Nach dem Hochwasser

Anwohner von Holtmanns Hof enttäuscht von der Hilfe der Gemeinde

Manfred und Michael Brandes mit Sperrmüll in ihrer Garageneinfahrt
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Manfred und Michael Brandes schätzen die Menge an zu entsorgendem Sperrmüll durch Wasserschäden auf rund zehn Kubikmeter. Den Hänger haben sie sich für die Abfuhr geliehen.

Papiere, Aktenordner, ein alter Plattenspieler aber auch Arbeitsschuhe sind im Wohnzimmer der Familie Brandes an der Straße Holtmanns Hof zum Trocknen ausgelegt, nachdem ihr Keller beim Extremregen am vergangenen Mittwoch abgesoffen war. Gewünscht hätten sie sich mehr Unterstützung von der Gemeinde.

Bönen – „Nein. Sitzen kann man hier nicht mehr“, hofft Manfred Brandes, dass das warme Wetter ihm kurzfristig wieder mehr Freiraum im Haus beschert. Nebenan in der Küche und auf dem Esstisch ist Geschirr aus dem Partykeller gelagert.

Wenig befindet sich noch im Untergeschoss. Das stand am Mittwoch knapp einen Meter unter Wasser. „Dort hat die Flut das Fenster aufgedrückt“, deutet Sohn Michael auf verbogenes Eisen in der Waschküche. „Das Wasser stand aber auch im Kellerabgang meterhoch, kam durch das Schlüsselloch.“ Die Folge: Die Waschmaschinen von Senior und Junior sind Schrott. „Das ist nicht schön, wenn man so viel verschlammte Kleidung hat“, sagt der Mechatroniker-Meister.

Zwei Stunden hätte die Feuerwehr gepumpt, bis der „zum Glück“ geflieste Fußboden wieder zu sehen gewesen sei. Die eigene Förderpumpe für den fast zwei Meter unter Niveau liegenden Keller lief nicht – Stromausfall, weil Steckdosen geflutet waren. „Sie hätte das aber auch nicht geschafft“, sagt Manfred Brandes.

Luftentfeuchter ersetzen Bautrocknungsgeräte.

Das Wasser hatte sich im Graben oberhalb des Holtmannshofs gesammelt, floß nicht stetig ab, sondern lief über und flutete die Gärten, da der Graben zugewachsen war. „Das Wasser wurde auch durch das Erdreich gedrückt, vielleicht auch durch Mäusebauten“, erzählt Michael Brandes.

74 Kilometer Entwässerungsgräben

Die 74 Kilometer Entwässerungsgräben hätte die Gemeinde im Blick. „Sie werden regelmäßig kontrolliert. Einmal im Jahr wird freigeschnitten“, erklärt Josef Zientek, zuständiger Mitarbeiter im Fachbereich Bauen den Anwohnern beim Ortstermin gestern. Das geschehe normalerweise im September. Er verspricht, dass der Graben „ausgelandet“, um 20 bis 30 Zentimeter vertieft wird. „Und wenn der Graben so wie jetzt freigeschnitten gewesen wäre, wäre nichts passiert“, ergänzt er.

Die Gräben seien in der Regel aber für normalen Regen ausgelegt. „Und da sind wir gut aufgestellt“, weiß Zientek aus einer DynAKlim-Studie zur Hochwassergefährdung. „Außerdem ist der Einzugsbereich dieses Grabens eher gering“, blickt er verwundert auf das Feld hoch zur Lenningser Straße. Zientek bittet, abzuwarten. „Wenn es notwendig sein sollte, werden wir auch zweimal freischneiden.“

Der Entwässerungsgraben, der überlief, ist für normalen Regen ausgelegt. Er war aber auch nicht freigeschnitten.

Das ist die Zukunft, die nahe Vergangenheit haben die Anwohner des Holtmannshofs vor Augen. Eben viel Dreck und viel Unbrauchbares. Bei Brandes steht es jetzt in der Einfahrt, wartet auf Abfuhr. Gerettet wurden wenige Dokumente, im Keller war auch das Arbeitszimmer. Computerfestplatten mit alten Bildern hat Sohn Michael schon abgeschrieben. Genauso seine Abizeugnisse, Unterlagen der Lehrzeit zum Mechatroniker. „Den Meisterbrief konnte ich aber retten“, sagt er. Alte Bücher und die Ergebnisse einer Ahnenforschung seiner Frau Vera Kolpak allerdings nicht.

„Vieles kann man ersetzen“, erklärt derweil Manfred Brandes. Ärgerlich nur, dass das kosten wird. Er habe eine alte Gebäudeversicherung ohne Elementarschutz. „Dort hat man die entsprechende Klausel den Wasserschaden betreffend in Leitungswasserschaden umgeschrieben“, ärgert er sich. Hochwasser ist also nicht versichert.

Hilfe vom Bauhof gefordert

Ansonsten ärgert sich Familie Brandes, dass sie den Sperrmüll selbst abfahren muss. „Nicht jeder hat ein Auto mit Anhängerkupplung, geschweige denn einen LKW“. sagen sie, „wer fährt schon den triefnassen Teppich im Kofferraum zur GWA (Gesellschaft für Abfallwirtschaft). Die Gemeinde stellt die kostenfreie Abgabe dort als große Hilfe dar. Aber es wäre doch ein Leichtes bei großen Mengen, den LKW des Bauhofs rumzuschicken. Wir würden ihn auch beladen. Das wäre ein Bürgerservice“, betont Manfred Brandes. Aber Fachbereichsleiter Robert Eisler lehne die kostenfreie Sperrmüllabfuhr am Haus wie in Bergkamen durchgeführt, ab. „Weil sie Geld kostet und weil Menschen vielleicht andere Sachen entsorgen, aber das könnte der Fahrer doch kontrollieren“, zitiert der Betroffene aus einem Telefonat mit Eisler.

Keine Sonderratssitzung, aber ein runder Tisch zum Thema Starkregen

Eine Sonderratssitzung zum Thema Hochwasser, wie von Ratsmitglied Senay Oturak angeregt, wird es nicht geben. „Alle Ratsfraktionen haben sich dagegen ausgesprochen, weil sie aktuell keine Notwendigkeit sehen“, berichtet Kämmerer Dirk Carbow. Der Gedanke sei grundsätzlich gut und richtig, aber die Einsatzbilanz der Feuerwehr und Rückmeldungen aus der Bürgerschaft zeigten, dass in Bönen weder Wohnungen evakuiert werden mussten, noch Personen zu Schaden gekommen sind. „Die meisten Betroffenen haben inzwischen ihre Keller entrümpelt. Bis Mittwoch hatten 170 Haushalte das Angebot genutzt, ihren Sperrmüll bei der GWA an der Industriestraße kostenlos abzugeben.“ Für die kostenpflichtige Sperrmüllabfuhr haben sich bislang erst drei Haushalte angemeldet. „Ich denke, da ist bereits viel über Nachbarschaftshilfe und Unterstützung im Freundeskreis gelaufen. Unsere öffentlichen Strukturen sind oft sehr bürokratisch geprägt, da ist private Hilfe manchmal schneller. Wenn es darüber hinaus im Einzelfall Probleme gibt, sind wir aber als Verwaltung auch ohne Ratssitzung ansprechbar“, versichert Carbow.

Geplant ist, nach diesem extremen Starkregenereignis mit all seinen Auswirkungen ein Treffen mit allen Rettungskräften – möglicherweise auch mit dem Lippeverband –, um aufzuarbeiten und zu analysieren, wie für die Zukunft Vorkehrungen für ähnliche Fälle getroffen werden können. Ein genauer Termin stehe aber noch nicht fest.

Carbow dankt, auch im Namen des Bürgermeisters, der derzeit im Urlaub ist, den Einsatzkräften von Feuerwehr und DRK für das, was sie in einer Vielzahl von Einsätzen in der vergangenen Woche geleistet haben. kir

Die Option, den Bauhof-LKW einzusetzen sei im Rathaus gar nicht im Gespräch gewesen, erklärt Eisler. Eine kostenfreie Sperrmüllabholung sei nicht möglich, weil die Gemeinde einen Externen beauftragen und bezahlen müsse. „Wir haben auch einen Termin für eine kostenpflichtige Sondersperrmüll-Aktion am Samstag eingerichtet, der wurde aber wenig nachgefragt.“

Eisler betont zudem den Publikumserfolg der eigenständigen Anlieferung der Bönener bei der GWA. „Das wurde vom Gros der Menschen gut angenommen“, erklärt der Verwaltungsmann, „als Mittel der Wahl war es in Ordnung.“

Die zeitliche Begrenzung der Aktion ist für Eisler nicht in Stein gemeißelt. „Wir mussten ein Zeitfenster setzen. Aber wenn Leute nachweisen, dass sie es bis dahin nicht geschafft haben, werden wir eine Lösung finden.“

Wichtige Unterlagen trocknen die Brandes jetzt im Wohnzimmer und im Garten.

170 Ladungen wurden bis gestern an der Industriestraße angeliefert. „Das sind ca. 20 Tonnen“, sagt Martin Döbber, kaufmännischer Geschäftsführer des Entsorgungsbetriebs des Kreises Unna. Kostenfrei ist dieser Service übrigens nicht. Die GWA werde die Sperrmüllentsorgung über die Abfallgebühren auf alle umlegen.

„Vielleicht sollten wir die Situation so locker nehmen wie unsere Katze, die dort auf dem Sofa döst“, meint Manfred Brandes zurück im Wohnzimmer.

Er und sein Sohn gehen derweil wieder an die Aufräumarbeit. Schließlich haben beide nur noch Donnerstag frei. Und es gibt noch eine Menge zu tun. Unter anderem eben die Entsorgung des Mülls. Die beiden haben sich einen Hänger ausgeliehen, um geschätzt zehn Kubikmeter Altmöbel, Teppiche und Bücher an der Industriestraße vorbeizubringen.

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