Köhling in Bönen

Ende einer Ära: Möbelhaus schließt nach 118 Jahren

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Karl Heinrich Köhling lieferte die Möbel selbst aus und baute sie beim Kunden auf.

Noch gibt es in den Schaufenstern des Möbelhauses Köhling viel zu sehen. In der Auslage sind jede Menge Geschenk- und Dekorationsartikel, ein paar Haushaltsartikel. Spätestens bis zum Jahresende soll das Geschäft aber komplett geräumt sein. Dann übernimmt der neue Eigentümer das Gebäude an der Bahnhofstraße, und damit endet die 118-jährige Geschichte des Betriebes. Er hat lange Zeit das Bild in der Gemeindemitte mitgeprägt.

Bönen - Bis 1990 die Fußgängerzone eingeweiht wurde, konnte Eva Köhling der nahegelegenen Bahnschranke durchaus etwas abgewinnen. Die brachte nämlich immer mal wieder auswärtige Kunden in das ortsansässige Möbelhaus. „Es kamen oft Leute aus Hamm zu uns, die uns erzählten, dass sie vor der Schranke gestanden und das eine oder andere im Schaufenster entdeckt haben“, erinnert sich die Inhaberin.

In den vergangenen Jahren ist es allerdings ruhiger geworden, die Glocke an der Ladentür klingelt seltener. Zurzeit läuft nur noch der Abverkauf von Waren, die auf Lager sind. Voraussichtlich am 31. Oktober, vielleicht ein paar Tage später, will die 80-Jährige das Geschäft dann aber endgültig abschließen und mit ihrem Mann Karl Heinrich Köhling nach Wickede in die Nähe ihrer Tochter und deren Familie ziehen.

Seit mehr als 45 Jahren verkauft Eva Köhling Möbel und Dekorationsartikel in der Gemeindemitte.

Es war der Großvater von Karl Heinrich Köhling, der das Wohnhaus mit dem Geschäft und der Werkstatt im Hof 1902 an der heutigen Bahnhofstraße errichtete. Der gebürtige Brameyer Carl Köhling war Zimmermann. „Er hat so manches Fachwerkhaus im Ort gebaut“, erzählt Eva Köhling. Um seinen Traum vom eigenen Betrieb zu erfüllen, lieh sich der tatkräftige junge Mann 5 000 Goldmark von seinem Bruder, einem Architekten.

Handgeschriebene Rechnungen aus dem Jahr 1902 belegen noch heute, was er damit bezahlt hat. Neben der Zimmerei und Sargtischlerei gehörten damals schon Bestattungen mit zum Geschäft. In den 1920er-Jahren erweiterte sein Sohn, der traditionsgemäß ebenfalls Karl hieß, das Gebäude und ließ ein Ladenlokal mit großen Schaufenstern anbauen. Dort zog zunächst ein Kolonialwarengeschäft ein. Karl Köhling war in die Fußstapfen seines Vaters getreten und als Tischler beim Werkstoff Holz geblieben. Er bot nun aber zudem handgefertigte Möbel an. Seine Frau Marie war hingegen gelernte Verkäuferin. Mit ihr erweiterte er ab 1937 das Möbelsortiment und kaufte von Fabriken zu.

Karl Heinrich Köhling führt das Geschäft in dritter Generation

Bald brauchte das Paar mehr Platz für die Ausstellung und nahm den Ladenanbau, in dem sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein Lebensmittelgeschäft eingerichtet hatte, mit dazu. Von der Küche bis zum Schlafzimmer hatte Köhling jetzt die gesamte Wohnungseinrichtung im Angebot. Die Möbel wurden zum Kunden geliefert und dort natürlich fachmännisch aufgebaut. Diesen Service schätzen nicht nur die Bönener, das Geschäft machte sich auch in der Umgebung einen Namen.

Dass Sohn Karl Heinrich den Betrieb in dritter Generation weiterführen würde, stand früh fest. Bereits als 13-Jähriger begann dieser seine Ausbildung in einer Tischlerei in Heeren-Werve. Bei Wind und Wetter fuhr der Junge mit dem Fahrrad zu seinem Lehrherrn, und nach Feierabend hatte der Vater daheim oft zusätzliche Aufgaben für ihn: die Werkstatt aufräumen, durchfegen oder Ähnliches.

Nach der Abschlussprüfung arbeitete der frischgebackene Geselle mit seinen Eltern zusammen. Er besuchte die Meisterschule in Dortmund und erhielt 1974 den Meisterbrief. Im folgenden Jahr übernahm der Bönener das Familienunternehmen. Zur Seite stand ihm dabei seine Frau Eva, die er ein Jahr zuvor kennengelernt hatte, und seine Schwester Annemarie. Während er mit der Werkstatt, dem Möbelbau und der Auflieferung mehr als genug zu tun hatte, kümmerten sich die beiden Frauen um den Verkauf.

Später, als das Geschäft nach und nach zurückging, führte Eva Köhling den Laden gemeinsam mit ihrem Mann. Die Geschäftsfrau erweiterte das Sortiment um Geschenk- und Dekorationsartikel.

Privater Investor übernimmt Komplex

Die beiden Kinder der Köhlings, Petra und Rudi, hatten dagegen weniger Interesse an dem Betrieb. „Wir haben es ihnen freigestellt“, erzählt Eva Köhling. Beide haben sich für ein Studium und gegen eine Übernahme entschieden und sind heute als promovierte Chemiker in einem ganz Bereich tätig.

In der Bönener Mitte wurde es mit den Jahren immer ruhiger. „Wenn das kein Eigentum gewesen wäre und wir Miete zahlen müssten, hätten wir eher Schluss gemacht“, stellt die Geschäftsinhaberin fest. So hat es ihr aber immer Freude gemacht, im Laden zu stehen. Und die Arbeit, der Kontakt mit den Kunden, hat sie offenbar jung gehalten. Seit ihr Mann erkrankt ist, führt die 80-Jährige das Geschäft weitgehend alleine. Die Werkstatt ist seit sechs Jahren an eine Tischlerei vermietet.

Jetzt hat ein privater Investor den gesamten Komplex, also das Wohnhaus, den Laden und die Werkstatt, gekauft. Die Verträge sind bereits unterschrieben, was der neue Eigentümer damit vorhat, ob dort wieder ein Geschäft einzieht oder Ähnliches, ist noch nicht bekannt. „Er steht mit der Gemeindeverwaltung im Austausch über die Möglichkeiten“, berichtet Eva Köhling. Auch wenn sie das Geschäft und die Gemeinde sicher vermissen wird, freut sie sich, sich künftig ein bisschen „kleiner setzten“ zu können und näher an ihren beiden Enkelkindern zu sein.

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