Seit zwölf Jahren auf der Flucht

Osman Ibrahimi aus Bönen kämpft gegen die Rücküberstellung nach Italien

Osman Ibrahimi aus Bönen soll nach Italien rücküberstellt werden. Dagegen hat sein Anwalt Klage eingereicht.
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Osman Ibrahimi möchte in Deutschland ein sicheres Leben führen. Der 28-Jährige ist seit zwölf Jahren auf der Flucht.

Tagelang lebte Osman Ibrahimi in großer Angst. Er konnte nicht mehr schlafen, fand aber auch tagsüber keine Ruhe. Dem Mann aus Eritrea drohte die Rücküberstellung nach Italien – in ein Land, in das er auf keinen Fall zurückkehren möchte. Am Mittwochmorgen sollte es soweit sein. Sein Anwalt konnte die Abschiebung jedoch im letzten Moment verhindern. Gesichert ist die Zukunft des 28-Jährigen in Deutschland damit aber noch nicht.

Bönen - Osman Ibrahimi ist seit zwölf Jahren auf der Flucht. Wie so viele seiner Landsleute brachte er sich vor Unterdrückung, Folter und Terror in seinem totalitär regierten Heimatland in Sicherheit. Ihm drohte dort ein lebenslanger Militärdienst, der Ausbeutung und Zwangsarbeit gleichkommt. Zunächst zog der damals erst 16 Jahre alte Jugendliche in den benachbarten Sudan, lebte dort vier Jahre lang und lernte die arabische Sprache. Dann ging es für ihn weiter nach Israel.

Eine Zeitlang schien es, als könne er im Nahen Osten eine Heimat finden. Fünf Jahre verbrachte er dort, arbeitete in einem Hotel. Doch dann musste Ibrahimi gehen. Israel gewährte ihm kein Asyl.

Über die Türkei, Uganda und Ägypten führte ihn der Weg nach Italien. Das Mittelmeer überquerte er in einem mit rund 450 Flüchtlingen völlig überfüllten Boot. Endlich betrat er danach europäischen Boden. Doch Italien war für den Eritreer keineswegs ein sicherer Hafen.

Katastrophale Zustände

Osman Ibrahimi wurde registriert und in ein Flüchtlingslager gebracht. Dort musste er sich mit acht fremden Menschen ein Zimmer teilen, bekam eine Mahlzeit und 1 Euro pro Tag. Mehr gab es nicht. Die Aussichtslosigkeit ließ ihn erneut sein Bündel schnüren. Er kratzte jeden Cent für einen Fahrschein zusammen, sparte sich Geld buchstäblich vom Mund ab. Mit dem Zug fuhr er über Frankreich und Belgien in die Bundesrepublik.

Von Deutschland hatte Osman Ibrahimi schon in Eritrea geträumt. „Ich habe davon gehört, wie gerecht es in Deutschland ist und wie wohlhabend die Menschen sind“, schildert er. Der junge Mann träumte von einer sicheren Zukunft in Deutschland, von einer Arbeitsstelle, einem Zuhause. Nach acht Monaten wurde er jedoch auf Grundlage des Dublin-Abkommens zurück nach Italien geschickt. Die Verordnung besagt schließlich, dass ein Flüchtling in dem Staat um Asyl bitten muss, in dem er den EU-Raum erstmals betreten hat.

Die Zustände in Italien beschreibt Osman Ibrahimi als katastrophal. Niemand kümmere sich in dem Land um die Geflüchteten. Sie werden schlicht sich selbst überlassen. Der Afrikaner schlief etwa auf der Straße unter Brücken. Asylbewerber sind in Italien offenbar eine Zielscheibe für Kriminelle, er fürchtete teils um sein Leben. Die rechte, fremdenfeindliche Einstellung vieler Italiener machte ihm das Leben zusätzlich schwer, Mitleid oder Hilfe erlebte er kaum. Schutz gab es keinen, auch keine medizinische Versorgung oder die Chance, Arbeit zu finden. Und jetzt, in der Corona-Pandemie, hat sich die Lage in dem Mittelmeer-Land weiter verschärft. Die Italiener kämpfen mit ihren eigenen Problemen.

Die Dublin-Verordnung

Das Dublin-Verfahren regelt unter anderem, dass Asylbewerber in dem Land registriert werden, in dem sie die Europäische Union betreten. Laut Abkommen wird der Staat festgestellt, der für den Asylantrag zuständig ist. Damit soll sichergestellt werden, dass jeder Antrag nur von einem Mitgliedstaat geprüft wird. Stellt sich dabei heraus, dass der Asylantrag in einem anderen Mitgliedstaat zu bearbeiten ist, wird der Antragsteller in dieses Land „rücküberstellt“. Rechtsgrundlage des Verfahrens ist nunmehr die Dublin-III-Verordnung, die seit Januar 2014 gilt. In dieser Verordnung wird zudem geregelt, dass ein Asylbewerber in dem EU-Mitgliedstaat seinen Asylantrag stellen muss, in dem er den EU-Raum erstmals betreten hat. Dort haben auch die Registrierung und die Durchführung des Asylverfahrens zu erfolgen.

Osman Ibrahimi blieb nicht. Er sparte wochenlang, bis er sich das Zuckticket nach Deutschland leisten konnte. In Bönen versuchte er, eine neue Heimat zu finden und nahm dafür einiges in Kauf. Seit 14 Monaten lebt der Afrikaner nun in der Gemeinde.

Er hätte sogar eine Arbeitsstelle bekommen können und so selbst für sein Einkommen sorgen können. Zwei, drei Angebote hatte er. Doch die Ausländerbehörde des Kreises Unna hat ihm bisher keine Arbeitsgenehmigung erteilt.

Über die Gründe möchte der Kreis keine Angaben machen, aus datenschutzrechtlichen Gründen, wie ein Sprecher mitteilt. Immerhin darf der Zufluchtsuchende aber an Sprachkursen bei der Werkstatt Kreis Unna teilnehmen, was der Eritreer auch fleißig nutzt.

Einen Asylantrag hat er längst gestellt. Die Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) lief jedoch nicht gut für ihn. Der 28-Jährige konnte sich mit dem Dolmetscher, der für ihn übersetzten sollte, nur schlecht verständigen. In Eritrea werden neun verschiedene Sprachen gesprochen, der Übersetzter und Osman Ibrahimi haben nicht dieselbe gelernt. Prompt wurde der Antrag des Geflüchteten aus Bönen abgelehnt. Er klagte gegen diese Entscheidung, doch das Gericht lehnte diese Klage ab. Zwei Tage später, vor knapp einer Woche, erreichte Osman Ibrahimi dann erneut ein Abschiebebescheid.

Oberverwaltungsgericht entscheidet

Am Mittwochmorgen sollte er abgeholt und zum Flughafen gebracht werden. Das Ziel der Reise: Italien. Allein der Gedanke daran versetzt den Ibrahimi in Panik. Die Erfahrungen, die er dort gemacht hat, sind so furchtbar, dass er seither unter Angstzuständen und Schlaflosigkeit leidet. Psychisch sei er schwer angeschlagen, berichtet ein Flüchtlingshelfer.

Ibrahimis Rechtsanwalt, Clemens Michalke aus Münster, brachte umgehend ein Eilverfahren auf den Weg und reichte Klage beim Oberverwaltungsgericht ein. Der Jurist verweist darauf, dass inzwischen etliche Streitigkeiten vom Gericht bezüglich der Zustände in Italien zugelassen wurden.

Mehrere Gerichte haben Abschiebungen ins Mittelmeerland gestoppt. Begründet wurden die Urteile damit, dass Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen in Italien systemische Schwachstellen aufweisen. Diese bergen die Gefahr einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung nach der EU-Grundrechtecharta und der Europäische Menschenrechtskonvention.

Nach Auskünften des Österreichischen Roten Kreuzes, der schweizerischen Flüchtlingshilfe und Pro Asyls besteht zudem die ernsthafte Gefahr, dass Flüchtlinge bei der Rückführung nach Italien in die Obdachlosigkeit entlassen und damit extremer materieller Not ausgesetzt sind.

All das bestätigt der Bericht von Osman Ibrahimi. Und bis das Oberverwaltungsgericht einen Entschluss in seiner Sache gefasst hat, darf er in Bönen bleiben. Leben muss er bis dahin aber weiter mit der Angst.

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