den Preisdruck aufmerksam zu machen. Blockaden steht er jedoch skeptisch gegenüber. So wie jetzt könne es aber nicht weitergehen.

Lange Arbeitszeiten in den Betrieben

Die Arbeitszeiten waren in der Landwirtschaft schon immer hart. Um 6 und um 16 Uhr wird am Herrenweg gemolken. Das ist zwar zu großen Teilen automatisiert, dauert aber dennoch zwei Stunden und erfordert anschließend eine gründliche Reinigung. Zwischendrin, und nicht selten auch danach, kümmert sich Becks- Lohmann um die Felder, den Papierkram oder versorgt die Tiere. Alle zwei Tage wird die Milch abgeholt, die nächste Molkerei steht mittlerweile in Everswinkel. „Ich komme auf 70 bis 75 Stunden die Woche“, sagt der Bauer zu seiner Arbeitszeit. Zusätzlich helfen ihm ein fester Mitarbeiter und zwei Auszubildende. Auch die Eltern, eigentlich im Ruhestand, unterstützen noch immer fleißig. Auf deren Hof am Beginn des Herrenwegs sind auch die Jungtiere untergebracht.

Dabei betont Becks-Lohmann, dass es ihm, was die Einnahmen betrifft, noch besser geht als Kollegen, die nur auf Kühe gesetzt haben. Er baut auf 150 Hektar zum Beispiel auch Kartoffeln und das Futter für die Rindviecher an, arbeitet zudem als Testbetrieb mit Gea Farm Technologies zusammen. Er arbeitet autark, das heißt, dass er soviel Futter herstellen kann, wie die 230 Kühe und die weibliche Nachzucht brauchen, und gleichzeitig auf den Flächen die Gülle verteilen kann, die sie produzieren. Zumindest auf Grundlage der aktuell geltenden Normen, fügt er hinzu. Lediglich spezielle Zusatzstoffe für das Futter muss er zukaufen.

Wo er also noch hinkommt mit seinen Erträgen, wird es für andere Kollegen schon bedrohlich. 38 bis 40 Cent pro Liter Milch wären seiner Meinung nach ein fairer Preis, doch schon eine Erhöhung um zwei, drei Cent würde viel bringen, denn die Kosten seien in fast allen Bereichen gestiegen. Futter und Energiekosten für die Viehhaltung hätten zugenommen, Mitarbeiter wollen bezahlt werden, die Traktoren verbrauchen Sprit und müssen wie alle anderen Geräte auch gewartet werden. Und die gibt es immer mehr in der Landwirtschaft, die längst das digitale Zeitalter eingeläutet hat.

Ställe, Silos und moderne Technik sind teuer

Um auf der Höhe der Zeit zu bleiben und um die stetig steigenden Anforderungen einer tiergerechten Haltung zu erfüllen, müssten Landwirte investieren und modernisieren. „Da ist unvorstellbares Kapital in den vergangenen Jahrzehnten geflossen“, sagt Becks-Lohmann. Ställe, Silos und moderne Technik sind nicht günstig. Sie zu bauen oder anzupassen, sei in der momentanen Lage schwierig. Der Bönener Bauer steht den Verordnungen zum Tierwohl auf keinen Fall ablehnend gegenüber. Aber: „Es geht nicht alles gleichzeitig. Es muss alles finanziert werden.“

Und das geht nur über Erlöse. Doch der Durchschnittspreis bleibt seit vielen Jahren relativ gleich um die 32 Cent, wobei es Ausschläge nach oben und unten gibt. Das habe funktioniert, weil die Betriebe gewachsen und die Erträge pro Tier gestiegen sind, erläutert Becks-Lohmann mit Blick auf die gestiegenen Kosten. Er selbst ist da ein Beispiel: Am Herrenweg habe es im Jahr 2000 noch 50 Milchkühe gegeben, dann über 100 und nachdem er 2014 einen weiteren Stall gebaut hat, nun 230. 28 Liter geben seine Hochleistungskühe am Tag.

Auf der anderen Seite machen immer mehr Betriebe dicht oder suchen vergebens einen Nachfolger. In NRW sei die Zahl der Milchbauern von 8950 auf 5341 gesunken, hat Becks-Lohmann beim Verband Zahlen nachgefragt. Im Kreis Unna gebe es kaum noch Landwirte, die Milch produzieren.

Investitionskosten fressen Gewinn auf

Unter den aktuellen Voraussetzungen macht er sich Sorgen um die Zukunft der heimischen Landwirtschaft. „Ich möchte im Moment nicht vor der Entscheidung stehen, ob ich weitermache oder nicht. Das ist eine schwierige Situation“, sagt der 41-Jährige mit Blick auf die jüngere Generation, die jetzt einen Betrieb übernehmen will und investieren muss. „Zu diesen Milchpreisen geht es nicht“, stellt er klar. Die Investitionskosten würden den Gewinn, den er noch hat, auffressen. Er befürchtet ein weiteres Hofsterben. Wer so viel arbeite wie die Bauern, möchte eine Perspektive haben, sich auch etwas leisten können, findet Becks-Lohmann. Ihm und seinen Kollegen geht es daher auch nicht um Einmalzahlungen. wie die jetzt nach den Protesten zugesagten 50 Millionen von Lidl, oder um neue Subventionen aus der Politik. „Wir hätten lieber bessere Preise als Zuschüsse.“

Für Becks-Lohmann ist das auch eine Frage für die Politik. „Wenn ich die Landwirtschaft in Deutschland erhalten will, muss ich auf die Preise achten. Wenn nicht, gebe ich die Kontrolle ab“, sagt er. In Deutschland sei die Qualität am höchsten, anderswo diese Standards nicht garantiert. Das gilt auch für die Haltungsbedingungen der Tiere, bei denen sich viel verbessert habe. Ob noch mehr geht, darüber könne man diskutieren. Er verweist aber auf seinen Hof. „Wir machen es ihnen so angenehm wie möglich. Schon, weil man gemerkt hat, dass die Tiere mehr Milch geben, wenn sie sich wohlfühlen“, sagt er.

Ob sich was ändert durch die Proteste? Da ist Becks-Lohmann skeptisch. „Wir können nur hoffen, dass bessere Preise durchgedrückt werden“, sagt er. Das sei bei der Marktmacht der vier großen Handelskonzerne Rewe, Aldi, Edeka und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland jedoch schwierig. Für ihn sind niedrige Lebensmittelpreise auch politisch gewollt, damit die Leute sich Freizeitaktivitäten und Urlaube leisten könnten. Deutschland sei, was Ernährung betrifft, besonders günstig. Eine Preiserhöhung von Grundnahrungsmitteln wie Milchprodukten und Fleisch würde allerdings eine ganze Kette nach sich ziehen. Und keiner will am Ende weniger im Portemonnaie haben.

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