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Nach zwei Corona-Jahren stehen die Casselli-Artisten wieder in der Manege

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Von: Sabine Pinger

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Nach der Corona-Zwangspause startet der Zirkus Casselli wieder durch. Erstmals besucht er die Gemeinde Bönen
Hinter dem Evangelischen Friedhof an der Lenningser Straße in Bönen stehen das große Zelt, die Tiergehege und die Fahrzeuge des Zirkus. © Pinger Sabine

Nachtblau und mit Hunderten Sternen verziert, wölbt sich die Kuppel über die Manege. Noch stapeln sich darin allerhand Geräte, die Sägespäne mit ihrem typischen Geruch fehlen noch. „Wenn das Zelt erst steht und die Lampen an sind, sieht es prächtig aus“, schwärmt Adolf Spindler. Es ist die erste Saison für das italienische Zeltmodel und überhaupt das allererste Mal für den Zirkus Casselli, dass er in Bönen Station macht. Die erste Vorstellung beginnt am Freitag um 16 Uhr an der Lenningser Straße.

Spindler hofft, dass die 200 Plätze im neuen Zirkuszelt dann möglichst belegt sind mit Zuschauern. Der Kauf des blau-gelben Schmuckstücks soll sich schließlich lohnen. Er war ein ziemlich mutiger Schritt: Immerhin hat das Zelt 42 000 Euro gekostet, verrät der 62-Jährige, zuzüglich 7000 Euro für das erforderliche Baubuch.

Aber Zirkus! Dafür braucht es nun mal etwas Besonderes, etwas Magisches, das das Publikum verzaubert, in Bann zieht. Ein Sternenhimmel ist dafür schon mal eine schöne Kulisse. Für strahlende Augen, offene Münder und hoffentlich reichlich Applaus wollen Spindler und seine Familie selbst sorgen. Dafür arbeiten sie, dafür leben sie.

Geleitet wird der Zirkus Casselli von Spindlers Tochter Angela Kaselowsky und Schwiegersohn Giovanni Kaselowsky. Dann sind da noch die Enkelkinder, Nichten, Cousinen und diejenigen, die so lange mit dabei sind, dass sich einfach mit zur Familie zählen. Rund 25 Mitarbeiter sind es insgesamt. „Aber wir sind eigentlich keine Mitarbeiter. Wir sind Zirkusdirektoren, Artisten und Clowns, aber auch Stallknechte, Fahrer und Laufburschen“, stellt er fest. „Wenn bei uns einer ausfällt, kann jeder andere für ihn einspringen.“ Das fange beim Stallausmisten an und höre bei der Zirkusnummer auf. Jeder macht alles.

Vielseitige Artisten und jede Menge Tiere

Natürlich gibt es dennoch einige „Spezialisten“ wie den Feuerschlucker oder seine neunjährige Nichte. „Sie ist die Jüngste und turnt acht Meter hoch unter der Kuppel in den Todesringen“, erklärt Spindler. Er steht hingegen als Clown im Rampenlicht, inzwischen begleitet von seinen Enkelsöhnen. Die machen darüber hinaus Handstandakrobatik, schwingen am Trapez oder präsentieren Kunststücke, die sie ihren Tieren beigebracht haben.

Davon hat der Zirkus eine Menge: Zwölf Pferde, zwei Kamele, fünf Lamas, zwei Ziegen und dazu Hunde, Hühner, Enten und Meerschweinchen. „Die sind alle mit im Programm. Ich sag’ ja – bei uns müssen alle mit anfassen“, so Adolf Spindler.

Nach einem geregelten Fünf-Tage-Job hört sich das nicht an. „Wir haben auch keinen Urlaub“, gibt der 62-Jährige an. „Wenn, dann besuchen wir mal andere Zirkusse.“ Vermisst hat er bisher trotzdem nichts. Spindler ist ein Zirkusmensch durch und durch. „Ich wurde in einem Zirkuswagen geboren“, verrät er. Bereits sein Urgroßvater stand in der Manege, unter einer Tuchplane, die zwischen Häusern oder Bäumen gespannt wurde. „Damals sind sie noch mit den Tieren durch die Dörfer gelaufen und haben Werbung für sich gemacht“, beschreibt er. Heute setzt Tochter Angela Kaselowsky lieber auf Social Media. Bei Facebook und Co. können die Menschen Neues aus dem Zirkus erfahren, Tickets buchen oder über ihren Besuch berichten.

Adolf Spindler ist schon in einem Zirkuswagen zur Welt gekommen.
Clown Adolf Spindler kümmert sich auch um die Tiere. © Pinger Sabine

Mit dem Internet hat es Adolf Spindler dagegen nicht so. Überhaupt ist er froh, dass er nicht mehr in der Verantwortung steht. „Ich hatte zwei Herzinfarkte“, schildert er. Danach habe er den eigenen Zirkus verkauft und sich seiner Tochter und dem Schwiegersohn angeschlossen. Die mussten den Familienbetrieb gerade durch extrem schwere Zeiten bringen. Aufgrund der Corona-Pandemie fielen zwei Jahre lang sämtliche Vorstellungen aus, die „Cassellis“ standen ohne Einnahmen da.

„Wir haben Fahrerjobs angenommen, die Jungs Rasen gemäht und Hecken geschnitten“, erzählt Spindler. Das sei für ihn nicht das Problem gewesen. „Aber so lange zu stehen, das ist ein schlimmes Gefühl“, beschreibt der 62-jährige. „Ich bin es gewohnt, eine Woche lang auf einem Platz zu sein und dann weiterzuziehen.“ Nun mussten er und seine Familie sich hingegen ein Quartier suchen und dort die Pandemie überstehen. Hilfe bekamen sie vor allem von Landwirten. „Die haben uns sogar Heu für die Tiere gebracht“, ist Adolf Spindler dankbar.

Jetzt können die „Cassellis“ endlich wieder in der Manege stehen. Den Eine-Woche-Rhythmus haben sie zurzeit allerdings aufgegeben – aus Kostengründen. „Wir haben viele große Fahrzeuge, die wir hin und her fahren müssen. Wenn wir nur alle zwei Wochen weiterziehen, sparen wird viel Geld für das Tanken.“ Die aktuelle Krise macht vor dem Zirkus eben keinen Halt. Tierfutter, Strom und Weiteres sind gleichfalls enorm teuer geworden. Auf den Ticketpreis wollen die Kaselowskys die Mehrkosten indes noch nicht aufschlagen. „Viele Leute haben selbst kein Geld“, denkt Spindler. Umso wichtiger findet er es, dass ihnen – insbesondere den Kindern – ein bisschen Zirkusmagie geschenkt wird. „Eine Vorstellung zu sehen, die Artisten, Clowns und die ganzen Tiere – das vergessen die meistens nie mehr.“

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