Arbeiten des RVR

Mehr Licht und Luft im Mergelbergwald: Kranke Bäume müssen weichen

Durchforstung Mergelbergwald Säge Baumfällung
+
Die Säge hat in den kommenden Tagen noch viel zu tun. Etliche Bäume müssen entfernt werden, damit die Wege im Wald weiterhin sicher sind.

Seit vergangener Woche läuft die Durchforstung des Bönener Mergelbergwaldes. Der Regionalverband Ruhr lässt dort kranke Bäume fällen. Etwa 200 Festmeter Holz sollen schätzungsweise entfernt werden.

Bönen – Tastend gleitet die Hand von Oliver Stenzel-Franken über den rauen Stamm. Die Risse in der Rinde sind tief, gehen senkrecht nach oben. Das ist kein gutes Zeichen. Die Pappel ist krank, stirbt ab. Und damit ist sie nicht allein, wie der Revierförster des Regionalverbandes Ruhr (RVR) berichtet. Viele ihrer Art im Bönener Mergelbergwald hätten ihre Zeit überschritten, der Klimawandel mit den extrem heißen Sommern und der anhaltenden Trockenheit hat ihnen den Rest gegeben. Seit Mittwoch kreist nun die Säge. Die ersten 60 Bäume liegen am Freitag bereits auf dem Boden. Ihnen werden in den kommenden drei Wochen etliche folgen.

Der nächste ist die Pappel mit den tiefen Rissen in der Rinde. Sie steht direkt am Weg. Sven Bischoff und Mattias Fester von der Firma Niggemann Forsttechnik aus Wadersloh nehmen den meterhohen Baum mit dem mächtigen Stamm erst mal gründlich in Augenschein. „Wenn die Bäume aufgerissen sind, also solche Spalten zeigen, binden wir sie meistens an“, erklärt Sven Bischoff. Dann komme die Seilwinde zum Einsatz. Bei diesem Exemplar scheint das aber nicht nötig zu sein. „Der fällt in diese Richtung“, schätzt der Forstwirt und zeigt gen Waldausgang. Dennoch müssen die Beiden mit großer Vorsicht vorgehen. „Er kann aufbrechen und hochschlagen. Dann gibt es einen Kinnhaken, den man nicht überlebt“, sagt Oliver Stenzel-Franken. Er bringt sich deshalb in ausreichender Entfernung in Sicherheit.

Durchforstung im Mergelbergwald in Bönen

Durchforstung im Mergelbergwald in Bönen
Durchforstung im Mergelbergwald in Bönen
Durchforstung im Mergelbergwald in Bönen
Durchforstung im Mergelbergwald in Bönen
Durchforstung im Mergelbergwald in Bönen

Mattias Fester klappt hingegen das Visier seines Helmes vors Gesicht, richtet den Gehörschutz und greift zu Motorsäge. Etwa sechs Kilogramm bringt das Gerät auf die Waage, der Forstwirtschaftsmeister hält sie dennoch sicher in den Händen. Zunächst legt er die Pappel frei, stutzt Brombeerbüsche und Hartriegelsträucher drumherum. Anschließend frisst die Säge einen dicken Keil in den Stamm, die Fällkerbe. Es wird ohrenbetäubend laut. Späne fliegen, Metall durchtrennt Faser für Faser. Fester setzt seitlich an, die Säge klingt wütend – und entschlossen. „Hinten lässt er zunächst ein Halteband stehen. Erst wenn das durchtrennt wird, fällt der Baum“, erläutert sein Kollege Sven Bischoff. Da ist es soweit: Erst knirscht und knackt es laut und irgendwie beängstigend, dann folgt der dumpfe Aufschlag. Die mehr als 60 Jahre alte Pappel liegt auf dem Boden – genau dort, wo Bischoff es vermutet hat.

Ein Blick auf die Schnittstelle zeigt, dass es höchste Zeit war, den Baum zu fällen. Der Stamm ist innen total verfault. Bischoff kann mit bloßen Händen das morsche Holz herausholen. Wäre die Säge dem nächsten Sturm nicht zuvorgekommen, hätte es ganz schön gefährlich werden können mit der toten Pappel so nah am Weg. „Die Fäule reicht bestimmt zwei Meter hoch im Stamm“, schätzt jetzt auch Oliver Stenzel-Franken. Mit dem Material lässt sich kein Geld kassieren. Weiter oberhalb könnte das Holz eventuell noch als Schälholz für die Palettenproduktion verwendet werden. Verdienen wird der RVR, dem zwei Drittel des Mergelberwaldes gehören, ohnehin nichts an dieser Durchforstung. „Von den Pappeln, die bis heute gefällt wurden, ist etwa die Hälfte faul“, berichtet Stenzel-Franken. „Die wären demnächst alle peux à peux umgebrochen. Es wurde also wirklich Zeit, dass wir hier etwas machen.“ Der RVR ist schließlich für die Verkehrssicherheit in dem Forststück verantwortlich. Der Revierförster rechnet mit rund 200 Festmetern Holz, die entfernt werden müssen.

Chance für Pflanzen am Waldboden

Das kontrollierte Fällen soll aber nicht nur verhindern, dass Menschen und Tiere von umstürzenden Bäumen und Ästen getroffen werden. Es soll auch dafür sorgen, dass jüngere, stärkere Bäume gefördert werden. „Wir werden einige Bedränger herausnehmen“, kündigt der Diplom-Forstingenieur an. Gemeint sind damit Bäume, die den anderen, dazwischen oder darunter wachsenden Platz und Licht nehmen. Mit Sprühfarbe markiert der Schwerter einige Hainbuchen, weitere Pappeln, eine krumme Kirsche am Wegesrand. „Wir nennen das ‘Rändeln’: Am Rand werden Bäume gefällt, damit mehr Licht in den Wald fällt.“ Dadurch können sich die Pflanzen am Waldboden in die Höhe strecken. Der Fachmann hat einige Arten ausgemacht, die künftig den Platz der weichenden Pappeln einnehmen können, Eschen und Buchen etwa, Feld-, Berg- und Spitzahorne, Erlen, Linden und Kirschen. Bekommen sie genügend Wasser und Licht, könnte in fünf, sechs Jahren nichts mehr von der Durchforstung zu sehen sein, hofft auch Mattias Fester.

Forstwirt Sven Bischoff legt mit dem Forstschlepper und der Seilwinde eine Rückegasse an. Etwa drei Wochen lang sind die Fachleute mit schwerem Gerät im Mergelbergwald im Einsatz. So lange ist die Forstfläche gesperrt.

Ob der RVR der Natur mit zusätzlichen Pflanzungen auf die Sprünge helfen muss, ist noch unklar. „Wir lassen das erst mal zwei Jahre so stehen“, will Oliver Stenzel-Franken abwarten, ob sich die „Lücken“ durch den „Zwischenstand“, die niedrigeren „Nachkömmlinge“, schließen. In Sachen Aufforstung sind zudem andere Gebiete für den RVR vorrangig, zum Beispiel die, bei denen der Borkenkäfer ganze Wälder zerstört hat.

Die Pappel ist innen total faul. Das ist bei rund der Hälfte der bislang gefällten Bäume der Fall, wie Oliver Stenzel-Franken feststellt.

Dass beim Fällen der eine oder andere Baum einen zweiten mit in die Tiefe reißt, lasse sich aber leider nicht immer verhindern, bedauert der Forstingenieur. Um möglichst viele Bäume zu erhalten und auch sonst wenig Schaden anzurichten, gehen die beiden Mitarbeiter des beauftragten Forsttechnikunternehmens in Absprache mit Stenzel-Franken besonnen vor. So starten sie am Mittwoch damit, eine Schneise zu schlagen, eine sogenannte Rückergasse, auf der sich ihre Fahrzeuge und Maschinen in den kommenden Wochen bewegen. „Wir bleiben ausschließlich auf den Gassen und Wegen“, versichert Stenzel-Franken.

30 bis 35 Bäume am Tag werden gefällt

Die tiefen Reifenabdrücke auf dieser Gasse lassen nach zwei Tagen bereits erkennen, was die schweren Maschinen auf dem weichen Waldboden anrichten können. Und noch etwas fällt hier auf: Zwischen aufgewühlter Erde, Laub und jungen Sprösslingen schimmern etliche bunte Plastikfetzen durch. „Hier war früher eine Mülldeponie“, weiß der Revierförster. Die wurde in den 1950er Jahren errichtet und nahm bis in die 1970er Jahre nicht nur den Hausmüll der Bönener auf. Eine ortsansässige Firma, die kunststoffbeschichtete Möbelteile herstellte, entsorgte dort zum Beispiel ihre Produktionsabfälle. Geschlossen wurde die Halde im Herbst 1973, mit Erde überschüttet und bepflanzt. Wie haltbar solche Rückstände sind, lässt sich jetzt gut erkennen. Bei den aktuellen Arbeiten sind die Fachleute sogar auf ein riesiges Betonteil gestoßen.

Pro Tag schlagen Mattias Fester und Sven Bischoff etwa 30 bis 35 Bäume. Bis Ende dieser Woche soll ein Großteil der geplanten Fällungen erledigt sein. Dann rückt der Bagger mit dem Greifer an, holt die Bäume vom Boden. Der Skidder, ein Spezialschlepper, zieht sie weiter. Die Fachleute setzen erneut die Säge an, trennen Kronen und Äste ab und bringen das Holz in Form, sodass es später einfacher abtransportiert werden kann.

Wirtschaftlich bringt die Durchforstung dem RVR allerdings wenig. Aus den Stämmen, die nicht faulen, lässt sich vielleicht noch Palettenholz fertigen, aus dem oberen Holzabschnitten Papier. Zum Möbelbau taugen die Pappeln eher nicht. „Aber das hier ist ja auch kein Wirtschafts-, sondern ein Erholungswald“, sagt Sven Bischoff. Hier geht es eher um den Schutz der Besucher und den der Bäume.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare