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Traumnoten für ehemalige Flüchtinge an der Pestalozzischule

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Von: Kira Presch

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Hauptschule und Zuflucht.Bönen arbeiten eng zusammen
Aktuell betreut Lehrerin Nicola Brüning an der Pestalozzihauptschule vier Schüler, die aus der Ukraine geflüchtet sind. © Presch Kira

Wer hätte das für möglich gehalten: Zwei Mädchen, die aus Syrien und dem Irak geflohen sind, haben die besten Abschlusszeugnisse der Klasse 10 an der Pestalozzihauptschule erhalten. Neben Freude und Stolz ist da auch der Wunsch, anderen Jugendlichen zu zeigen: Jeder kann das schaffen, wenn er will – und Unterstützung hat.

Bönen - Was sie geschafft haben in kurzer Zeit, das ist bemerkenswert und verdient Respekt. Schließlich kamen Mayar Masoud aus Syrien vor zweieinhalb Jahren und Halimah Omar aus dem Irak im Jahr 2018 mit Nichts in einem völlig fremden Land an. Sie hatten ihre Heimat, ihre Freunde, ihre Schule hinter sich gelassen, und kamen mit ihren Familien nach Bönen – ohne jegliche Sprachkenntnisse.

Damit sind sie nicht allein. Immer wieder kommen Kinder und Jugendliche aus den Krisengebieten der Welt in die Gemeinde, werden einer der fünf örtlichen Schulen zugeteilt und versuchen, dem Unterricht so gut wie möglich zu folgen. Besonders an der Bönener Hauptschule werden Kinder aus vielen unterschiedlichen Ländern betreut.

Gerade sitzt Lehrerin Nicola Brüning im Klassenzimmer mit vier Schülern aus der Ukraine. Sie sprechen kein Wort Deutsch. Mit dem Google Translator und viel Geduld versucht sie den Kindern, die vor Kurzem aus dem jüngsten Kriegsgebiet geflüchtet sind, die ersten Wörter Deutsch beizubringen, damit sie möglichst schnell dem Unterricht folgen können.

Ehemalige Flüchtlinge werden zu Jahrgangsbesten an der Bönener Hauptschule
Mayar Masoud (links) und Halimah Omar erhielten die besten Abschlusszeugnisse der Pestalozzischule in Bönen mit einem Durchschnitt von 1,6 und 1,7. © Masoud

Die engagierte Pädagogin und ihre Kollegen haben schon viele geflüchtete Kinder betreut. „Dabei sind die Voraussetzungen sehr unterschiedlich“, hat sie festgestellt. „Manche Kinder sind in ihrer Heimat bereits einige Jahre zur Schule gegangen und haben ein ganz gutes Bildungsniveau, andere haben kaum eine Schule besucht und haben nicht einmal Grundkenntnisse im Rechnen.“ Hinzu komme, dass sie oft neben der neuen Sprache auch eine neue Schrift lernen müssen.

„Das alles wäre aber nicht möglich ohne die großartige Arbeit von Zuflucht.Bönen. Die müsste noch viel mehr finanziell unterstützt werden“, betont Nicola Brüning, die mit ihren Kollegen an der Hauptschule manchmal an die Grenzen der Belastung stößt. „Vieles können wir in der Schule gar nicht leisten. Deshalb ist es eine große Hilfe, dass der Verein Flüchtlingskindern zum Beispiel Mathe-Click anbietet, Nachhilfeunterricht, wo Rechenkenntnisse und ein Verständnis für Mathematik vermittelt wird, damit sie überhaupt den Anschluss im Unterricht schaffen.“

Das Programm Mathe-Click wurde 2018 ins Leben gerufen. Inzwischen fördert Zuflucht.Bönen zwischen acht und 14 Schüler, die vier Mal in der Woche nachmittags eine Stunde Unterricht erhalten, um im Matheunterricht an der Schule mithalten zu können und Wissenslücken zu füllen. So wichtig der Unterricht ist: Wie es nach den Sommerferien weitergehen soll, sei ungewiss, sagt Bärbel Förster vom Verein Zuflucht.Bönen. „In den letzten Jahren konnten wir den Nachhilfeunterricht mit Mitteln aus den Integrationsgeldern finanzieren. Die sind nun aufgebraucht.“ Der Verein könne das nicht allein tragen.

Bei Null angefangen

„Vor allem Halimah hat von dem zusätzlichen Matheunterricht stark profitiert, weil sie sozusagen bei Null angefangen hat, aber sehr engagiert mitgemacht hat“, erzählt Bärbel Förster. „Sie hat auch während der Coronazeit online Unterricht erhalten. Aber nicht nur in Mathematik, sondern auch in anderen Fächern wurde sie gefördert, wenn es Fragen gab.“

Die Geschichte von Halimah ist kein Einzelfall: Bis zur fünften Klasse hat sie die Schule besucht im Irak. „Dann kam der Krieg“, erzählt sie. Von 2014 bis zu ihrer Ankunft in Bönen war sie auf der Flucht – unter anderem in einem Flüchtlingslager in Griechenland. Ein Schulbesuch war da nicht möglich. Erst in Bönen konnte sie wieder ihre Schullaufbahn aufnehmen.

Mit der Unterstützung durch die Schule und den Verein Zuflucht allein ist es aber nicht getan. „Man muss das wollen“, sagt Nicola Brüning. Und Mayar und Halimah wollten es schaffen und ihre Chance nutzen. „Wir haben uns gegenseitig unterstützt und viel zusammen gelernt“, erzählt Halimah. Nachmittags nach Mathe-Click sind sie oft noch in die Bücherei gegangen und haben da weiter gelernt. „Ich bin allen dankbar, die sich so für uns eingesetzt haben“, betont Mayar. „Man braucht normalerweise sieben Jahre, heißt es, um eine Sprache perfekt zu lernen“, so Nicola Brüning. „Wenn man bedenkt, welche traumatische Fluchterfahrung hinter ihnen liegt, dann ist ihr Zeugnis schon eine besondere Leistung.“

Realschulabschluss angepeilt

Was planen die beiden Mädchen für die Zukunft? Beide werden zunächst nach den Sommerferien das Hansa-Berufskolleg in Unna besuchen, um den Realschulabschluss zu machen mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Verwaltung. „Vielleicht mache ich danach eine Ausbildung oder gehe weiter zur Schule“, sagt Halimah. Mayar unterrichtet inzwischen selber Flüchtlingskinder bei Mathe-Click und könnte sich vorstellen, einmal Lehrerin zu werden, wenn die Noten fürs Abitur reichen. Gute Vorbilder hat sie ja in Nicole Brüning und ihren engagierten Kollegen.

Vorbilder sind sie inzwischen auch selbst – für viele Flüchtlingskinder, die denken, das schaffe ich nie.

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