30000 neue Preise: Mehrwertsteuersenkung macht viel Arbeit

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Für die Mehrwertsteueranpassung muss Adam Karwoth in seinem Geschäft rund 30 000 Preisschilder an den Regalen austauschen.

Bönen – Die vorübergehende Mehrwertsteuersenkung soll die Konjunktur ankurbeln. Das freut die Bönener Betriebe, doch sie sehen auch einen großen Mehraufwand und organisatorische Hürden.

Einer der größten Posten des Konjunkturpaketes, mit dem die Bundesregierung der Wirtschaft in der Corona-Krise unter die Arme greifen will, ist die Senkung der Mehrwertsteuer. Viele Bönener Betriebe freuen sich auch darüber, doch so ganz unproblematisch ist die Übergangsreglung bis zum 31. Dezember für die Firmen nicht.

Lebensmittelhandel

Etwa 30 000 Artikel hat der Rewe-Markt Karwoth in der Gemeindemitte in seinem Sortiment. Wird die Mehrwertsteuer am 1. Juli von sieben beziehungsweise 19 Prozent auf fünf, im anderen Fall 16 Prozent gesenkt, müssen dort alle Preisschilder neu gedruckt und an den Regalen ausgetauscht werden. „Da werden meine Mitarbeiter einige Tage unterwegs sein, um die Schilder umzustecken“, sieht Inhaber Adam Karwoth eine Menge Arbeit auf sich und seine Angestellten zukommen. Und nicht nur das: „Es ist auch ein Kostenfaktor. Zumal das Ganze im Dezember wieder retour geht“, stellt der Kaufmann fest. Der reduzierte Steuersatz soll nur vorübergehend bis zum Jahresende gelten, was bedeutet, dass zum 1. Januar der gleiche Aufwand noch einmal betrieben werden muss.

Deutlich einfacher ist für Karwoth die Umstellung des Warenwirtschaftssystems und der Kassen. „Das wird zentral von der Rewe für alle Händler eingepflegt und dann per Nachteinspielung für uns erledigt. Wenn wir am nächsten Morgen das Geschäft öffnen, läuft alles“, berichtet der Marktinhaber. „Eine ganze IT-Abteilung ist bei Rewe schon damit beschäftigt, die Umstellung vorzubereiten.“ Dass die Kosten dafür auf die rund 600 Händler rund um die Zentrale in Dortmund umgelegt werden, davon geht Karwoth aus. „Wenn aber jeder Einzelne das machen müsste, wäre es viel, viel teurer.“ Kleine Geschäfte, etwa Bäckereien, Boutiquen oder auch Handwerker, die keine Fachabteilung hinter sich haben, hätten es da deutlich schwerer. „Man weiß ja, was es kosten kann, wenn man den Kundendienst anrufen muss. Die Stundenlöhne sind hoch, dann kommt noch die Anfahrt hinzu.“

Bei BuK bekommen die Kunden ab 1. Juli der Einfachheit halber Rabatt auf Geschenkartikel und Co. Die Bücher unterliegen hingegen einer Preisbindung.

Handwerk

Auf einen solchen Service muss aber vielleicht dennoch die Tischlerei Gräfe zurückgreifen. In dem Computerprogramm, mit dem dort unter anderem die Rechnungen geschrieben werden, ist die Mehrwertsteuer fest einprogrammiert. „Das können wir selbst gar nicht ändern“, erzählt André Lettau. Für den Betriebsleiter ist die geplante Senkung der Mehrwertsteuer dennoch eine gute Nachricht. „Die Kunden freuen sich darüber und wir uns auch“, erzählt er. „Viele sagen uns, dass wir ab Juli dann etwas bei ihnen machen sollen“, so der Handwerker. Einen betrieblichen Leerlauf, weil die Kunden erst Aufträge erteilen, wenn die Steuersenkung da ist, befürchtet er nicht. „Unsere Auftragsbücher sind bis August voll.“

Gastronomie

Davon können die Gastronomen zurzeit nur träumen. Aufgrund der Corona-Schutzverordnung können sie ihre Tischkapazitäten in der Regel nicht voll ausschöpfen, es dürfen also weniger Gäste in die Restaurants und Schankräume. Einen Andrang gibt es bei den meisten Lokalen aber ohnehin noch nicht. Viele Leute scheuen trotz aller Hygiene- und Abstandsregeln offenbar den Besuch einer Gaststätte, und größere Veranstaltungen und Feiern dürfen dort nicht stattfinden. Das bedeutet, die Reservierungskalender weisen viele Freiflächen auf. Um den Wirten auf die Sprünge zu helfen, hat die Bundesregierung bereits vor einigen Wochen beschlossen, dass Gastronomiebetriebe vom 1. Juli bis zum 31. Dezember für vor Ort verzehrte Speisen grundsätzlich nur noch den ermäßigten Umsatzsteuersatz von bisher sieben Prozent ausweisen müssen. Wird die Mehrwertsteuer ab kommenden Monat nun noch gesenkt, werden dafür fünf Prozent Umsatzsteuer fällig. Für Getränke gilt allerdings weiterhin der Regelsteuersatz – ab 1. Juli 16 Prozent. „Grundsätzlich freuen wir uns über die Steuersenkung“, sagt Torsten Nüsken von der Gaststätte Dörnemann aus Nordbögge. „Aber es ist auch ein riesiger Aufwand.“ Normalerweise müssten Nüsken und seine Kollegen nämlich allein alle Speisekarten ändern. Aufgrund der besonderen Infektionsschutzmaßnahmen gibt es jedoch in der Gaststätte Dörnemann momentan eine „Corona-Karte“. Das sind einzelne Blätter, die jeder Gast zur Speisen- und Getränkeauswahl bekommt, und die anschließend weggeworfen werden. Die können täglich neu geschrieben und ausgedruckt werden, sodass das Wirtspaar Ute und Torsten Nüsken den geänderten Mehrwertsteuersatz mit wenigen Tastenklicks am PC ändern können.

Buchhandel

So einfach geht es bei den Buchverlagen nicht. Eigentlich geht es sogar gar nicht, denkt Wilfried Lenz von Buch und Kunst (BuK). „Die Preise sind auf die Bücher aufgedruckt. Und die für ein halbes Jahr zu ändern ist ja gar nicht möglich“, so der Buchhändler. Da es in Deutschland aber eine gesetzlich vorgegebene Buchpreisbindung gibt, kann Lenz die Bücher in seinen Geschäften in Bönen, Hamm und Beckum nicht reduziert verkaufen, wenn die Verlage die Preise nicht anpassen. „Uns sind da die Hände gebunden“, sagt er. „Ob wir wollen oder nicht – die zwei Prozent Steuersenkung – bei Büchern gilt der reduzierte Mehrwertsteuersatz – wird erst mal in unserer Tasche landen.“

Bei den anderen Artikeln, etwa Geschenk- und Dekorationsartikel sowie Grußkarten gibt es hingegen keine Preisbindung, und es gilt der übliche Steuersatz von 19 Prozent, in rund drei Wochen dann 16 Prozent. Diese Steuersenkung will Lenz sehr wohl an die Kunden weitergeben. „Wir werden bei allen Artikeln außer Büchern drei Prozent Rabatt an der Kasse abziehen“, kündigt er an. Die Produkte für die vorübergehende Absenkung extra mit neuen Preisschildern auszuzeichnen, lohne sich seiner Ansicht nach nicht. „Da steht auf der Postkarte statt 1 Euro 97 Cent“, nennt er ein Beispiel. Der Weg über den Kassenrabatt sei da viel einfacher und nicht mit großem Aufwand verbunden.

Geben Taxiunternehmen die Steuerreduzierung an ihre Fahrgäste weiter, müssen sie die Taxameter in allen Fahrzeugen umstellen und eichen lassen.

Taxiunternehmen

Den müsste wiederum Klaus-Michael Kovacs betreiben, wenn er den zweiprozentigen Steuervorteil an seine Fahrgäste weitergeben will. „Darüber muss ich mir jetzt Gedanken machen“, sagt der Bönener Taxiunternehmer. Er selbst kann den Mehrwertsteuersatz in den Taxametern seiner Fahrzeuge nicht ändern. „Dazu muss ich in eine Spezialwerkstatt fahren. Und davon gibt es im gesamten Kreis Unna nur eine einzige. Anschließend geht es dann zum Eichamt. Da wird man insgesamt schnell mal 360 Euro pro Taxi los“, weiß er. Das summiert sich. Ob die Einsparungen den Aufwand rechtfertigen, sei fraglich, insbesondere da die Änderung nur für ein halbes Jahr gelten soll. Danach müsste Kovacs die Fahrpreiserfassungsgeräte wieder zurückstellen lassen. Das Bönener Taxiunternehmen leidet wie auch fast alle Kollegenbetriebe im Land kräftig unter der Corona-Pandemie. Die Fahrgastzahlen sind massiv zurückgegangen, Bus- und Gelegenheitsfahrten, die Kovacs ebenfalls anbietet, gibt es im gar nicht. „Die Busse stehen alle still“, berichtet Klaus-Michael Kovacs. Staatliche Unterstützung könnte er durchaus gebrauchen.

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