Lkw verstopfen das Gewerbegebiet

Lkw, wohin man sieht: Gemeinde sucht nach Parkplatzlösung für Industriegebiet

Ein Laster nach dem anderen rollte vorbei, als wir Bürgermeister Stephan Rotering und Sabine Radig von der WFG an der Ecke Siemensstraße/Weetfelder Straße trafen.
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Ein Laster nach dem anderen rollte vorbei, als wir Bürgermeister Stephan Rotering und Sabine Radig von der WFG an der Ecke Siemensstraße/Weetfelder Straße trafen. Dabei ist der Schwerlastanteil nach gemeindlicher Zählung von März 2019 (noch ohne DPD) etwas weiter westlich auf der Siemensstraße mit 18 Prozent bei 11 000 Fahrzeugen in einer Woche noch der geringste. Auf der Edisonstraße Höhe Bahnübergang waren es 48 Prozent Lkw bei 16 000 Fahrzeugen, in Höhe Zur grünen Aue mit Bezug zum A2-Anschluss 25 Prozent von 15 000 Kfz im Messzeitraum.

Die Wirtschaft brummt. Das kann man hören bei unserem Termin im Gewerbegebiet, beinahe im Sekundentakt. Sooft kommt hier vorbei, was Anlass zum Treffen mit Bürgermeister Stephan Rotering und Sabine Radig von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft gibt: Wohin mit all den Lkw? Nicht nur den Anliegern setzen die Kolonnen zu, mittlerweile auch den Betrieben hier.

Bönen – Die Schwergewichte reihen sich in Bönens wirtschaftlichem Rückgrat nicht nur einander hinterherzuckelnd auf der Edison- oder der Siemensstraße. Sie stehen auch auf fast jedem sich bietenden Plätzchen. Es fehlen Parkplätze für die Lkw und Versorgungseinrichtungen für die Menschen am Steuer: Es gibt kein WC, keine Dusche, von Ausnahmen einzelner Firmen abgesehen, aber Andrang fast wie am Rastplatz. Und entsprechend viel Müll.

Mit einer Befragung der Fahrer hat Sabine Radig, Bönens neue City-Managerin aus den Reihen der Wirtschaftsförderung Kreis Unna (WFG), ein Schlaglicht auf die Verhältnisse geworfen. So wie zuvor schon in Unna. Das Problem beschäftigt WFG und Kommune auch dort. Mit Dolmetschern für fünf Sprachen und zwei Kräften des Ordnungsamtes hat Radig einmal unter der Woche abends und an einem Samstagsnachmittag in Bönen rastende Trucker nach ihrer Tour befragt: woher, wohin, benötigen Sie hier etwas?

Wochentags aus dem nahen Umkreis, am Wochenende von außerhalb

Ergebnis: Zu 80 Prozent geht das Lkw-Aufkommen wochentags auf ortsansässige Betriebe zurück, es wird also angeliefert oder abgeholt – mit Wartezeiten oder Übernachtung meist auf öffentlicher Fläche, selten der Firmen. Etliche der Speditionen stammen aus dem Umkreis von etwa 50 Kilometern. Die Fahrer vermissen gleichwohl Toilette, Waschraum, Mülltonnen. Strom oder Wlan seien bei den meist gut ausgestatteten (Fern-)Fahrerkabinen kein Problem.

Anders ist es am Wochenende: Nur 20 Prozent der Angesprochenen hatten in Bönen einen Auftrag. Das Gros suchte und fand hier ein Plätzchen abseits der oft überfüllten Rastanlagen. Eine Spedition aus Iserlohn, so Radig, stelle hier etliche Auflieger ab. Auffällig auch die Zahl der Laster einer polnischen Spedition mit belarussischen Fahrern. Zudem ein Betrieb an der Siemensstraße, der mangels eigener Fläche mehr als die Hälfte seiner Flotte im öffentlichen Raum parke.

Lkw mit Felsbrocken vom Grundstück fernhalten

Die bröckelnden Borde der Parkstreifen zeugen ebenso von der Belastung wie die zerfahrene Bankette des Abschnitts Siemensstraße, der als nächstes von der WFG ausgebaut wird. Dort ist ein Betrieb schon dazu übergegangen, die Lastwagen mit Felsbrocken vorm eigenen Grundstück auf Abstand zu halten. „Die Fahrer sind die Leidtragenden des Systems, bei dem immer mehr Lagerkapazität auf die Straße verlegt wird“, stellt Rotering zunächst einmal fest. Aber auch Anlieger wie Landwirte beklagten zurecht die negativen Begleiterscheinungen. Etwa, weil Grünstreifen und Äcker zu Müllplätzen oder Latrinen verkommen.

Mit Felsbrocken hält ein Unternehmen am noch unvollendeten Teil der Siemensstraße die Lkw vorm Grundstück auf Abstand. Im weiteren Verlauf zeugt die unter den Schwergewichten zermalmte Bankette davon, dass hier mangels Parkplätzen zu Stoßzeiten Lastwagen an Lastwagen aufgereiht wird, bis es weiter geht.

Der Bürgermeister hofft, mit Radigs Hilfe die hier ansässigen Unternehmen für eine gemeinsame Initiative gewinnen zu können: Auf einer ungenutzten Fläche könnte ein gemeinsam genutzter Parkplatz samt Sanitäranlage entstehen, auf dem die Laster in Warteposition gehen, bis sie ihren Aufruf zu Be- oder Entladen haben.

Nicht nur die Befragung habe gezeigt, dass der Lkw-Verkehr wochentags die Anrainer sehr viel angehe, so Radig. „Mittlerweile habe ich auch eine Anfrage von einem Betrieb, der eine Vorflutanlage für Lkw einrichten möchte.“ Solche Stellplatz-Kapazitäten seien Standard, wenn neu geplant werde. Als Bönens Gewerbegebiet auf dem Reißbrett lag, dachte daran noch keiner.

Firmen müssen aktiv werden

„Wir haben hier nur noch einige Restgrundstücke“, betont Rotering. „Und wir wollen nicht belegen, was wir noch verkaufen können.“ Also schwebt ihm vor, dass sich die Firmen darüber verständigen, wer noch Platz für solch einen Parkplatz hat, etwa auf einer Reservefläche, und wie der in einer Poollösung betrieben werden kann.

Für derlei Initiative habe der Bund Fördergelder in Aussicht gestellt, berichtet die City-Managerin. Um genauere Informationen wolle die WFG sich kümmern, eine weitergehende Rolle bei Investition und Betrieb sehe ihr Haus aber nicht. „Das müssten die Firmen genossenschaftlich organisieren.“

Ausbau der Siemensstraße

Gebaut wird im Industriegebiet an anderer Stelle: Der weitere Ausbau der Siemensstraße im westlichen Inlogparc soll nun erst im Januar starten. Auf dem rund 700 Meter langen Abschnitt zwischen GEA und dem Real-Lager stehen die Sanierung der Fahrbahn mit einer neuen Straßendecke und die Anlage von Fußwegen an. Einschließlich der notwendigen Kanalarbeiten wird das Ganze rund sechs Monate dauern. Die Kosten betragen nach Auskunft der Wirtschaftsförderungsgesellschaft (WFG) des Kreises Unna als Treuhänderin der Gemeinde Bönen rund 650 000 Euro. Das Bauunternehmen Hugo Schneider aus Hamm, das schon einmal in diesem Bereich tätig war, hat den Zuschlag für das Projekt bekommen.

Neue Anlagen könnten noch mehr Lkw nach Bönen bringen

Doch nicht nur Bönen wird vom rasant wachsenden Lkw-Verkehr überrollt. Es zeigen sich die Symptome eines bundesweiten Problems. Der Warentransport auf der Straße hat seit 2008 um fast 40 Prozent zugenommen. Laut Bundesstudie fehlen entlang des Autobahnnetzes 24 000 Lkw-Parkplätze in der Republik, 3800 in NRW (Stand 2018), die Logistikbranche beziffert den Mangel mit insgesamt 35 000 bis 40 000 Lkw-Stellplätzen.

Der Bund hat angekündigt, neue Kapazitäten zu schaffen. Das nährt einerseits die Hoffnung auf die in Aussicht gestellte Förderung für private Initiativen wie dem Bönener Vorstoß in Autobahnnähe, zugleich aber die Befürchtung, dass mit Maßnahmen an der A 2 noch mehr Laster ins Gemeindegebiet gelotst werden könnten. Etwa mit einer zweiten Abfahrt oder Rastanlagen.

Gespräch mit dem Landrat und der Stadt Hamm

„Ich bin daher strikt gegen einen Autohof. Damit würden wir nur noch mehr Verkehr anziehen“, betonte Bürgermeister Stephan Rotering. Das Problem müsse aber regional betrachtet und angegangen werden. Deshalb wollen er und City-Managerin Sabine Radig Landrat Mario Löhr für einen Schulterschluss der UN-Kommunen gewinnen und den Austausch mit dem nächsten größeren Nachbarn Hamm suchen. Zumal ein Teil der Bönener Probleme mit dem Hammer Teil des Inlog-Parks zu tun haben, der nur über hiesige Straßen für Lkw erreichbar ist.

Dabei gilt die Sorge im Rathaus auch den Plänen der Nachbarn, dem Ausbau der B 63n durch das Land in Hamm mit Planungsleistungen Vorschub zu leisten. Das lässt aus hiesiger Sicht eine Belastung für die Anrainer in Nordbögge befürchten. „Wir wüssten gern, ob das Verkehrsgutachten für den Autobahnanschluss schon vorliegt“, so Rotering. „Nach unserer Auffassung ist der für mehr gar nicht aufnahmefähig.“ Allerdings hat sich diesbezüglich mit der Kommunalwahl und dem Wechsel im Oberbürgermeisteramt in Hamm der Blick auf das Projekt gewandelt. Die neue „Ampel“ im Rat hat im Koalitionsvertrag fixiert, das Projekt ruhen zu lassen. Bei den Nachbarn in Wiescherhöfen/Pelkum befeuert das gerade einen parteipolitischen Streit.

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