Nicht wegsehen! Seniorenberater lernen Zivilcourage

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„Ey, haste mal 10 Euro für mich?“ Seminarleiter Volker Timmerhoff (links) kommt als „Täter“, der im Bus ein Opfer bedrängt, sehr realistisch rüber.

Bönen - Was tun, wenn sich plötzlich ein Fremder nähert und mich belästigt oder gar bedroht? Die meisten sind da hilflos - genau wie die Menschen drumrum, die lieber wegsehen. Aber es gibt Verhaltensstrategien. Das lernten jetzt die Teilnehmer des Projekts Senioren helfen Senioren, darunter auch der Bönener Jörg Mecklenbrauck.

„Ey, haste mal nen Zehner für mich?“ Der Typ mit der Mütze lässt sich neben einem Mann im Bus auf den Sitz fallen und macht sich unangenehm breit. Er kommt dem zusammengekauerten Fahrgast, der sich verschüchtert ans Fenster drückt, bedrohlich nahe. „Rück den Zehner raus, aber schnell!“ 

Der Rüpel heißt Volker Timmerhoff und ist im richtigen Leben Polizist und Seminarleiter bei der Aktion „Senioren helfen Senioren“. Mit viel Schauspieltalent lässt er die Seminarteilnehmer eine Situation erleben, in die eigentlich keiner kommen will. 

Unter ihnen auch der Bönener Jörg Mecklenbrauck, der sich zum Seniorenberater der Polizei ausbilden lassen will. Bisher im Personalbereich tätig, geht er jetzt in den Vorruhestand. „Nur den Haushalt und den Garten machen, ist mir zu wenig. Da sehe ich den ganzen Tag niemanden, denn meine Frau ist noch berufstätig“, erzählt er. 

„Ich habe über das Seminar im WA gelesen und fand das interessant. Ich suchte nach einer Aufgabe im Ehrenamt, weil ich etwas Sinnvolles tun wollte.“ Bei Lidl im Eingangsbereich traf er dann auf die Seniorenberater, die dort regelmäßig am Monatsanfang ihren Stand aufbauen und über Schutz vor Taschendieben und Betrügern informieren. „Ich dachte immer, die Polizei schreibt nur Strafzettel“, scherzt er. 

Volker Timmerhoff erklärt Jörg Mecklenbrauck (rechts) und den anderen Teilnehmern, wie sie sich in gefährlichen Situationen verhalten sollten.

Aber er sei erstaunt, dass die Polizei so aktiv ist in Sachen Prävention ist. „Wer weiß schon, wie man sich in einer bedrohlichen Situation verhält? Eigentlich hat man dann jede Menge Wut in sich und reagiert wahrscheinlich genau falsch.“ Deshalb überlegt Jörg Mecklenbrauck, anschließend noch ein Deeskalationsseminar an den einwöchigen Kursus anzuschließen. „Ich empfinde das auch als persönliche Bereicherung.“ 

In der Runde in dem Seminarraum im Kreishaus in Unna sitzen an Tag drei des einwöchigen Kurses ganz unterschiedliche Menschen, die die Idee eint, etwas für andere Menschen tun zu wollen. „In diesem Jahr sind viele Lehrer dabei, Ingenieure, Hausfrauen, aber auch Aussendienstler, die jetzt im Ruhestand sind und einmal etwas ganz anderes tun wollen, als in ihrem Berufsleben“, bestätigt Volker Timmerhoff. 

Heute geht es um Zivilcourage und wie man sich in brenzligen Situationen verhält. „Wir stellen die Stühle jetzt mal in Reihen auf wie in einem Bus“, sagt Timmerhoff. Er wählt einen Teilnehmer aus, der das Opfer spielen soll und gibt ihm vor der Tür noch ein paar Verhaltensanweisungen. Dann kehren beide zurück – das „Opfer“ setzt sich auf einen Platz am Fenster im imaginären Bus. 

Timmerhoff bringt den Rüpel beängstigend echt rüber

Auftritt Timmerhoff: Als er sich neben sein „Opfer“ in die Reihe schiebt und aggressiv Geld fordert, da vergessen alle schnell, dass es sich ja nur um eine Übung handelt. Denn Timmerhoff ist sehr überzeugend als Täter. Er schüchtert seinen Nebenmann mit seiner Lautstärke und seiner Körpersprache sofort ein. 

Dann geschieht etwas Erstaunliches: Eine junge Frau steht auf und spricht weitere Fahrgäste im Bus an: „Haben sie das gesehen? Stehen sie auf! Kommen sie mit! Greift der den Fahrgast an?“ Jetzt geht alles ganz schnell. Andere Fahrgäste stehen auf, umringen den Täter und fragen das „Opfer“, ob es Hilfe braucht. „Die Polizei ist alarmiert“, wirft eine Frau ein. Ehe sich der Täter versieht, wird er abgedrängt und von seinem Vorhaben abgebracht.

„Das war nicht geplant“, sagt Timmerhoff und ist selbst etwas überrascht, wie vorbildlich die Gruppe reagiert. Das sei in der Realität oft anders. Die meisten sehen weg, weil sie sich hilflos fühlen. „Und wenn jemand reagiert und zu helfen versucht, sind es zu 70 Prozent Frauen“, verrät er. 

An diesem Tag nehmen die Teilnehmer konkrete Tipps mit, wie sie sich verhalten können, um Menschen in Bedrängnis zu helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Am Freitag endet das Seminar nach fünf Tagen mit einem Zertifikat. Künftig werden die Teilnehmer ihr Wissen an Senioren weitergeben, um deren Leben ein bisschen sicherer zu machen.

Das Projekt Senioren helfen Senioren

Seit 1998 wurden dreiundzwanzig Seminare mit insgesamt 380 Teilnehmern durchgeführt. 16 neue Seniorenberater aus dem gesamten Kreisgebiet werden aktuell auf ihre ehrenamtliche Tätigkeit in einer einwöchigen Schulung vorbereitet zu Themen wie Sicherheit, Verbraucherfragen, Trickbetrüger, Verhalten in Angriffssituationen, Opferschutz/Opferhilfe, Gefahren im Internet, Zivilcourage, Verhalten nach einer Straftat und Sicherheit im Verkehr. 

Informationen über das Projekt, das vom Kommissariat Kriminalprävention/Opferschutz bei der Kreispolizeibehörde Kreis Unna betreut wird, gibt es im Internet unter https://unna.polizei.nrw/artikel/projekt-senioren-helfen-senioren

Zivilcourage, aber mit Verstand

Wenn jemand in der Öffentlichkeit bedrängt oder bedroht wird, etwa im Bus, im Zug oder auf der Straße, dann schauen die Menschen meistens weg, so die Erfahrung von Volker Timmerhoff. Das sei normal, denn die meisten Menschen sind in so einer Situation hilflos. Er wirbt dennoch für Zivilcourage, aber mit dem Grundsatz: Helfen ja, aber sich nie selbst in Gefahr bringen. 

Der Polizist und erfahrene Seminarleiter gibt Tipps, wie sich Betroffene verhalten sollten und wie Passanten helfen können:  Jeder Täter sucht hilflose Opfer, nicht selbstbewusste Gegner. Um nicht als Opfer ausgewählt zu werden, ist bestimmtes Auftreten wichtig. Körpersprache spielt eine entscheidende Rolle. Wer sich klein macht, signalisiert: Mit mir hast du leichtes Spiel.

Für Betroffene, die von anderen belästigt, beschimpft, bedroht oder in die Enge getrieben werden und Passanten, die das beobachten, gilt: Ruhe bewahren. Die Faust in der Tasche lassen, auch wenn die Situation noch so empörend ist. Ruhig und freundlich reagieren, das nimmt dem, der auf Krawall gebürstet ist, manchmal schon den Wind aus den Segeln. Nie verbal oder gar physisch angreifen, da ziehen die meisten den Kürzeren.

Tu das Unvermutete, das verwirrt den Täter: Lächeln und nichts sagen, stattdessen mit Gesten andeuten, dass man nichts versteht oder in einer Fremdsprache antworten, und gar nicht auf den Täter eingehen. Aufmerksamkeit von anderen Personen erregen durch unerwartetes lautes Singen oder laute Antworten. 

Im Zweifelsfall die Polizei rufen. Wer merkt, dass eine Person in Bedrängnis ist, kann versuchen, sie anzusprechen wie einen alten Bekannten und so aus der Situation befreien. Hilfreich ist es, andere anzusprechen und mit ins Boot zu nehmen und klare Ansagen zu machen. Wenn viele Menschen sich einmischen, irritiert das den Täter in der Regel und er sucht das Weite.

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