Nach mehr als 100 Jahren: Kein Bock mehr auf Schranke

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Ohne Geduld geht es nicht: Fußgänger wie Autofahrer warten schon 1963 brav vor der Schranke.

Bönen – Vor der Schranke in der Ortsmitte warten die Bönener schon seit über 100 Jahren  mehr oder eniger geduldig. Ein Blick in das Gemeindearchiv zeigt die Geschichte der Bönener und ihres Bahnhofs.

Als der erste Zug in Bönen hielt, sollen laut mündlicher Überlieferung die Fahrgäste den Schaffner erstaunt nach dem Ort gefragt haben, nachdem dieser die Station ausgerufen hatte. Das war am 18. Januar 1866. 

Da die Bahnstrecke nämlich mitten durch die Feld- und Wiesenflur zwischen dem Kirchdorf Bönen und der Bauerschaft Altenbögge verlief, waren die Fahrgäste verwundert, weil nirgends eine Ortschaft zu erblicken war. Die Antwort des Schaffners lautete: „Do ächten op’n Biärge wo de Kiärke staiht, do is Boinen!“ 

Mit zunehmendem Verkehr erhielt der Haltepunkt im Jahre 1896 ein eigenes Bahnhofsgebäude mit Fahrkartenausgabe, Güterschuppen und Warteraum. Im Jahr 1907 wurde an der Bahnüberführung schließlich ein mechanisches Stellwerk für den Weichenwärter erbaut. Er war ebenfalls für die Bedienung der Schranken verantwortlich. Da der Personenverkehr zunahm, wurde der Bahnsteig II ausgebaut – seit 1915 ist er nur noch durch die Unterführung zu erreichen. 

Rainer Eßkuchen war von 1988 bis 2015 zunächst ehrenamtlicher, später hauptamtlicher Bürgermeister in Bönen. Sein Großvater kam 1926 aus Bochum in die Gemeinde, um auf dem Pütt zu arbeiten. Außerdem kaufte er die Trinkhalle am Bahnhof, in der seine Frau arbeitete. „Wenn die Schranke zu war, war der Umsatz hoch“, erzählt Eßkuchen. Auf dem Weg zur Zeche kauften die Bergmänner Knickelwasser, auf dem Rückweg einen Flachmann. Und weil das Geschäft lief, wollte Eßkuchens Großvater für die trinkfreudige Kundschaft ein Pissoir in Stein anbauen.

Ein Pissoir in Stein - Rainer Eßkuchens Opa beweist Weitblick 

Doch die Deutsche Reichsbahn riet ihm zu einem hölzernen Anbau. Begründung: Man plane dort eine Unterführung – also eine Überführung der Autos über die Schienen. Dann müsse der Anbau abgerissen werden. „Mein Großvater baute doch in Stein und bewies damit Weitblick“, sagt Eßkuchen. 

Bis 1959 betrieb sein Vorfahr die Trinkhalle noch – und eine Unterführung wurde in dieser Zeit nicht gebaut. Trotzdem gab es in dieser Zeit einige Veränderungen. 1927 wurde etwa ein neues mechanisches Befehlsstellwerk errichtet, in dem jetzt auch der Fahrdienstleiter seinen Dienst versah. Drei Jahre später wurde das bisherige Bahnhofsgebäude völlig umgebaut und um zwei Fahrkartenschalter, einen Gepäckschalter, eine geräumige Bahnhofsvorhalle und mehrere Wartesäle erweitert. 

Kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges wurde am 27. März 1945 das Bahnhofsgebäude bei einem Bombenangriff völlig zerstört. Damit der Dienstbetrieb trotzdem weitergehen konnte, wurde für die Diensträume eine Baracke errichtet. Dieser Zustand – die Reisenden mussten zum Lösen der Fahrkarten zum Teil auf der Straße anstehen – dauerte immerhin bis zum Jahr 1960.

Erst dann wurde das neue Bahnhofsgebäude in Betrieb genommen, nachdem drei Jahre zuvor bereits eine neue elektrische Schrankenanlage am Bahnhof installiert worden war. Im August 1962 wurde die Bahnstrecke elektrifiziert, zwei Jahre später, im Februar 1964, wurde das neue Gleisbildstellwerk in Betrieb genommen. 

Auch im August 1980 ist die Schranke- wie könnte es anders sein - mal wieder unten.

Einige Jahre später ging es mit der Planung einer Unterführung weiter. „Der Verkehr nahm zu, die Autos stauten sich die ganze Bahnhofstraße entlang“, erinnert sich Eßkuchen. Mitte der siebziger Jahre wurde deshalb ein Büro mit der Planung beauftragt. „Als ‘79 dann die Zeche schloss, kam es zum Wegfall von Steuereinnahmen und die Bergarbeitersiedlungen sollten aufgehübscht werden“, erklärt der ehemalige Bürgermeister. Der Plan einer Unterführung wurde deshalb verworfen. 

Auch in den 1990er Jahren gab es wieder Pläne für eine Unterführung, fährt er fort. Kleiner ausfallen sollte diese und in Verbindung mit einem Zentralen Omnibusbahnhof entstehen. Doch auch daraus wurde nichts. „Die Bahn zeigt sich in allen Verhandlungen wenig kooperativ“, erläutert Eßkuchen das Problem. 

"Die Schranke gibt es, seit ich mich erinnern kann"

Egal woran es liegt: Die Bönener sind genervt. Angesprochen auf die Schranke, winken einige von ihnen nur noch ab. Peter Heinert ist 75 Jahre alt und in Bönen geboren. „Die Schranke gibt es, seit ich mich erinnern kann“, sagt er. Früher, als die Schranken noch auf Sicht bedient wurden, sei die Lage aber noch nicht so schlimm gewesen. Heute gehe das natürlich nicht mehr – unter anderem wegen der schnellen ICEs. Dringend verbessert werden müsste seiner Meinung nach der Zugang zum zweiten Gleis. Ohne Fahrstuhl sei das für Menschen mit Rollator kaum erreichbar. 

Ines Müller, geborene Bönenerin, findet: „Früher war es etwas besser, aber heute gibt es mehr Verkehr und zu den Stoßzeiten staut es sich sehr“. Deshalb ist sie der Meinung: „Die hätten sofort eine Unterführung bauen sollen.“ 

Aber vielleicht klappt es ja im vierten Anlauf mit einer Unterführung. „Wenn die dann 2027 fertig wird, kann man sagen: 100 Jahre Planung“, schmunzelt Eßkuchen.

Besonderer Dank gilt an dieser Stelle Barbara Börste vom Gemeindearchiv, die der Redaktion einen Aufsatz über die Geschichte des Bönener Bahnhofs zur Verfügung stellte, auf dem dieser Artikel basiert.

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