Thema nicht nur in Großbritannien

Mangel an Lkw-Fahrern: Speditionen in Bönen befürchten Engpass

„Lkw-Fahrer gesucht“: Die Bönener Spedition Denninghaus geht in die Offensive, um freie Stellen zu besetzen. Nach langjähriger Betriebszugehörigkeit würden Mitarbeiter in naher Zukunft ausscheiden, heißt es. Ersatz zu finden, sei nicht leicht.
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„Lkw-Fahrer gesucht“: Die Bönener Spedition Denninghaus geht in die Offensive, um freie Stellen zu besetzen. Nach langjähriger Betriebszugehörigkeit würden Mitarbeiter in naher Zukunft ausscheiden, heißt es. Ersatz zu finden, sei nicht leicht.

In Großbritannien gibt es lange Schlagen vor den Tankstellen, weil der Kraftstoff-Nachschub ausbleibt. Das liegt an einem Mangel an Lastwagen-Fahrern. Über das Fehlen von Fachpersonal allerdings klagen auch Speditionen in Deutschland – etwa die Bönener Firmen Denninghaus und Lutter. 

Bönen – Kein Toilettenpapier – das kennt der Kunde aus den Anfangswochen der Coronakrise. Egal, da kam man durch, zur Not mit halbierten Rollen von Küchenkrepp. Schlimmer wäre ein Zustand wie derzeit in Großbritannien: keine „Nahrung“ für des Deutschen liebstes Kind, das Auto. Der Grund für die Not auf der Insel ist ein Mangel an Lkw-Fahrern, die den Kraftstoff zu den Tankstellen transportieren. Auch hierzulande sieht man quasi auf jedem Lastwagen die Annonce „Fahrer gesucht“.

„Wir benötigen auch Fahrer“, sagt Frank Fickermann zur Situation bei der Spedition Denninghaus in Bönen. Auch, weil Mitarbeiter mit 30-, 35-jähriger Betriebszugehörigkeit in naher Zukunft ausscheiden würden. „Sie sollten aber der deutschen Sprache mächtig sein, da wir zu 80 Prozent Filialzulieferung machen. Wir beschäftigen keine osteuropäischen Subunternehmer“, ergänzt der Geschäftsführer.

„Zuletzt drei Leute eingestellt“

Eine Krise sieht er aktuell nicht. Denninghaus bilde selber aus. Es sei allerdings schwieriger geworden, geeignete Leute zu finden. „Früher wurde der Schein bei der Bundeswehr gemacht, dann bewarb man sich und saß auf dem Bock“, so Fickermann zum Karrierestart eines Brummifahrers. „Heute können sie einen leeren Lkw immer noch durch Deutschland fahren. Für den Gütertransport braucht man aber eine Qualifikation, den sogenannten 95er-Eintrag im Führerschein“, erklärt der Geschäftsführer. Und diese Prüfung mit ihren fünf Schulungen müsse alle fünf Jahre wiederholt werden.

Prämien gebe es bei Denninghaus nicht, aber ein angenehmes Arbeitsumfeld. „99 Prozent der Fahrer sind abends wieder auf dem Hof“, sagt Fickermann. Internationale Fahrten machen die Fahrzeuge der Spedition nicht, selten müsse jemand extern übernachten. Denninghaus versucht, viel über die Schiene zu transportieren. Das Containerterminal des Logistik-Zentrums Ruhr-Ost ist quasi im Haus. „In diesem Jahr haben sich sechs Leute beworben, drei haben wir eingestellt“, erläutert Fickermann.

„Es war noch nie so schwierig wie jetzt“

Dramatischer schätzt Nachbar Martin Gerold die Situation ein. „Ein Engpass ist auch in Deutschland zu befürchten“, so der Geschäftsführer der Spedition Lutter. „Es wird nicht so krass kommen wie in England“, glaubt er. „Es war aber noch nie so schwierig wie jetzt.“ Die Babyboomer-Generation würde in die Rente gehen. „Die können nicht ersetzt werden.“

Die Situation in England wirkt sich auch hierzulande aus. „Die Preise schnellen in die Höhe“, so Gerold, „vor allem am Spotmarkt“. Lutter beschäftigt zwar eigene Fahrer im überwiegend nationalen Güterverkehr. Aber die Bönener Spedition ist auch auf Laderaum, sprich: fremde Lkw-Kapazitäten, angewiesen. Die besorgt sich der Logistiker auf dem Markt, wo sich viele vor allem osteuropäische Sub-Unternehmer tummeln. „Und da in England inzwischen 60 000 Euro Jahresgehalt geboten werden, gehen die dort hin. Ohne dabei allerdings die höheren Lebenshaltungskosten im Auge zu haben.“

Fixe Arbeitszeiten kaum möglich

In Deutschland kommt ein tariflich versorgter Lkw-Fahrer aktuell auf rund 40.000 Euro pro Jahr. „Die Löhne, Zuschläge und Prämien sind so hoch wie nie, das haben die Fahrer auch verdient. Sie werden nicht mehr so schlecht bezahlt“, meint Gerold. Er habe bis dato noch niemanden an England verloren, auch wenn solche Summen hier nicht zu bezahlen wären. „Toi, toi, toi.“

Eine schnelle Lösung sieht Gerold nicht. Vielmehr befürchtet der Lutter-Geschäftsführer, dass sich die Arbeitsverhältnisse in Richtung Industrie bewegen. Nicht nur in Bezug auf hohe Facharbeitereinkommen, sondern vor allem wegen der festgesetzten Arbeitszeiten. Mit fixen sechs, sieben Stunden am Tag käme ein Lkw angesichts der zahlreichen Staus nicht weit. „Diese Modelle funktionieren nicht bei uns.“

Auch Fahrlehrer fehlen

Mit einem anderen Problem hat die Fahrschule Kepp in Bergkamen zu kämpfen, die auch Lkw-Fahrer ausbildet. Hier fehlen nicht die Schüler, sondern eher die Fahrlehrer. Stichwort: Wegfall der Wehrpflicht. Zum einen gebe es die klassisch bei der Bundeswehr ausgebildeten Lkw-Fahrer und -Fahrlehrer kaum noch. Zum anderen seien die Prüfungskapazitäten des TÜV immer noch sehr begrenzt. „Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen“, sagt Inga Kepp, „in beiden Bereichen – Busse und Lkw“.

2004 hatten sie und ihr Mann Michael sich selbstständig gemacht, mit einem Bus und einem Lkw. Inzwischen sind es zwei Personen- und vier Gütertransporter. Die zertifizierte Bergkamener Fahrschule wird von Firmen, zum Beispiel Denninghaus, aber auch von Privatleuten angefragt – „nicht nur durch Vermittlung der Arbeitsagentur“.

Abschlussprüfung auf Deutsch

Das Problem sei, dass der Job nicht gut bezahlt werde, die Beherrschung der deutschen Sprache aber durchaus wichtig sei. „Nicht so sehr bei der reinen Führerscheinausbildung, die Theorie kann man auch in der Muttersprache machen. Aber die Abschlussprüfung zum Berufskraftfahrer bei der Industrie- und Handelskammer ist auf Deutsch“, erklärt Inga Kepp. Für Quereinsteiger gibt es die beschleunigte Grundqualifikation. Das heißt für Interessenten: fünf Wochen ganztags Unterricht bis zur Fahrerqualifikationskarte, die den 95er-Eintrag im Führerschein ab diesem Jahr ersetzt.

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