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„Mit(te)machen“ für Bönen: Gründliche Inspektion durch den „Bürger-Tüv“ bei den Rundgängen erfolgt

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Von: Bernd Kröger, Sabine Pinger

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Die wohl größte und munterste Spaziergruppe bei der Arbeit: Mit den Senioren führten die Moderatorinnen intensive Gespräche. Rampe und Stufen vor dem Rewe-Markt als Sturzgefahr waren ein Thema – aber auch die Schattenseiten zentraler Wohnlage.
Die wohl größte und munterste Spaziergruppe bei der Arbeit: Mit den Senioren führten die Moderatorinnen intensive Gespräche. Rampe und Stufen vor dem Rewe-Markt als Sturzgefahr waren ein Thema – aber auch die Schattenseiten zentraler Wohnlage. © Robert Szkudlarek

Vor den kritischen Augen der Bürgerschaft stand Bönens Mitte auf dem Prüfstand: Wo zeigt sich Verschleiß? Was fehlt für einen netten Aufenthalt oder die Versorgung? Der Check liefert Ideen für einen Umbau, der den Bedürfnissen entspricht.

Bönen – Nein, es sind nicht die großen Räder, die mit der Kleinstadt-Akademie gedreht werden sollen. Dafür reicht das Budget auch nicht. 15 000 Euro aus dem Fördertopf – „Spielgeld“ nannte Elisabeth Frieling es. Sie meinte das keineswegs geringschätzig, eher als Ermunterung: Fürs „Mit(te)machen“ ist ein Experimentierfeld eröffnet, wenn gute Ideen kommen, wird beherzt ausprobiert.

Die Bönener müssen es anschieben

Es war sowohl der Mitarbeiterin im Team Planen und Bauen der Gemeinde als auch „Citymanagerin“ Sabine Radig wie Elke Bojarra und Beate Hollbach vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) anzumerken, dass sie etwas bewegen möchten. Anschieben sollen das allerdings die, die es angeht: die Bönener.

Projekt der Kleinstadt-Akademie

Zu sechs „Spaziergängen“ durch die Mitte hatten die Kooperationspartner am Montag und Dienstag geladen. Die Kleinstadt-Akademie, ein Pilotprojekt des Bundes zur Kompetenzstärkung kleinerer Kommunen vor großen Herausforderungen beim Erhalt der Lebens- und Wirtschaftsbedingungen abseits der Zentren, hat das Modell zur Bürgerbeteiligung hervorgebracht. Darüber stand Bönen mit Demmin (Mecklenburg-Vorpommern), Zwönitz (Sachsen) und Münnerstadt Bayern) in ähnlicher Problemlage zunächst intern im Austausch. Der soll nun mit dem Erkenntnisgewinn aus den Projekten weiter gehen.

Der Spielplatz am Gemeindeteich stand vielfach in der Betrachtung – hier im Gespräch mit den Experten, die ihn nutzen. Sie hatten größere Wünsche (lange Seilbahn), aber auch kleine praktische Tipps für mehr Spaß am Spiel und Aufenthaltsqualität
Der Spielplatz am Gemeindeteich stand vielfach in der Betrachtung – hier im Gespräch mit den Experten, die ihn nutzen. Sie hatten größere Wünsche (lange Seilbahn), aber auch kleine praktische Tipps für mehr Spaß am Spiel und Aufenthaltsqualität © Robert Szkudlarek

Nach Zielgruppen strukturiert sind die Moderatorinnen die Spaziergänge angegangen und haben im Vorfeld nach Kräften geworben. Mehr als 200 Einladungen gingen raus an Vereine, Eigentümer, Multiplikatoren. „Darwin’s Bistro“ von Boguslawa Wojsa war Dreh- und Angelpunkt – und bestes Beispiel: Der Einzug der Gastronomie in den altersbedingt aufgegeben Friseur-Salon in der Fußgängerzone – um solche Dinge geht’s beim „Mit(te)machen“ unter veränderten Verhältnissen.

Rundgänge nach Zielgruppen

„Junge Erwachsene/Familien“ machten den Auftakt der Runden am Montagnachmittag, „Einzelhandel/Gewerbe“ folgte abends. „Die ,ältere’ Bevölkerung“, „Institutionen“ und „Interessierte Bürger*innen“ waren Dienstag geladen. Zum Schluss, ohne öffentliche Bewerbung, waren Bönens Politiker am Zug. Gleichwohl hatte sich der eine oder andere vorher schon unters Volks gemischt.

Gemeindeteich könnte mehr bieten

„Wasserspielplatz“ können sich die Fraktionen schon mal als Stichwort notieren. Das kam mehrfach auf in der ersten Runde mit Eltern und Kindern. Wechselnd speiende Fontänen etwa, anderenorts in Sommervergnügen für pitschnassen Nachwuchs. Aus dem Gemeindeteich ließe sich mehr machen.

Ideensammlung unter Jugendlichen

Die Jugend sitzt ansonsten in Bönen ziemlich auf dem Trockenen. Kein öffentlicher Ort im Freien, wo man sich treffen könnte, hieß es. Bänke oder ein Unterstand – am Zechenturm wäre das willkommen. So haben es Angela Bräuer und Jasmin Ruhfaut im „Go in“ bei der Ideensammlung unter Jugendlichen notiert.

Konflikte treten zu Tage

Ein Platz fürs Pöhlen oder anderen Sport vermissten auch Erwachsene in der Runde. Das passt zu der Klage von Anrainern der Fußgängerzone, speziell im westlichen Zipfel, es werde bis in die Nacht vor der Tür gebolzt und „unverschämt“ geläutet, wenn der Ball auf dem Balkon gelandet ist.

Sauberkeit und Ordnung moniert

Prompt folgte der Ruf nach einer ordnenden Hand. Polizei und Ordnungsamt seien kaum präsent und kaum willens beziehungsweise in der Lage, sich der Probleme anzunehmen – rücksichtslose Radler, E-Scooter-Fahrer und dergleichen inklusive. Dazu das Dauerärgernis Müll... Aber das stört auch die Jugend, stellte sich heraus, lautete doch ein Vorschlag, für Freiwillige Säcke und Greifzangen vorzuhalten, weil man zum Pickdienst bereit sei.

Geschäftsleute sind skeptisch

Ein besonderes Interesse an einer lebendigen Mitte haben naturgemäß die Einzelhändler und Gewerbetreibenden. Schließlich sind die Besucher potenzielle Kunden. 15 Geschäftsleute, viele Mitglieder der Bönener Interessengemeinschaft (BIG), nutzten am Montagabend die Gelegenheit, ihre Vorstellungen, aber auch Kritik loszuwerden. „Wir haben schon so viele Workshops mitgemacht, und es ist nichts davon umgesetzt worden“, klagte etwa Thorsten Middendorf (Sparkasse). „Uns fehlt die Kontinuität und mittlerweile das Vertrauen.“

Versuch eines Neuanfangs

Das stieß auf Verständnis, aber „es soll keine Pro-Forma-Veranstaltung werden, sondern ein dauerhafter Austausch“, erwiderte Elisabeth Frieling. Eine Arbeitsgruppe sei dafür geplant. Dort wären dann Veranstaltungen ein Punkt. Da habe die Gemeinde ja alles eingestellt. Die BIG-Mitglieder erinnerten etwa an ihren Weihnachtsmarkt. Da sehe man sich im Stich gelassen: „Für einen Flohmarkt gab es am Ende so viele Auflagen, die wir nicht mehr erfüllen konnten“, so Middendorf. Elke Bojarra warb für den Blick nach vorn: Es gibt viele kleine Schrauben, an denen sich drehen lässt.“

Einmal Resettaste drücken

Über das Bönen von morgen sollen Bürger und Planer ins Gespräch kommen, aber so mancher sprach eingangs lieber über gestern. Das fällt auf bei dem an sich erfrischenden Auftakt beim „Mit(te)machen“: Es gilt, eine Hypothek zu tilgen. Abweisungen, die Bürger und Geschäftsleute als schlechte Erfahrung mit der Verwaltung reklamieren. Ob real oder gefühlt, berechtigt oder nicht: „Die machen eh, was sie wollen“, ist so ein Satz, der sich festgesetzt hat. Aber der muss raus aus den Köpfen, wie auch die Verwaltung erkennen muss, dass ihr Rathaus nicht völlig grundlos als Trutzburg gilt. Aber nun ist übers Projekt „Mit(te)machen“ dort ja, um im Bild zu bleiben, die Zugbrücke heruntergelassen. Dem Pilotprojekt Kleinstadt-Akademie sei Dank. Dass Bönen den angestoßenen Prozess noch lernen muss, erste Schritte wackelig sind – geschenkt. Sie gehen in die richtige Richtung. Hier bietet sich mehr als die Gelegenheit, den Pflichtpunkt „Partizipation“ im Förderantrag abzuhaken: Eine echte Chance, Altes abzustreifen und in einen konstruktiven Dialog zu treten, der auf Dauer den Gewinn fürs Gemeinwesen verspricht. Also: Nicht maulen, einfach mal mit(te)machen. Bernd Kröger

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