"Wie Verbrecher in Transporter gesetzt"

Schockierender Fall: Familie rechtswidrig abgeschoben - als sie wiederkommt, sind Wohnung und Sachen weg

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Die Familie Awada blickt mit Zuversicht in die Zukunft: Dalia Abdallah, Jad, Hadi und Atef Awada sind froh, jetzt wieder eine Wohnung in Bönen zu haben.

Bönen – Was Atef Awada und seine Frau Dalia Abdallah in den vergangenen Wochen erlebt haben, gleicht einer Odyssee. Das Ehepaar aus dem Libanon erinnert ein bisschen an Maria und Joseph auf der Suche nach einer Unterkunft – nur, dass ihre zehnjährigen Zwillingssöhne Jad und Hadi Ausweisung und Rückkehr nach Bönen miterleben mussten.

Zurück in der Gemeinde ist ihre Wohnung am Billy-Montigny-Platz an eine andere Flüchtlingsfamilie vergeben – mit all ihrem Hab und Gut. Die vierköpfige Familie landet zunächst in einem Zimmer, das den Namen Notunterkunft wahrlich verdient. 

Dalia Abdallah ist den Tränen nahe, als sie von ihrer ehemaligen Wohnung erzählt. Nur mit ein paar persönlichen Sachen kommt die Familie im April in der Gemeinde Bönen an, nachdem sie in Bochum registriert, zunächst in Unna und dann in Rüthen aufgenommen worden war. 

In Bönen bekommt sie von der Gemeinde schließlich eine Wohnung in den Häusern am Billy-Montigny-Platz zugeteilt. „Die Wohnung war schmutzig und in keinem guten Zustand, aber wir haben alles gereinigt und gestrichen, damit es etwas wohnlicher wird“, erzählt Dalia Abdallah, die in der Hauptstadt Beirut in einer Reiseagentur gearbeitet hat, auf Englisch. 

Nach und nach hat die Familie die Unterkunft hergerichtet und von ihrem Geld ein paar gebrauchte Möbel, Vorhänge, einen Teppich gekauft. Dalia Abdallah zeigt Fotos von der ehemaligen Wohnung auf ihrem Handy. „Wir wollten es so heimelig wie möglich für unsere Kinder machen“, sagt Atef Awada, der zuletzt in Beirut als Hotelmanager gearbeitet hat. 

Die beiden zehnjährigen Söhne besuchen das MCG 

Ihre beiden Jungen, Jad und Hadi, haben bis zum Sommer die Hellweggrundschule besucht und gehen inzwischen auf das benachbarte Marie-Curie-Gymnasium und besuchen die fünfte Klasse. „Sie hatten sich gut eingelebt und sprechen schon sehr gut deutsch“, erzählt ihre Mutter stolz. 

Die Eltern würden gerne ebenfalls so schnell wie möglich Deutsch lernen, um sich hier zu integrieren. „Dann könnten wir eine Arbeit finden und Geld verdienen, um dem Staat nicht zur Last zu fallen“, betont Atef Awada. Aber als Asylbewerber ohne Status können sie nicht an einem Integrationskursus teilnehmen und dürfen auch nicht arbeiten. 

Am 7. Juli unternimmt die Zentrale Ausländerbehörde (ZAB) Kreis Unna auf Betreiben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) den ersten Versuch, die Familie abzuschieben. „Ohne Ankündigung standen Mitarbeiter vom Kreis Unna morgens um fünf Uhr vor der Tür und verlangten, dass ich ein Papier unterschreibe, dass wir freiwillig zurück in den Libanon gehen. Am 30. Juli sollten wir dann gepackt haben“, berichtet Atef Awada. Sonst, so habe man ihm gedroht, ginge es nach Frankreich.

Ein Raum, vier Betten, sonst nichts: Hier mussten die Awadas zunächst ausharren. Die Kinder hatten nicht mal einen Tisch, um Schularbeiten zu machen.

 „Ich habe mich geweigert, etwas zu unterschreiben, weil wir zwar durch Frankreich nach Deutschland gereist waren, in Frankreich aber gar nicht registriert waren und unser Asylantrag doch bereits in Deutschland lief.“ Der Auftritt der Beamten habe seine Kinder völlig verängstigt. 

Nach diesem Vorfall meldet er sich wieder ordnungsgemäß bei der Ausländerbehörde in Unna, um seinen Asylausweis für einen Monat verlängern zu lassen. „Die freundliche Sachbearbeiterin teilte mir sogar mit, ich soll ein biometrisches Foto mitbringen, weil ich diesmal einen drei Monate gültigen Ausweis bekommen würde“, erinnert sich Atef Awada. „Wir dachten, das ist ein gutes Zeichen.“ 

Abtransport nach Frankreich im vergitterten Fahrzeug

Dann kommt der Morgen des 6. November. Um fünf Uhr morgens klopfen völlig überraschend Mitarbeiter des Kreises Unna und der Gemeinde Bönen an die Tür der Awadas. „Sie sagten uns, dass wir jetzt sofort nach Frankreich gebracht würden“, berichtet Atef Awada. „Niemand hatte uns informiert. Wir fühlten uns wie Verbrecher.“ 

Das BAMF wendete im Fall der Awadas das Dublin-Übereinkommen an, um die Familie nach Frankreich zurück zu überstellen. Das sei inzwischen leider das übliche Verfahren, damit die Betroffenen sich der Abschiebung nicht entziehen können, bestätigt eine Sprecherin des Kreises. „Die Mitarbeiter des Kreises sind in dem Fall nur ausführendes Organ des BAMF und haben da keinen Spielraum.“ 

„Wir durften nicht einmal unsere Kinder selber wecken und anziehen, um ihnen behutsam beizubringen, was hier vor sich geht. Sie waren völlig verängstigt und versteckten sich unter ihren Bettdecken.“ Auch packen darf die Familie nicht selbst. Das machen Fremde. Sie stopfen Kleidung in große Taschen. Alles muss schnell gehen.

„Dann wurden wir vor dem Haus in einen Transporter mit vergitterten Fenstern gesetzt wie Verbrecher, gerade als die Schulkameraden der Kinder vom MCG vorbeigingen zum Schulunterricht“, erzählt Dalia Abdallah unter Tränen. „Das war schlimm für die beiden.“ 

Mehr als fünf Stunden dauert die Fahrt zur französischen Grenze. Dort wird die Familie an die französische Polizei übergeben. Ausweise und ihre Bankkarte werden ihnen abgenommen, Handy und Bargeld dürfen sie behalten. Nach etwa zehn Minuten Fahrt lassen sie die Polizisten mit Sack und Pack an der Straße raus.

Von der französischen Polizei an der Straße ausgesetzt 

„,Sie sind jetzt in Frankreich und können überall hingehen', haben sie zu uns gesagt“, schildert Atef Awada die Situation. „,Und dort geht es zurück nach Deutschland’, haben uns die französischen Beamten den Weg zurück zum Grenzübergang gezeigt. Wir machten uns zu Fuß auf den Weg zurück zur Grenze. Am Übergang kontrollierte uns niemand. Wir sind zum nächsten Bahnhof gelaufen und haben vom letzten Bargeld Zugfahrkarten gekauft“, berichtet Atef Awada von der Odyssee seiner Familie. 

Die Familie kehrt nach Bochum zurück und wird dort erneut registriert und später nach Bielefeld überstellt. Inzwischen wird die Familie von einem Rechtsanwalt vertreten, der gegen die Abschiebung klagt. Das Verwaltungsgericht Arnsberg bestätigt mit Urteil vom 2. Dezember schließlich, dass die Abschiebung der Familie rechtswidrig sei, da die sechsmonatige Frist für eine mögliche Überstellung nach Frankreich mittlerweile abgelaufen sei. Aufenthaltsort der Familie sei nach wie vor Bönen. 

Als die Familie am Freitag, 13. Dezember, endlich von Bielefeld nach Bönen zurückkehren kann, hat die Gemeinde ihre Wohnung bereits an eine andere Flüchtlingsfamilie vergeben – mit ihren Möbeln und allen ihren persönlichen Dingen. Ein Schock. 

„Das ist meines Wissens das erste Mal, dass eine Familie von einer Abschiebung wieder zurückkehrt“, sagt der zuständige Fachbereichsleiter der Bönener Verwaltung, Jörg-Andreas Otte. „Damit konnten wir nicht rechnen.“ Die Eigentumsfrage sei unklar, oft würden Möbel nach einer Ausweisung entsorgt. 

Dalia Abdallah blickt sehnsüchtig zu den Fenstern ihrer alten Wohnung.

Die Familie hofft, in ihre eingerichtete Wohnung zurückkehren zu können. Stattdessen wird ihr ein Zimmer in der Notunterkunft am Nordkamp zugewiesen. Deniz Werth von Zuflucht.Bönen, die die Familie betreut, ist entsetzt. „Hier konnte die Familie auf keinen Fall bleiben. Die Zustände waren katastrophal.“ Kurzerhand bringt sie die vier Personen übers Wochenende in der Wohnung ihrer Eltern unter. 

Am darauffolgenden Montag wird ihnen dann ein Zimmer mit vier Betten in dem Haus am Billy-Montigny-Platz zugewiesen, in dem sich auch ihre ehemalige Wohnung befindet: Vier Betten, aber keine Matratzen – die waren noch am Nordkamp und sollten von der Familie rübergeschafft werden. Das Zimmer ohne Klo ist verdreckt, es gibt keinen Tisch, keinen einzigen Stuhl, keine Küche, einen völlig verdreckten Herd, der aber nicht angeschlossen ist. Nicht mal warmes Essen kann Dalia für ihre Kinder hier kochen. 

Kein Tisch, kein Stuhl für eine vierköpfige Familie

Für die Gemeinde eine normale Unterkunft. „Wir können keine opulenten Wohnungen zur Verfügung stellen“, sagt Jörg-Andreas Otte, der die Wohnungen am Billy-Montigny-Platz allerdings nicht aus eigener Anschauung kennt. 

Schließlich bekommt die Familie am Samstag im Haus eine andere Wohnung, die notdürftig hergerichtet wurde. Die andere Flüchtlingsfamilie will ihre Wohnung nicht mit ihnen tauschen. Verständlich, dann säße sie in einer fast leeren Wohnung. Immerhin bekommen die Awadas einige persönliche Sachen und ein paar ihrer Möbel zurück und haben jetzt das Allernötigste. Ansonsten fangen sie wieder bei Null an. 

Immerhin: Vier Betten haben sie von der Gemeinde gestellt bekommen. Küche und Herd sind jedoch in einem desolaten Zustand. Aber vielleicht findet sich ja der eine oder andere Bönener, der helfen kann mit einem Teppich oder Vorhängen, einem gebrauchten Herd, Küchenschränken oder einem Esstisch... 

Kontakt: kpresch@wa.de

Ein sicherer Hafen für Flüchtlinge soll hingegen die Stadt Hamm werden - zumindest nach dem Willen der Grünen. Doch fest steht: Wer sich nicht benehmen kann, hat in Hamm keine Zukunft. Notorische Straftäter ausländischer Herkunft werden abgeschoben. In Münster ist ein Mann auf der Flucht vor der Polizei von einem 15 Meter hohen Gebäude gestürzt. Er wurde per Haftbefehl zur Abschiebung gesucht.

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