Tönnies-Fleisch immer unbeliebter

Nach Tönnies-Skandal: Kunden fragen, woher das Fleisch kommt

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Kunden fragen Edeka-Metzger Sven Knösel immer wieder, ob das Fleisch, das hier angeboten wird, von Tönnies stammt. Viele sind besorgt, nachdem das Unternehmen in die Schlagzeilen geriet.

Bönen – „Ich hab da mal eine Frage“, beginnt die Kundin vor der Fleischtheke bei Rewe Karwoth das Gespräch mit der Verkäuferin. „Woher kommt ihr Fleisch? Beziehen Sie das auch von Tönnies?“ Diese Frage hören die Fleischfachverkäuferinnen auch in anderen Geschäften in diesen Tagen öfters.

Nach dem Skandal über die Produktionsbedingungen und die explosionsartig ansteigenden Zahlen von Corona-Infektionen im Betrieb von Tönnies machten sich viele Bönener Gedanken, was sie an den Fleischtheken in Bönen angeboten bekommen. Was viele nicht wollen in diesen Tagen: Fleisch von Tönnies. 

Denn Tönnies beliefert täglich viele Supermärkte und Discounter mit 750 Tonnen Frischfleisch und 100 Tonnen Tiefkühl-Produkten, sogenannten Convenience-Produkten. Discountermarken wie Aldi und Lidl gehören zu den großen Abnehmern. Dort stehen die Tönnies-Produkte unter den Markennamen „Landjunker” und „Meine Metzgerei” im Kühlregal. 

Aber auch andere Lebensmittelketten führen Tönnies-Produkte in ihren Regalen. Denn der fleischverarbeitende Großkonzern liefert auch unter bekannten Produktnahmen wie Zimbo oder Gutfried verpackte Wurstwaren und beherrscht den Markt. 

Nach Tönnies-Skandal: Kein Fleisch in Bönener Rewe-Fleischtheke 

Bei Rewe Karwoth kommt kein Tönnies-Fleisch in die Auslage der Fleischtheke. „Wir beziehen unser Fleisch gar nicht von Tönnies. Rewe produziert sein Fleisch selber“, versichert die Verkäuferin der besorgten Kundin. 

Ähnlich sieht es nebenan bei Edeka aus. „Wir beziehen Fleisch und Wurst ausschließlich über die Firma Rasting“, erläutert Metzger Sven Knösel. Das Unternehmen mit Sitz in Meckenheim und Essen verzichtet nach eigenen Angaben bewusst auf Werkverträge, Subunternehmen sowie Leiharbeiter und entlohnt seine rund 900 Mitarbeiter übertariflich. 

Während auf verpackten Fleisch- und Wurstwaren der Produzent anhand des Identifikationszeichens eines Fleischbetriebes zu erkennen ist, ist das unverpackte Fleisch beim Metzger nicht zu identifizieren. Da ist der Kunde auf die Auskunft des Fleischers angewiesen. Verpflichtet sind Metzger dazu allerdings nicht. Hat der Metzger nichts zu verbergen, wird er auch Auskunft über die Herkunft seiner Waren geben. 

Metzger Sven Knösel kann lückenlos die Herkunft seines Fleisches dokumentieren.

So wie Sven Knösel im Edeka-Markt. „Obwohl wir Aushänge gemacht haben, dass wir kein Fleisch von Tönnies beziehen und das Fleisch bis zum Bauern zurückverfolgen können, haben einzelne Kunden nachgefragt“, berichtet Sven Knösel. „Natürlich stehen wir den besorgten Kunden dann Rede und Antwort. Alles was angeliefert wird, muss lückenlos dokumentiert werden. Zudem werden wir mehrmals im Jahr überprüft.“ 

"Kaufverhalten seit Tönnies-Skandal nicht wesentlich verändert"

Grundsätzlich habe sich das Kaufverhalten seit dem Tönnies-Skandal nicht wesentlich verändert, findet der Edeka-Metzger. „Die Kunden achten schon sehr auf den Preis. Wir haben auch immer wieder versucht, mehr Bio-Fleisch anzubieten, aber das ist den meisten zu teuer. Viele sagen, ich würde ja gerne mehr Biofleisch kaufen, aber im Endeffekt bleibt das teure Produkt liegen. Wer mit dem Grundgehalt auskommen muss, der spart am Essen und kauft dann doch das billige Kotelett.“ 

Metzger Norbert Jokiel arbeitet seit Jahren mit zwei Bauern aus der Umgebung zusammen.

Auch Metzgermeister Norbert Jokiel wird immer wieder gefragt, woher das Fleisch stammt, das er in seinen Läden in Bönen und in Unna verkauft. „Wir arbeiten seit Jahren mit zwei Bauern in Selm-Bork und Dolberg zusammen, da wissen wir, dass wir Qualität bekommen, weil die Landwirte die Tiere selbst großziehen und nichts zukaufen. Unsere Kunden können bei Interesse die Bauern besuchen und sich umsehen. Qualität hat aber ihren Preis“, räumt Jokiel ein. „Wenn das Geld knapp ist, gerade jetzt in Zeiten, wo viele in Kurzarbeit sind, entscheiden sich viele für billiges Fleisch.“ 

Egal, ob Tönnies, Westfleisch oder eine andere Fleischfabrik: Ein niedriger Preis für Fleischprodukte sei immer ein Hinweis auf die Herkunft aus Massenbetrieben. Billigfleisch heißt nicht umsonst so. So lange wir alle mindestens einmal pro Tag ein Stück Fleisch auf dem Teller haben wollen, geht es wahrscheinlich nicht ohne Massentierhaltung. 

Wie teuer Fleisch sein müsste, um faire Arbeitsbedingungen und eine tiergerechte Haltung und Schlachtung zu ermöglichen, lässt sich schwer sagen. Einen Anhaltspunkt könnten die Preise von hochwertigem Bio-Fleisch sein. Allerdings hat auch nicht jedes „Bio-Fleisch” den Namen verdient. Oft erhalten die Tiere nämlich nur biologisch angebautes Futter, an der Größe der Ställe ändert sich kaum etwas. Am Ende landen sogar glückliche, freilaufende Schweine – genau wie ihre eingepferchten Artgenossen aus der Massentierhaltung –im selben Schlachthaus.

Tönnies-Marken in den Regalen

Von Tönnies erzeugte Wurstprodukte werden unter den Markennamen der „zur Mühlen Gruppe“ vertrieben. Zu der Gruppe gehören diverse Wurstmarken: Böklunder, Gutfried, Zimbo, Hareico, Marten, Lutz, Redlefsen, Weimarer, Dölling, Astro, Schulte, Könecke, Jensen’s, Heine’s, Zerbster Original, Plumrose, Naumburger, Vevia und Wilx.

Die Convenience-Produkte von Tönnies wie Schnitzel und Burger werden unter dem Namen Tillman’s vertrieben.

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