Mitarbeiter der Bönener Verwaltung streitet um Homeoffice

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Michael Höner erhebt schwere Vorwürfe gegen die Bönener Verwaltung.

Bönen – Das Büro zu Hause: Was vorher die Ausnahme war, ist seit Beginn der Corona-Pandemie in vielen Betrieben inzwischen Standard. Auch aus dem Bönener Rathaus haben sich Mitarbeiter zeitweise zurückgezogen, erledigen ihre Aufgaben vom heimischen Schreibtisch aus. Für alle Kollegen der Gemeindeverwaltung gilt dieses Modell allerdings nicht. Michael Höner kämpft seit sieben Jahren um das Homeoffice, bislang vergeblich.

Der Verwaltungsfachangestellte ist von Kind an behindert. Sein Muskelschwund schränkt seine Bewegungsfähigkeit stark ein, insbesondere die Hände sind betroffen. Fach- und Amtsärzte sowie der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) haben festgestellt, dass sein Arbeitsplatz auf seine Bedürfnisse abgestimmt sein muss und finanzielle Unterstützung dafür zugesagt.

Seit sieben Jahren halten die Ärzte es für erforderlich, dass Michael Höner im Homeoffice arbeitet, wie er berichtet. Und jetzt, während der Corona-Pandemie, sei dies besonders angezeigt. Höner bezieht sich dabei auf Stellungnahmen seiner Ärzte. Aufgrund seiner Erkrankung gehöre er zur Risikogruppe und die Hygieneregeln könne er nicht einhalten. „Ich kann mir selbst nur schwer eine Maske aufsetzen, Handschuhe anziehen oder die Hände vorschriftsmäßig desinfizieren geht gar nicht.“ Dennoch untersagt ihm sein Arbeitgeber, von zu Hause aus zu arbeiten. „Das ist Benachteiligung“, findet Höner, der seit Beginn seiner Ausbildung 1987 bei der Gemeinde beschäftigt ist. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Bönener Verwaltungsspitze.

Streit begann vor zehn Jahren

Ihren Anfang nahm die Geschichte bereits vor zehn Jahren. Um seinen Arbeitsplatz barrierefrei zu gestalten, genehmigte der LWL damals Hilfsmittel und Umbaumaßnahmen im Bönener Rathaus und sicherte der Gemeinde 50 000 Euro dafür zu. Die Mittel wurden nicht abgerufen, obwohl er immer wieder danach gefragt habe, so Höner. Erst im neuen Rathaus wurden die Anpassungen teilweise umgesetzt, das geforderte papierlose Büro sei bis heute nicht vorhanden. 2013 folgte dann seine Abordnung zur Kreisverwaltung. Er sollte dort den Umzug der Bönener EDV organisieren, die er seit 18 Jahren aufgebaut und geleitet hatte. Das sei ihm zugesichert worden. Tatsächlich habe er aber die meiste Zeit aus dem Fenster geguckt. „Ich hatte nichts zu tun. Die haben mich am langen Arm verhungern lassen“, wirft er den Verantwortlichen bei der Kreisverwaltung vor. Immerhin durfte er aber ab Anfang 2014 von zu Hause aus arbeiten und Entwicklung und Webdesign für den Kreis übernehmen.

Da er aufgrund seiner Behinderung an den Händen die dafür erforderliche Qualifizierung nicht vollenden konnte, fiel auch diese Aufgabe für ihn wieder weg. Höner saß demnach monatelang ohne Arbeitsauftrag zu Hause.

Nach einer vergeblichen Bewerbung um eine Fachbereichsleiterstelle Ende 2014 bei der Gemeinde klagte der Bönener erstmals gegen seinen Arbeitgeber. Die Stelle wurde aber vor der gerichtlichen Entscheidung neu besetzt. Der Verwaltungsmitarbeiter schloss einen Vergleich mit der Gemeinde: Es sollte ein Eingliederungsmanagement durchgeführt und Höners Tätigkeit fortgesetzt begleitet werden. Im Juni 2015 wurde die Abordnung zum Kreis zurückgenommen und er freigestellt. Erst im September bekam er eine neue Aufgabe: Er sollte sich um den demografischen Wandel und das Quartiermanagement in der Gemeinde kümmern und zwar überwiegend im Homeoffice. Starten konnte Michael Höner damit im Dezember. Einen Monat später erklärte ihm der neue Chef, Stephan Rotering, dass er kein Freund von Tele-Arbeitsplätzen sei. „Und deshalb gebe es den für mich nicht mehr.“

Arbeitsrechtliches Verfahren läuft

Den Demografiebericht beziehungsweise das -konzept verfasste Höner also im Rathaus. Eine Stellungnahme zum bis Juni 2018 fertiggestellten Konzept habe er bis heute nicht erhalten – außer, dass dieses inzwischen nicht mehr notwendig sei.

Immer wieder fehlte der jetzt 51-Jährige in den vergangenen Jahren krankheitsbedingt: Der Stress mit dem Arbeitgeber haben seinen Gesundheitszustand verschlechtert, gibt er an. Von Dezember 2016 bis Mai 2017 bekam er kein Gehalt, „aufgrund falscher Interpretation der Darstellung des Sachverhaltes im Schreiben des Amtsarztes“, gibt der Verwaltungsmitarbeiter als Erklärung dafür an. Ihn habe die halbe Erwerbsminderungsrente gerettet, die er seit seiner aus medizinischen Gründen angeordnete Stundenreduzierung bezieht. Dadurch blieb er krankenversichert. „Ansonsten wäre ich verloren gewesen.“

Seit dem vergangenen Jahr soll er nun an Baugenehmigungsverfahren arbeiten. „Ich habe die Aufgabe ausprobiert und festgestellt, dass ich das Aktenhandling aufgrund meiner eingeschränkten Handmobilität nicht durchführen kann“, verweist Höner auf sein Handicap. Seit Oktober 2019 ist er krankgeschrieben, ein arbeitsrechtliches Verfahren gegen die Verwaltung läuft. Damit will er sein Recht auf einen behindertengerechten Heimarbeitsplatz durchsetzen.

Inklusion sieht für ihn anders aus. Seiner Ansicht nach werden in seinem Fall fachärztliche Erfordernisse ignoriert, aktuell werde ihm sogar der Zugang zum arbeitsmedizinischen Dienst verweigert. „Ich hatte am 7. September einen Termin beim Arbeitsmediziner, doch mein Arbeitgeber verweigert es mir, diesen wahrzunehmen.“ Die Genehmigung für den Besuch des Betriebsarztes ist aber erforderlich, da der Arbeitgeber dafür die Kosten übernehmen muss. Dort könnten die nötigen Erfordernisse besprochen werden, um das Arbeitsumfeld auf seine Bedürfnisse anzupassen, vermutet Höner. Er hofft auf einen, in seinem Sinne positiven Ausgang der arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung.

Die Stellungnahme der Gemeinde

Konfrontiert mit den Vorwürfen, die Michael Höner gegen die Bönener Verwaltung erhebt, haben die Verwaltungsleitung, die Personal- und die Schwerbehindertenvertretung sowie die Gleichstellungsstelle der Gemeinde gemeinsam eine Stellungnahme abgegeben: „Da es sich bei dem gesamten Vorgang um eine interne Personalangelegenheit handelt, und auch ein gerichtliches Verfahren zur Klärung des Anspruches auf ein Home-Office anhängig ist, werden Einzelheiten dazu nicht kommentiert“, heißt es aus dem Rathaus. 

Die Beteiligten merken jedoch an, dass es bereits eine gerichtliche Entscheidung aus dem Jahr 2017 gebe, die besage, dass es sich bei dem von der Verwaltung bereitgestellten Arbeitsplatz für Michael Höner um einen leidensgerechten Arbeitsplatz handele und dass (generell) kein Anspruch auf die Einrichtung eines Homeoffices bestehe. Homeoffice-Arbeitsplätze wurden bei der Gemeinde ausschließlich vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie eingerichtet, um im Falle möglicher Infektionen die Handlungsfähigkeit der Verwaltung zu gewährleisten. Dies betraf den Zeitraum Mitte März bis Ende Juni. Danach gab es keine Homeoffice-Arbeitsplätze für die Mitarbeiter mehr. „Im Rahmen einer Gefährdungsanalyse sind wir, unter anderem durch die direkte, generelle Schließung des Rathauses, die Einzelbüros und die getroffenen Hygienemaßnahmen zu dem Ergebnis gekommen, das Infektionsrisiko im Verhältnis zu allen anderen alltäglichen Lebensbereichen als gering einzuschätzen“, teilen die Verantwortlichen mit.

„Inhaltlich stellen sich die gemachten Ausführungen in wesentlichen Teilen als sehr subjektiv, teilweise lückenhaft und auch unrichtig dar und weichen von der Wahrnehmung in unserem Hause deutlich ab“, beziehen sich die Beteiligten weiterhin auf die Darstellung von Michael Höner.

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