Nach Bauernprotesten eingeführt

Lidl nimmt Preiserhöhung für Schweinefleisch wieder zurück - nach nur acht Wochen

Weder die Kunden noch die Discounter sind offenbar bereit, für Fleisch mehr zu bezahlen. Das geht zulasten des Tierwohles.
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Weder die Kunden noch die Discounter sind offenbar bereit, für Fleisch mehr zu bezahlen. Das geht zulasten des Tierwohles.

Der große Handelsriese war am Ende eingeknickt, Lidl hatte den Bauern nach ihren deutschlandweiten Protesten Mitte Dezember Zugeständnisse für eine höhere Bezahlung gemacht. Unter anderem waren die Preise für Schweinefleisch erhöht worden.

Bönen – Was auf den ersten Blick als Erfolg für die Landwirte schien, hat sich mittlerweile zu einer „bitteren Niederlage“ entwickelt. So sieht es zumindest Christian Möllmann, Schweinemäster und Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins Bönen, nachdem der Discounter die Preiserhöhung wieder rückgängig gemacht hat.

LidlDiscounter
SitzNeckarsulm
gegründet1973

Mitte Dezember kam es in vielen Teilen Deutschlands zu einer aufsehenerregenden Protestaktionen der Landwirte. Ausgehend vom niedersächsischen Cloppenburg blockierten die Bauern zahlreiche Zentrallager der großen Lebensmittelketten, hauptsächlich von Lidl, und forderten eine höhere – aus ihrer Sicht gerechtere – Vergütung für ihre Erzeugnisse. Besonders Schweinefleisch und Milchprodukte werden ihrer Meinung nach hierzulande verramscht. Auch in Bönen reihten sich auf der Weetfelder Straße Trecker an Trecker bis zum Lidl-Verteilzentrum. Überall wurde die Warenan- und -auslieferung massiv gestört.

Der zur Schwarz-Gruppe gehörende Konzern lenkte ein, kündigte Gespräche an und erklärte kurz darauf, als die Bauern wieder zu ihren Höfen zurückgekehrt waren, die Preise für zehn Schweinefleischartikel in seinen Läden um 1 Euro pro Kilogramm zu erhöhen. Außerdem zahlte das Unternehmen zusätzliche 50 Millionen Euro an schweinehaltende Betriebe über die Initiative Tierwohl. Damit sollten die Bauern in ihrer aktuell schwierigen Lage vorübergehend unterstützt werden, hieß es. Das Geld sollte direkt den Bauern zugutekommen. Keine acht Wochen später erklärte Lidl die Aktion für beendet. Der Marktdruck sei zu hoch, die Nachfrage der Kunden nach den betreffenden Produkten eingebrochen. Es lohnte sich für Lidl nicht mehr.

Lidl nimmt Preiserhöhung für Schweinefleisch zurück: „Marktdruck zu hoch“

„Die Entwicklung der vergangenen Wochen hat gezeigt, dass der Markt unserem Preissignal nicht gefolgt ist. Dadurch ist uns ein erheblicher Wettbewerbsnachteil entstanden“, erklärt eine Lidl-Sprecherin den Schritt zurück. Es sei dem Unternehmen nicht möglich, die Preise dauerhaft und allein auf erhöhtem Niveau zu halten. Zahlen nannte sie nicht, ebenso blieb die Frage unbeantwortet, wie Lidl die Verbraucher auf den Grund für die Preiserhöhung hingewiesen hat.

Christian Möllmann sieht in der Rückstufung der Schweinefleischpreise eine Niederlage für die Landwirtschaft.

„Die Landwirte hatten sich als Gewinner gesehen und gedacht, andere Lebensmittelhändler ziehen nach“, erinnert sich Möllmann an die Tage nach den Protesten. Allerdings hatte einzig der Handelskonzern Rewe mit den Supermarktketten Rewe und Penny angekündigt, Preise wie vor dem Auftauchen der Afrikanischen Schweinepest zu zahlen. „Nun muss die Landwirtschaft ihre Niederlage eingestehen“, beurteilt Möllmann den aktuellen Schritt.

Lidl nimmt Preiserhöhung zurück: Bauern wollen mehr Geld, auch für Verbesserungen für die Tiere

„Ich kann Lidl nicht mal einen Vorwurf machen“, sagt der Bönener. Alleine stünde der Discounter auf verlorenem Posten. Das Unternehmen müsse halt seine Wirtschaftlichkeit im Auge haben. „Das muss ich ja auch.“ Für ihn zeigt die Tatsache, dass die Kunden scheinbar nicht bereit waren, mehr für frisches Schweinefleisch zu bezahlen, „nur die gesellschaftliche Mentalität“. Für Essen würden die meisten nicht viel Geld ausgeben wollen. Zwar gebe es gegenläufige Tendenzen, doch für die große Masse dürfe Fleisch nicht viel kosten. „Ich bin ratlos, wie es weitergehen soll, wie wir einen Wandel hinkriegen sollen“, sagt Möllmann.

Die Bauern fordern höhere Preise, die die Lebensmittelhändler mit Verweis auf den Konkurrenzdruck verweigern. Sie argumentieren, dass die Kunden nicht mehr bezahlen, während Umfragen unter den Verbrauchern zeigen, dass diese mehr Tierwohl, mehr Umweltschutz und mehr Nachhaltigkeit wollen. Die Politik stellt diesbezüglich Auflagen für die Landwirte. Die sind wiederum gewillt – so ist häufig zu hören – wollen aber ihre Mehrkosten und den erhöhten Aufwand bezahlt bekommen. Das können die Supermärkte nach deren Angaben nicht durchsetzen. Deshalb ist für Möllmann die Entscheidung von Lidl, die Preise wieder zu senken, eine Niederlage auf ganzer Linie.

Lidl signalisiert Bereitschaft zu weiteren Gesprächen mit Landwirten

„An der Position von vor acht Wochen hat sich nichts geändert“, sagt Möllmann. Er rechnet damit, dass immer mehr Landwirte und Hersteller wie Mastferkelbetriebe ans Aufhören denken werden. Zu zermürbend seien die ewig andauernden Durststrecken, was den Erlös angeht. Von Resignation möchte der Bönener allerdings weder bei sich noch bei seinen Kollegen sprechen, auch wenn weitere Proteste nach der Entscheidung von Lidl seiner Meinung nach eher unwahrscheinlich seien. Ein neuer Aufreger könnte den Stein aber jederzeit wieder ins Rollen bringen.

Mit Traktoren blockierten die Bauern im Dezember die Zufahrt zum LIdl-Lager in Bönen.

Der Discounter Lidl signalisiert zumindest die Bereitschaft, das Thema weiter im Blick zu haben. „Wir haben im Hintergrund intensive Gespräche mit allen Partnern entlang der Wertschöpfungskette angestoßen, um gemeinsam Lösungsansätze für eine zukunftsfähige Landwirtschaft zu entwickeln.“ Zudem soll weiter auf Produkte aus der heimischen Landwirtschaft gesetzt werden.

Corona-Lockdown und Schweinepest - 2020 war ein schlimmes Jahr für die Tiermast

Christian Möllmann hat zumindest die Hoffnung, dass die schwierige Lage besonders in der Schweinemast bald wieder gelindert wird. 2020 litt unter dem Auftreten der Afrikanischen Schweinepest und dem Einfrieren des Welthandels zu Beginn der Corona-Pandemie der Export empfindlich. Gleichzeitig brach in Deutschland durch den Lockdown der Gastronomie die Nachfrage fundamental ein. Die vorübergehenden Schließungen der Schlachtereien von Westfleisch und Tönnies wegen der dortigen Corona-Ausbrüche haben zudem zu einem „Schweinestau“ in den Ställen geführt, der noch heute zu spüren ist, wie der Landwirt anhand der späteren Zusagen für Schlachttermine erläutert.

Alles zusammen drückt beim Erzeuger erheblich auf den Kilo-Preis. Zumindest der Stau könnte bald behoben sein. Das vermutet der Bönener aufgrund der zuletzt anziehenden Einkaufspreise für Ferkel, die für eine steigende Nachfrage sprechen könnten. Das würden den Bauern beim Weiterverkauf helfen.

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