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Nach Pleite: Pflegedienst gibt Personal und Patienten an Firma in Ahlen ab

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Von: Jürgen Menke

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Etliche Mitarbeiter und Patienten haben den Bönener Pflegedienst verlassen.
Etliche Mitarbeiter und Patienten haben den Bönener Pflegedienst verlassen. © Daniel Reinhardt, dpa

Der Bönener Pflegedienst, der nach der Festnahme seines faktischen Geschäftsführers in die Insolvenz geschlittert ist, zeigt erste Auflösungserscheinungen. So bestätigt jetzt ein Mitbewerber aus Ahlen, Mitarbeiter und auch Patienten des Unternehmens übernommen zu haben.

Bönen – In beiden Fällen soll es sich um eine zweistellige Zahl handeln.

Unterdessen hat der Insolvenzverwalter dem Amtsgericht Dortmund nur wenige Tage nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens Masseunzulänglichkeit angezeigt. Das bedeutet: Die Insolvenzmasse reicht zwar zur Deckung der Verfahrenskosten, möglicherweise aber nicht mehr zur Erfüllung der auf Rang eins stehenden Masseverbindlichkeiten. Damit könnten die Insolvenzgläubiger des Unternehmens am Ende leer ausgehen.

Insolvenzverwalter schweigt

Wie hoch die Verbindlichkeiten insgesamt sind und ob besagter Pflegedienst noch eine Chance hat, als eigenständiges Unternehmen bestehen zu bleiben, ist weiter unklar. Der Insolvenzverwalter, Dr. Christoph Schulte-Kaubrügger aus Dortmund, äußert sich auch nach mehrmaliger WA-Nachfrage nicht zum Fall. Seine Ende August angekündigte Pressemitteilung zum Stand des Verfahrens hat die WA-Redaktion in Bönen noch nicht erreicht.

Junges Unternehmen

Ömer Yavuz heißt der Mann, der Mitarbeiter und Patienten übernommen hat. Der 36-Jährige, der nach eigenen Angaben gelernter Altenpfleger ist und Pflegemanagement studiert hat, gründete vor zweieinhalb Jahren die „Medicura Ambulanter Pflegedienst GmbH“. Bis dato beschäftigte er rund zwölf Pflegekräfte, dazu Büropersonal und vier Auszubildende. Mit einem Schwung hat er seinen Betrieb nun wohl mindestens auf die doppelte Beschäftigtenzahl vergrößert.

Der Pflege-Skandal: Falsch abgerechnet mit der Krankenkasse?

Ob die Festnahme des De-facto-Geschäftsführers ausschlaggebend für die finanzielle Schieflage des Pflegedienstes ist, steht nicht fest. Tatsache ist: Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung haben zur Eröffnung eines Insolvenzverfahrens geführt. Und: Besagter Geschäftsführer sitzt seit Anfang Juli in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft Dortmund wirft ihm gewerbsmäßigen Betrug in 54 Fällen in Tateinheit mit Urkundenfälschung vor. Zwischen Januar 2016 und Dezember 2020 soll er Leistungen gegenüber der AOK abgerechnet haben, die nicht erbracht wurden. Laut Haftbefehl liegt der Gesamtschaden bei 975.000 Euro. Er könnte am Ende noch höher ausfallen; die Ermittlungen dauern an. Der Inhaftierte ist zwar nicht namentlich Geschäftsführer des Unternehmens, laut Ermittlungsbehörden hat er aber faktisch die betrieblichen Entscheidungen getroffen. Der Mann wurde an einem Flughafen festgenommen, als er ins Ausland reisen wollte. Der jüngste Haftprüfungstermin ergab: Er bleibt zunächst hinter Gittern. Zwischenzeitlich hat die Heimaufsicht des Kreises Unna zwei Wohngemeinschaften für Intensivpatienten des Pflegedienstes aufgelöst, weil sie eine ausreichende fachliche Betreuung nicht gewährleistet sah.

Vorausgegangen waren seinen Worten nach positiv verlaufene Gespräche mit dem Insolvenzverwalter und dem betroffenen Personal. „Ich hätte mich nicht engagiert, wenn die Mitarbeiter nicht auch unsere Philosophie mitgetragen hätten, die die Zufriedenheit aller Beteiligten in den Mittelpunkt rückt“, sagt Yavuz.

Ungewöhnliches Modell

Auch sein ungewöhnliches Teilzeit-Arbeitszeitmodell sei auf Zustimmung gestoßen: Nach drei Tagen Arbeit folgten zwei freie Tage, zwei Tage Arbeit, am Ende blieben die Pflegekräfte drei Tage zu Hause, ehe sich der Ablauf wiederhole. „Das Modell kommt gerade jungen Eltern entgegen “, meint Yavuz.

Betreuung von Ahlen aus

Die Übernahme habe zu Monatsbeginn stattgefunden und sei mit viel Aufwand verbunden gewesen, schildert Yavuz. Er habe zahlreiche Gespräche mit den Patienten geführt, deren Informationsbedürfnis naturgemäß groß gewesen sei und die aus Bönen, Bergkamen, Lünen oder auch Dortmund stammten. Für drei Wochen habe er sich in den Räumen des insolventen Pflegedienstes eingemietet – und dann entschieden, die Betreuung von Stammsitz Ahlen aus zu steuern.

„Kein Geld geflossen“

Die Übernahme bezieht sich laut Yavuz allein auf den Bereich der häuslichen Krankenpflege. Geld sei nicht geflossen, berichtet er auf Nachfrage. Konkretere Zahlen zur Übernahme wollte er nicht nennen. Ausschlaggebend für sein Engagement seien die Bedürfnisse der Patienten und der Mitarbeiter, deren Anspruch auf Insolvenzgeld ausgelaufen sei, sowie die Wachstumschancen für sein Unternehmen. Die Insolvenz des Pflegedienstes nennt Yavuz „sehr bedauerlich“.

Dementi eines Dritten

Der besagte Pflegedienst hatte zuletzt mehrere hundert Beschäftigte, auch für die Pflege von Intensivpatienten. Ob noch mehr Personal zu anderen Anbietern gewechselt ist, lässt sich schwer sagen. Ein weiterer Pflegedienst, dessen Name im Kontext der Insolvenz gefallen ist, dementiert auf Nachfrage eine Übernahme.

Zivilverfahren ausgebremst

Das Landgericht Dortmund will derweil ein Zivilverfahren gegen den insolventen Bönener Pflegedienst ruhen lassen. Geklagt hatte ein 69-jähriger Intensivpatient. Er fordert wegen angeblicher Pflegefehler Schmerzensgeld in Höhe von 21.000 Euro sowie die Übernahme der Prozesskosten.

Gütetermin aufgehoben

Die Zivilklage sollte eigentlich Anfang Oktober verhandelt werden. Der Gütetermin soll nun aufgehoben werden. Damit reagiert das Landgericht auf den Hinweis der Beklagtenseite, dass über dessen Vermögen das Insolvenzverfahren eröffnet ist.

Neue Klage angekündigt

Der Kläger will nicht locker lassen und seine Forderungen nach eigenem Bekunden nun auch an die Adresse der offiziellen Geschäftsführerin des Pflegedienstes stellen. Sie sei ihrer Sorgfalts- und Aufsichtspflicht nicht nachgekommen, lautet die Argumentation. Daher könne sie auch als Person haftbar gemacht werden. Nicht auszuschließen sei, dass eine Haftpflichtversicherung zum Tragen komme.

Beschämende Fotos

Der 69-jährige Intensivpatienten wurde zwischen dem Frühjahr 2020 und Ende Februar 2021 vom Pflegedienst betreut. Der Vorwurf: Diese Pflege sei unsachgemäß verlaufen, sodass es zu mehreren Klinikaufenthalten gekommen sei. Unter anderem seien nicht qualifizierte Pflegekräfte eingesetzt worden. Überdies seien mit dem Diensthandy beschämende Bildaufnahmen vom 69-Jährigen gemacht worden, die seinen höchstpersönlichen Lebensbereich verletzt hätten – etwa Fotos vom Intimbereich und dünnflüssigem Stuhlgang, in dem er gelegen habe.

„Geht nicht um Geld“

Die polizeilichen Ermittlungen infolge der vom 69-Jährigen gestellten Strafanzeigen gegen den Pflegedienst und einen seiner Pflegekräfte noch nicht abgeschlossen. „Uns geht es nicht ums Geld, sondern darum, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden“, sagen die Bevollmächtigten des 69-Jährigen. Gerade im Bereich der Intensivpflege komme es immer wieder zu schweren Pflegefehlern, weil es den Unternehmen nur darum gehe, Geld abzuschöpfen.

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