Einfangen entlaufener Tiere

Nach Hunde-Verfolgungsjagd in Bönen: Experte aus Bergkamen erlebt solche Fälle mehrfach im Jahr

Jäger Rolf Humbach
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Der Experte Rolf Humbach unterstützte die Verfolgung von „Mira“.

Die stundenlange Verfolgungsjagd, die sich eine entlaufene Schäferhündin am 1. Mai mit der Polizei lieferte, sorgte in Bönen für viel Aufsehen. Entscheidend zum guten Ausgang der Geschichte hat ein Experte aus Bergkamen beigetragen.

Bönen/Bergkamen – Wenn Tiere entlaufen und sich und andere in Gefahr bringen, müssen Profis ran. So wie in Bönen am 1. Mai, als Schäferhündin „Mira“ über Stunden die Polizei, einen Sachverständigen mit Betäubungsgewehr und letztendlich auch viele Bönener in Atem hielt.

Sogar der Einsatz eines Hubschraubers und mehrerer Betäubungspfeile waren nötig, bis der verzweifelte Besitzer seine Hündin wieder in die Arme schließen konnte. Genug Aufregung in Bönen, die sogar überregional für Schlagzeilen sorgte. Dass „Miras“ stundenlange Flucht letztlich gut ausging, ist der Polizei und dem Bergkamener Rolf Humbach, zwischen 2017 und 2020 Vorsitzender der Bergkamener Grünen, zu verdanken. Im Kreis Unna und Dortmund ist er seit rund zehn Jahren bislang einziger „Beauftragter für das Einfangen entlaufener Tiere.“

Verfolgung über 59 Kilometer

Ob Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde, Gatterwild oder Hunde, Humbach springt in seinen Geländewagen und lässt sich zum letzten Ort der Sichtung dirigieren. Dabei ist er bestens ausgerüstet. Neben einem Fangnetz führt er ein Blasrohr, eine Pistole, eine Repetierbüchse und ein Narkosegewehr für Betäubungspfeile mit sich. Ziel ist nämlich nicht, das Tier zu töten, sondern es mit Betäubungsmitteln buchstäblich „aus dem Verkehr zu ziehen“.

Schäferhündin Mira war trotz mehrerer Betäubungsschüsse über Stunden nicht zu stoppen.

Denn freilaufende Tiere gefährden sich nicht nur selbst, sondern auch andere. Über 59 Kilometer musste sich Rolf Humbach, der selbst Tierhalter ist, an Miras Fersen heften. „Nicht ungewöhnlich“, meint Humbach. Solche Einsätze können bis in die Morgenstunden andauern, denn die Tiere sind aufgebracht, weshalb die Narkosemittel langsamer wirken. Aufgeben ist dann keine Option. Schließlich ist die Gefahr noch nicht gebannt. Wird das Tier dann vom ersten Betäubungspfeil getroffen, ist es auch eine Frage des Tierschutzes, es zu finden.

Bis zu 20 Hunde werden im Kreis Unna derzeit vermisst

Rund 150 Haus- und Nutztiere kann Humbach so jährlich sichern und damit so manche Katastrophe verhindern. Fast immer handelt es sich um Hunde. Vor allem ängstliche Hunde aus dem Auslandstierschutz fallen darunter – er weiß von 15 bis 20, die zurzeit im Kreis Unna unterwegs sind. Dabei stehen die Chancen für den Erfolg gut, wenn eine Sichtung vorliegt.

Rolf Humbach versucht mit seinem Betäubungsgewehr entlaufene Tiere ruhig zu stellen.

„Noch nie ist bei einem Einsatz von Betäubungspfeilen ein Tier gestorben oder anschließend erkrankt“, sagt Humbach Seine Treffsicherheit wird dafür oft auf eine harte Probe gestellt. Der Pfeil sollte möglichst den Oberschenkel treffen, andernfalls könnten Knochen oder sogar innere Organe verletzt werden.

Erst wenn die Polizei den „Kugelschuss“ anordnet, weil das Risiko unkalkulierbar wird, geht der Ausflug für das Tier tödlich aus. Solche Einsätze mag der Tierfreund überhaupt nicht. „Ich bin kein schießwütiger Hasardeur. Sowas hängt mir noch lange nach.“

Unterwegs mit Polizeibegleitung und Blaulicht

Ungefährlich sind die Einsätze für den Experten übrigens nicht. Um ein Rind treffen zu können, muss er selbst bei günstigen Windbedingungen bis auf mindestens 30 Meter ran. Wenn das Tier dann angreift, bleibt ihm nicht mehr viel Zeit. Und auch bei der Verfolgung der flüchtigen Tiere muss Humbach höllisch aufpassen, selbst wenn die Polizei ihn mit Blaulicht begleitet. „In Bönen war ich teilweise im Gegenverkehr unterwegs und habe die Waffe aus dem Fenster gehalten. Das muss komisch sein, wenn man das als Autofahrer sieht.“

In Bönen fuhr zwischendurch eine Polizeibeamtin sein Fahrzeug. Deshalb durfte er eine blaue Signallampe auf dem Dach einsetzen, was ihm sonst nicht erlaubt ist. Abgesehen davon reichen seine Befugnisse dank umfassender Ausbildung recht weit. Im Gegensatz zu einem Jäger darf er auch in Innenstädten schießen, ohne dass vorher alles abgesperrt wird, und sowas kommt auch vor.

Beauftragt wird er hingegen ausschließlich von Behörden, wie der Polizei, der Feuerwehr, dem Ordnungsamt oder dem Veterinäramt. Für die Kosten muss allerdings der Tierhalter aufkommen. Bevor das passiert, wird der Einsatz dokumentiert. „Jeder verbrauchte Milliliter des Betäubungsmittels muss nachgewiesen werden.“ Auch beim Umgang mit den Waffen ist äußerste Sorgfalt oberstes Gebot. Alle Waffen liegen fest verschlossen im Fahrzeug, bis sie zum Einsatz kommen.

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