Eilverfahren soll Bau stoppen

Eilverfahren soll Bau von Putenmastbetrieb in Bönen stoppen

900 Unterschriften übergaben Monika und Werner Ryba an Unnas Bürgermeister Dirk Wigant.
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900 Unterschriften übergaben Monika und Werner Ryba an Unnas Bürgermeister Dirk Wigant.

Bönen/Unna – Der Boden ist ausgekoffert, der Schotter geliefert. Es kann also nicht mehr lange dauern, bis auf dem Gelände des Gutes Hacheney zwischen Lenningsen und Unna-Stockum drei neue Putenmastställe stehen. 100 Meter lang, sieben Meter hoch sollen die Hallen werden, ein etwa zehn Meter hoher Wall die Nachbarn vor Sicht-, Lärm- und Geruchsbelästigung schützen. Einverstanden sind die damit keineswegs. Monika und Werner Ryba klagen gegen die Stadt Unna, die den Neubau genehmigt hat. Sie wollen per Eilverfahren einen Baustopp erreichen.

Das Ehepaar steht dabei nicht allein da. Rund 900 Unterstützer haben sich mit ihrer Unterschrift gegen den Bau ausgesprochen. Die Liste überreichten die Rybas nun Unnas Bürgermeister Dirk Wigant.

Und der hatte am Mittwochvormittag ein offenes Ohr für die Sorgen der Stockumer. „Wir haben ein interessantes Gespräch geführt und konnten unser Anliegen vortragen“, berichtete Monika Ryba anschließend. Wigant hätte ihre Bedenken ernst genommen und Verständnis gezeigt. Es ist schließlich auch einiges, was ihnen von den Bauherren, der Tierärztin Dr. Alexandra Engels und ihrem Ehemann Ulrich Spielhoff zugemutet wird – vom Tierwohl einmal ganz abgesehen, finden die Kläger.

Schon jetzt leben die Rybas neben rund 24 000 Puten und einer engagiert betriebenen Biogas-Anlage. Die produziert vier Millionen Kilowatt Strom- und Wärmeenergie jährlich für sämtliche Gebäude des Hofes sowie drei Nachbarhäuser. Der erzeugte Strom wird in das allgemeine Netz eingespeichert. Gespeist wird die Anlage mit Mais, Schweinegülle und Mist aus dem Putenstall. Die Rybas glauben nicht, dass das Kraftwerk weiterhin ausreichen wird, um nach der angedachten Erweiterung den zusätzlichen Mist, die Kadaver toter Tiere und was darin sonst noch verbrannt wird, aufzunehmen. „Wer kontrolliert die Werte der Umweltbelastungen, wie zum Beispiel Lärm, Stickstoff und Bioaerosole?“, fragten sie deshalb Dirk Wigant.

12 000 Tiere sollen hinzukommen

Werden die zusätzlichen Ställe wie beantragt gebaut, – übrigens angeblich ohne Filteranlagen – sollen mindestens 12 000 weitere Puten dazu kommen. Lärm, Dreck und Gestank werden dann zunehmen, ebenso wie der Verkehr, der schon jetzt ziemlich belastend sei, befürchten die Kläger.

Der Betrieb den Alexandra Engels von ihren Eltern übernommen hat, werde ständig von Lkw angefahren, die Puten, Futter und Mist von einem Schweinemastbetrieb aus Bergkamen für die Biogasanlage bringen oder das Geflügel abtransportieren. Die Straßen rund um den Hof seien dafür nicht ausgelegt, sagen nicht nur Monika und Werner Ryba. „Die Leute aus den umliegenden Dörfern regen sich auch darüber auf“, weiß Monika Ryba. Viele hätten deshalb ihre Unterschrift gegeben, um gegen den Bau zu protestieren. „Aber es sind auch viele Tierschützer dabei.“

Genau auf der Grenze zwischen Bönen und Unna-Stockum sollen die neuen Putenmastställe errichtet werden.

Die Stockumerin freut sich über den Beistand. „Wegen Corona kann man ja keine Veranstaltung durchführen, um zu informieren. Deshalb sind die Leute mit der Liste von Tür zu Tür gegangen und haben ihre Nachbarn angesprochen.“

Jetzt klagen die Rybas gegen die Baugenehmigung für zwei der geplanten drei Ställe, da diese an ihr Grundstück grenzen. Sie hoffen, dass ein Eilverfahren zum Baustopp führt. Derzeit werde auf der Baustelle noch mit Hochdruck gearbeitet, erzählt die Anwohnerin. Sollten die Rybas mit ihrer Klage erfolgreich sein, müssten Engels und Spielhoff die Arbeiten sofort abbrechen. Und das, was bis dahin geschaffen wurde, ist dann sprichwörtlich für die Katz. Ein Risiko für die Landwirte. „Baurechtlich gab es aber keine Einwände gegen die Erweiterung“, erklärt ein Sprecher der Stadt Unna, die grünes Licht für die Maßnahme gegeben hat. Der Bauantrag wurde regulär vom Bauordnungsamt geprüft, und solange es rechtlich keine Gründe gegen die Pläne gebe, seien der Behörde die Hände gebunden.

Stadt und Kreis haben keine rechtlichen Einwände

Der Kreis Unna als zuständige Natur- und Umweltschutzbehörde hatte ebenfalls keine rechtlichen Bedenken dagegen, dass die Anlage in einem Landschaftsschutzgebiet gebaut werden soll. Er hat die Genehmigung dazu erteilt. Auch gebe es keine Vorbehalte hinsichtlich des Immissionsschutzgesetzes. „Wenn alle Auflagen eingehalten werden, haben wir keinen Ermessensspielraum“, heißt es aus dem Kreishaus. Das werde auch so in der geforderten Stellungnahme der Behörde wiedergegeben.

Dass mit den Neubauten zudem ein paar tausend Quadratmeter Fläche versiegelt werden, spielt für das Genehmigungsverfahren keine Rolle, wohl aber für die Rybas. Sie fürchten nicht nur um ihre Ruhe und frische Luft, sondern um ihren Besitz. Ihr Grundstück verliert durch den benachbarten Großbetrieb deutlich an Wert. Dabei sollen Haus und Garten einmal an die Tochter übergehen. „Es geht aber nicht nur um uns, es geht um alle“, unterstreicht Monika Ryba. Der Umwelt- und Naturschutzgedanke sollte bei der richterlichen Entscheidung unbedingt eine Rolle spielen, ebenso wie der an die in der Großmast aufgezogenen Puten, wünscht sie sich.

Die Betreiberin Alexandra Engels hat sich in der Sache bislang bedeckt gehalten. Für eine Stellungnahme war sie nicht erreichbar.

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