Mehr Lehrverträge im Handwerk

Manche Betriebe in Bönen suchen weiterhin Nachwuchskräfte

Weiblicher Azubi im Handwerk Werkstatt
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Frauen im Handwerk sind immer noch die Ausnahme. Bei einer Bönener Dachdecker-Firma fängt in Kürze der erste weibliche Azubi an.

Die Handwerkskammer (HWK) Dortmund meldet positive Zahlen für das beginnende Ausbildungsjahr – die HWK-Betriebe haben deutlich mehr Lehrverträge abgeschlossen als im vergangenen Jahr. Auch im Kreis Unna gibt es ein Plus von 17,5 Prozent. Dennoch läuft es nicht in jedem Betrieb so gut. Einige Bönener Handwerksbetriebe suchen noch händeringend Azubis.

Bönen/Kreis Unna – Laut HWK haben die Betriebe im Kreis Unna – Stand Juli – 423 Lehrverträge für das Ausbildungsjahr abgeschlossen – 63 mehr als noch im Juni 2020. Trotzdem sind 113 der gemeldeten Lehrstellen noch nicht besetzt, insgesamt sind es im Kammerbezirk 738 Lehrstellen, für die die Betriebe noch keinen Auszubildenden gefunden haben.

Denn die Suche nach dem passenden Auszubildenden ist nach wie vor nicht einfach – der Erfolg variiert stark je nach Gewerk. Das bestätigt auch der Bönener Malermeister Thorsten Diesner. Er konnte seinen freien Ausbildungsplatz zwar besetzen – allerdings war dazu neben der gewöhnlichen Stellenausschreibung noch ein „Notruf“ auf Facebook und anderen Plattformen notwendig. „Es ist nach wie vor schwierig, Auszubildende zu finden. Eine Stelle im Handwerk ist leider immer noch nicht wieder so gefragt“, bedauert er.

Ist das Handwerk noch gefragt?

Der Bönener Bäckermeister Stephan Albert beispielsweise sucht seit über einem Jahr händeringend gleich drei Auszubildende – zwei im Verkauf, einen für die Backstube. Bislang vergeblich. „Ich verstehe, dass Herr Ringelsiep (Chef des Jobcenters Kreis Unna, Anm. d. Red.) sich noch viel mehr Ausbildungsstellen wünscht, damit Bewerber mehr Auswahl haben, aber es wäre schön, wenn man erst mal die Stellen besetzen könnte, die gebraucht werden“, sagt Stephan Albert. Und gebraucht werden die Azubis, auch langfristig als Mitarbeiter, dringend, denn die Geschäfte laufen gut, wie er betont.

Bäckermeister Stephan Albert sucht aktuell sogar drei Auszubildende für Geschäft und Backstube.

In seinem Gewerk sei es besonders schwierig, Nachwuchs zu finden – unter anderem wegen der Arbeitszeiten. Während das Verkaufspersonal um 5.30 Uhr den Laden vorbereitet, beginnen die Bäcker bereits um zwei Uhr nachts ihre Schicht. Für viele Bewerber nicht sehr attraktiv. „Es tauchen durchaus Interessierte bei uns auf, die dann im Laufe des Gesprächs klarstellen, so früh wollen sie aber nicht aufstehen und samstags arbeiten komme gar nicht infrage“, erzählt Albert von seinen Erfahrungen aus vielen Bewerbungsgesprächen. „Die Berufsrealität entspricht oft nicht dem, was sich die Bewerber vorstellen.“ Ein vierwöchiges bezahltes Praktikum vorab wäre da hilfreich, um für beide Seiten Klarheit zu schaffen, findet er.

Bäckerei zahlt 25 Prozent über Tarif

„Dabei bin ich durchaus bereit, 25 Prozent über dem tariflichen Ausbildungsgehalt zu zahlen – das macht im ersten Lehrjahr knapp 150 Euro aus. Und ich versuche, die Mitarbeiter, wenn möglich, nur jeden zweiten Samstag einzusetzen.“ Neben der Arbeitseinstellung sei aber auch mangelnde Flexibilität ein Problem: „Oft scheitert es daran, dass Bewerber nicht bereit sind, eine Anfahrt zum Arbeitsplatz von Kamen nach Bönen in Kauf zu nehmen.“ Hinzu komme, dass manchmal einfach die Eignung fehle, wenn große Defizite beim Rechnen auftreten, ohne das auch ein Bäcker nicht auskomme.

Die Konsequenz gezogen aus der schwierigen Situation hat inzwischen der Meisterbetrieb Fliesen Wöllert, wie Silke Wöllert bestätigt. „Wir haben früher immer ausgebildet. Vor ein paar Jahren haben wir noch jede Menge Bewerbungen von jungen Menschen erhalten, die den Beruf des Fliesenlegers erlernen wollten. Jetzt kommt gar nichts mehr rein. Es ist schwierig, geeignete Bewerber zu finden, denn es ist ja auch ein Knochenjob, das will kaum noch jemand machen. Die Platten, die wir verlegen, werden immer größer und schwerer.“

Derzeit keine Azubis mehr

In diesem Jahr und im Jahr davor hat die Firma keine neuen Azubis mehr eingestellt. „Für uns ist die Situation schwierig, weil unsere Auszubildenden zum Bauhof gehen und dann über mehrere Wochen im Block nicht da sind“, erläutert Silke Wöllert. Zudem hätten sich die beiden letzten Ausbildungsverhältnisse als problematisch herausgestellt, so dass sich die Firma entschieden habe, vorerst nicht auszubilden. „Vielleicht im nächsten Jahr.“

Silke und Helga Wöllert in der Ausstellung ihres Fliesen-Betriebes, der zurzeit nicht ausbildet.

Frank Hellmich, Inhaber der Firma Hellmich Dachbau, musste in diesem Jahr nicht lange nach einem Azubi suchen. Er freut sich, dass nach den Betriebsferien am 9. August die erste weibliche Auszubildende ihre Lehre zur Dachdeckerin in seinem Handwerksbetrieb beginnt. „Frauen im Dachdeckerberuf sind immer noch die absolute Ausnahme“, sagt Frank Hellmich. „Um so mehr freuen wir uns, dass das geklappt hat.“ In dem Fall war die junge Frau auf seinen Betrieb zugekommen und hatte sich um ein Praktikum beworben, weil sie sich für den Beruf interessiert. „Sie wollte unbedingt eine Ausbildung im Handwerk machen. Ich bin guter Dinge, dass das gut passt.“ Neben der Neuen, beschäftigt der Betrieb noch einen Azubi im zweiten Lehrjahr. „Zwei Auszubildende haben gerade ihre Lehre beendet und sind als Gesellen übernommen worden, sodass wir ab sofort insgesamt fünf Gesellen beschäftigen“, so Hellmich.

Auch Oliver Liebing, Inhaber des Bad- und Heizungsstudios Liebing, berichtet, dass er bislang keine Probleme hatte, geeignete Auszubildende zu finden. „Wir sind bei der Nachwuchsausbildung immer bestens dabei. Die Bewerber kommen auf uns zu. Der Ausbildungsberuf des Anlagenmechanikers für Sanitär, Heizung und Klima ist vielseitig und deshalb auch gefragt.“ Mindestens eine Drei sollte in Mathe aber im Zeugnis stehen, denn Schule und Beruf seien durchaus anspruchsvoll. „Wir arbeiten auch mit den Bönener Schulen direkt zusammen, die uns übers Jahr Praktikanten schicken; da sind in der Regel geeignete Kandidaten dabei.“ Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, bildet der Bönener Betrieb aus, und übernimmt seine Azubis anschließend in der Regel.

Zehn Prozent plus bei den Lehrverträgen

Trotz aller Probleme in einigen Gewerken sei es den Betrieben aber generell gelungen, die Zahl der Lehrverträge im zweiten Corona-Jahr deutlich zu steigern: Insgesamt zählt die HWK Dortmund 2564 besetzte Ausbildungsplätze – 237 beziehungsweise 10,2 Prozent mehr als im Vorjahr. „Auch wenn wir das Vor-Corona-Niveau noch nicht wieder erreicht haben, hat der Ausbildungsmarkt doch angezogen und es gibt Zeichen einer leichten Erholung“, sagt Kammer-Präsident Berthold Schröder. Bewerber und Betriebe fänden nach dem Lockdown endlich besser zueinander. „Zukunftsplanung wird nun wieder stärker in den Blick genommen. Die vielen Anstrengungen, die wir unternommen haben, um die Ausbildungssituation zu revitalisieren, zeigen Erfolg. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage schließt sich zusehends.“

Wer sich für eine Ausbildung im Handwerk entscheide, habe gute Chancen, eine passende Stelle zu finden – und das auch über den 1. September hinaus, sagt HWK-Geschäftsführerin Olesja Mouelhi-Ort. „Mit einer Ausbildung öffnen sich viele Türen zum beruflichen Erfolg“, wirbt sie. Denn noch sind 738 Lehrstellen im Kammerbezirk unbesetzt. Die Geschäftsführerin empfiehlt allen Ausbildungsinteressierten, die umfangreichen Services der HWK Dortmund rund um Berufswahl und Lehrstellenfindung in Anspruch zu nehmen: „Unsere Berater und Vermittler helfen individuell weiter, wenn es darum geht, den passenden Beruf zu finden und einen Praktikumsplatz, um ihn real auszuprobieren. Aber auch beim Feststecken von Zielen und Erstellen von Bewerbungen unterstützen sie gerne.“

Über 130 Berufe im Handwerk

In über 130 Berufen gibt es dabei vielfältige Aufstiegs- und Karrierechancen – gerade auch mit Blick auf anstehende Zukunftsaufgaben rund um Digitalisierung, Klimaschutz, Energie- und Mobilitätswende, SmartHome und E-Health.

Der Bedarf an Fachkräften sei groß, allen voran in den Bau- und Ausbauhandwerken, heißt es seitens der HWK Dortmund. In unterschiedlichsten Gewerken würden kompetente, leistungsstarke Mitarbeiter gebraucht. „Das Handwerk ist ein zukunftssicherer und krisenfester Wirtschaftsbereich“, betont Mouelhi-Ort.

Um junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk zu begeistern, beteilige die HWK sich unter anderem mit vielen Aktionen zur Berufsorientierung und Lehrstellenvermittlung am „Sommer der Berufsbildung“, einer bundesweiten Initiative. „Wir nutzen alle verfügbaren Kräfte und Kanäle, um jungen Menschen und ihren Eltern die vielfältigen Aufstiegschancen zu zeigen, die sie mit einer dualen Ausbildung im Handwerk haben.“

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