Werkstätten im Kreis Unna

Menschen mit Behinderung in der Corona-Krise: Baldige Impfung macht Hoffnung

Hellweg-Werkstätten Kamen Behindertenwerkstatt
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In den Hellweg-Werkstätten in Kamen gelten strenge Schutzmaßnahmen. Nicht alle Beschäftigten arbeiten aus Angst vor einer Ansteckung vor Ort.

Wie ergeht es Behinderten in der Coronakrise? In den Hellweg-Werkstätten im Kreis Unna läuft die Arbeit unter großen Schutzvorkehrungen weiter. Aber nicht alle Mitarbeiter sind auch vor Ort. Die Nachricht, dass Behinderte bald geimpft werden sollen, macht Hoffnung.

Bönen/Kreis Unna – Denis Schmitz, für die Reha- und Gesundheitssportgemeinschaft (RGS) startender Rennrollstuhlfahrer arbeitet momentan zu Hause. Normalerweise fährt er jeden Tag mit dem Bus zur Arbeit in den Hellwegwerkstätten in Unna. Das ist ihm und den Eltern momentan zu riskant. Das Material holen die Eltern aus der Werkstatt ab. Das Vorgehen ist aufwendig und unbefriedigend, da auch Denis’ soziale Kontakte arg eingeschränkt sind. „Aber ab 8. März sollen die Werkstätten ja durchgeimpft werden“, freute sich Vater Rüdiger über die jüngste Verlautbarung von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann.

Die Personengruppe der „hohen Priorität“, der Impfgruppe 2, zu der Behinderte gehören, ist durch den Zuwachs von Polizisten, Rettungsdiensten und einem großen Teil der Lehrer allerdings personell extrem angewachsen. Deren Interessenvertreter trommelten seit Beginn der Impfungen zudem besonders laut.

Kein „Impfneid“ spürbar

Die Befürchtung, dass die recht leisen Behindertenverbände hinten anstehen werden, hat Schmitz aber dennoch nicht. Jeder, der geimpft wurde, sei gut mit Blick auf die Bekämpfung der Pandemie, sagt der Mann aus Lünern.

Denis Schmitz startet als Rennrollstuhlfahrer für die Rehasportgemeinschaft. Er hofft, bald wieder zur Arbeit in die Werkstatt zurückkehren zu können.

„Impfneid“ will auch Rudolf Mäkler nicht vermitteln. „Lehrer und Polizisten stehen doch auch an der Front, das verstehe ich“, sagt er. Seine Tochter Xenia geht auch weiterhin in die Werkstatt. „Sie wollte“, betont der Bönener. „Dort in ihrer Gruppe arbeiten nur sechs Personen, quasi in Wechselschicht“, sagt er. Befürchtungen habe er eher nicht. Die Werkstatt hätte ein aufwendiges Hygienekonzept. Allerdings hätte er sich schon die Frage gestellt, warum Beschäftigte der Werkstatt, die in Wohnheimen lebten, schon geimpft wären. Die, die zuhause leben würden, hingegen nicht.

Sorgen, dass sich seine Tochter Viktoria auf dem Weg nach Kamen ansteckt, hat Herbert Jüttner. „Zwölf Menschen in einem Bus, vielleicht werden die Masken nicht richtig getragen – da hatten wir schon Befürchtungen“, erklärt der Bönener. Einige Eltern würden die Betroffenen mit dem eigenen PKW zur Werkstatt bringen, weiß er. Das sei in Ordnung, die Schutzmaßnahmen in der Werkstatt seien gut, meint Jüttner, der auch Sprecher der Angehörigen der Mitarbeiter in den Hellwegwerkstätten ist. „Es muss jeder selbst entscheiden. Der LWL hat es uns ja freigestellt, ob die Behinderten arbeiten gehen oder nicht.“

Tests in den Werkstätten seit dieser Woche

„Wir testen auch seit dieser Woche“, bestätigt Iris Spyra, „zumindest hier am Standort Kamen. 70 sind getestet, von einigen brauchen wir noch die Einwilligung des Vormunds.“ Spyra ist Leiterin der Begleitenden Dienste und der Qualifizierung der Hellwegwerkstätten, einer Einrichtung der Evangelischen Perthes-Stiftung. Spyra bestätigt, dass einige Eltern ihre Kinder zuhause behalten. „Von 840 Beschäftigten insgesamt fehlen 125“, sagt sie. Der Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) habe aber auch empfohlen, die Beschäftigtenzahl dort, „wo es sich drubbelt“, zu reduzieren.

Erst einmal bis zum 7. März setze die Werkstatt auf so genannte alternative Durchführungsformen, also Heimarbeit. „Wenn der Wunsch besteht und es sich umsetzen lässt“, so Spyra, „eine Stanze kann ich schlecht mit nach Hause nehmen.“ Die Mitarbeiterin der Perthes-Stiftung weiß auch davon, dass Behinderte in besonderen Wohnformen schon geimpft sind.

In zwei Einrichtungen der Perthes-Stiftung, dem Haus Mühlbach und dem Friedrich-Pröpsting-Haus in Kamen-Heeren seien Klienten und Betreuer geimpft, bestätigt Christoph Mertens. Es gebe dort vulnerable Personen, sagt der Leiter Wohnen der Stiftung aus Münster. Die Impfung geschah vor Ort durch einen Arzt und unter Einbeziehung des Kreises Unna und der Kassenärztlichen Vereinigung. Das gemeinsam mit der Diakonischen Wittekind-Stiftung (Lebensräume gestalten) betriebene Wohnhaus Auf dem Holtfeld würde noch durchgeimpft. „Bisher verzeichnen wir eine hohe Beteiligung und alle haben es auch gut überstanden“, erklärt Mertens.

Kreis bereitet Impfungen vor

„Noch berät der Kreis, ob mit mobilen Teams geimpft wird, oder ob die Mitarbeiter der Hellwegwerkstätten ins Impfzentrum gebeten werden“, sagt Spyra. Dass es wegen der nun erweiterten Gruppe zu Verzögerungen bei der Impfung der Behinderten kommen wird, glaubt sie genauso wenig wie, dass eine Priorisierung nach Grad der Behinderung erfolgen wird. „Es besteht doch ein großes Interesse, so viel wie möglich zu impfen.“

Unter Zugzwang steht also der Kreis Unna. „Das Ministerium hat entschieden, dass ab 8. März geimpft werden soll, wir bemühen uns, es umzusetzen“, erklärt Pressesprecher Max Rolke. Geplant sei eine „aufsuchende Impfung“ mit mobilen Teams, da die Beschäftigten der Werkstätten eben nicht so mobil seien. „Wir werden die Einrichtungen noch in dieser Woche anschreiben und Termine absprechen“, sagt Rolke. Der Fortschritt der Impfungen sei natürlich von der Menge des vorhandenen Impfstoffs abhängig. „Momentan impfen wir noch die Pflegedienste“, so Rolke. Das betreffe alle Berechtigten, keiner werde dem anderen vorgezogen. „Es ist schon eine gewaltige Aufgabe“, blickt er auf die personenstarke Gruppe der Priorität 2.

Die Eltern von Behinderten sind sich außerdem in einem Punkt einig. Es werde Zeit, dass auch die Hausärzte impfen dürften. „Wie soll denn jemand aus Selm, der niemanden hat, der ihn fährt, nach Unna ins Impfzentrum kommen?“, fragt Mäkler. Die mögliche Impfung mit dem vielerorts „verpönten“ Astra-Zeneca-Impfstoff ist für die Eltern dagegen kein Problem. Und Jüttner betont, dass Impfneid nicht aufkommen werde. „Es sollten die geimpft werden, die viel mit Menschen zu tun haben.“

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