Palliativfachkraft begleitet Sterbende bis zum letzten Atemzug

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Dabei sein, wenn das Leben zu Ende geht: Palliativfachkräfte versuchen den Menschen die letzten Lebenstagen so angenehm wie möglich zu machen.

Bönen –Den letzten Tag möglichst viel Leben geben: Das möchte Yannik Turwitt. Der 22-Jährige ist Altenpfleger und ausgebildete Palliativfachkraft in Bönen. 

Darüber zu reden ist wichtig. Darum ist Yannik Turwitt froh, in einem vertrauten und verständnisvollen Team zu arbeiten. Im Gespräch mit den Kollegen lässt sich der Tod besser verarbeiten, sagt der 22-jährige Altenpfleger. Mit dem Sterben muss er sich in seinem Beruf immer wieder auseinandersetzen. Inzwischen ist er außerdem ausgebildete Palliativfachkraft.

 „Es war uns ein großes Anliegen, Mitarbeiter im Haus zu haben, die speziell in diesem Bereich ausgebildet sind“, sagt sein Chef Ralf Degenhardt-Ruhoff. Gut geeignet für diese Aufgabe erschien dem Leiter des Bönener Awo-Seniorenzentrums Yannik Turwitt, der bereits während seiner Lehre einen Monat lang im Hospiz „Am Roten Läppchen“ in Hamm gearbeitet hat. 

Ein guter Zugang zu den Bewohnern

„Er ist sehr emphatisch und verbindlich und hat einen guten Zugang zu den Bewohnern“, beschreibt er den jungen Hammer. Der hat 2013 seine Ausbildung an der Eichholzstraße begonnen und ist nach dem Abschluss in Bönen geblieben.

Natürlich gehört in diesem Beruf der Umgang mit dem Sterben, mit dem Tod, dazu. „An das erste Mal, dass ich erlebt habe, wie ein Bewohner stirbt, kann ich mich aber noch sehr gut erinnern“, erzählt er. „Es war ein ganz ungewohntes Gefühl, in ein Zimmer zu kommen und zu merken, dass da kein Leben mehr ist.“ 

Yannik Turwitt

Geholfen, diese Erfahrung zu verarbeiten, haben ihm damals die intensiven Gespräche mit den Kollegen. Und so ist es heute noch: Stirbt ein Bewohner, setzten sich die Mitarbeiter zusammen und sprechen darüber. „Wir bauen immer eine Beziehung zu den Bewohnern auf. Um jemanden pflegen zu können, muss man das einfach. Wir haben zwar vielleicht eine professionelle Distanz, beschäftigen uns aber dennoch ständig mit dem Thema.“ Abschied von einem vertrauten Menschen zu nehmen, fällt jedes Mal schwer.

Familienmitglieder oft überfordert

Umso wichtiger ist es Yannik Turwitt, den Senioren die letzten Tage ihres Lebens so angenehm wie möglich zu machen, körperlich, aber auch seelisch. In der 160 Stunden umfassenden Ausbildung zur Palliativfachkraft hat er einiges dazu gelernt. Und das betrifft nicht nur die professionelle Schmerzbehandlung und -linderung. 

„Man bekommt mehr Sicherheit im Umgang mit den Sterbenden und mit den Angehörigen. Üben kann man das nämlich nicht, und man hat die nie passenden Worte, um den Angehörigen das Thema näher zu bringen“, sagt er. Familienmitglieder seien oft überfordert, wenn sie erfahren, dass sie ihre Mutter, ihren Vater oder einen anderen, nahestehenden Verwandten bald verlieren. „Ich lasse die Leute dann erst mal erzählen“, so der Fachmann. 

Die Ausbildung hat ihm neue Ideen geliefert, sich mit den Sterbenden zu beschäftigen, ihnen Lebensqualität und wertvolle Momente zu schenken. „Manche möchten zum Beispiel noch einmal das Sonnenlicht spüren, eine bestimmte Musik hören oder an die frische Luft gehen.“ Auch das Lieblingsessen wird häufig gewünscht. „Das machen wir alles möglich.“ 

Das Allerwichtigste sei aber, für die Menschen da zu sein – für die Sterbenden und die Angehörigen. „Wir versuchen, die Familien möglichst früh in den Sterbeprozess mit einzubeziehen“, erklärt Ralf Degenhardt-Ruhoff. Wer möchte, darf etwa im Haus übernachten, um bei seinem Angehörigen zu bleiben. Gibt es niemanden, der zu dem Sterbenden kommen kann, oder kommen die Familienmitglieder nicht rechtzeitig, bleiben Yannik Turwitt und seine Kollegen bis zum letzten Atemzug bei den Bewohnern. 

"Sterben ist eine sehr intime Sache"

„Viele ziehen kurz vor dem Tod eine Lebensbilanz. Fällt diese vor allem gut aus, fällt es den Leuten leichter, loszulassen“, hat der Altenpfleger beobachtet. Manchmal helfe es den Sterbenden, Unausgesprochenes oder lange Verdrängtes auszusprechen und von Erlebtem zu erzählen. „Die Bewohner vertrauen uns dann sehr persönliche Dinge an, über die sie bis dahin mit niemanden gesprochen haben.“

 Das Zuhören und Verschwiegenheit sind für Yannik Turwitt selbstverständlich. „Sterben ist eine sehr intime Sache. Einige Menschen möchten dabei allein sein. Deshalb sterben so viele nachts“, weiß der 22-Jährige inzwischen. 

Sterbende wissen häufig, dass ihr Leben endet

Und er hat festgestellt, dass gerade besonders alte Menschen offenbar wissen, wann ihre Zeit gekommen ist. „Wen sie keine schwere Grunderkrankung haben, wissen sie in der Regel etwa drei Monate vorher, dass ihr Leben endet“, hat Yannik Turwitt in der Fachausbildung gelernt. 

Einige behalten dieses Wissen für sich, die meisten reden aber offen darüber. Auch damit muss Yannik Turwitt umgehen können. Als sich der Altenpfleger etwa vor einem Urlaub von einer krebskranken Bewohnerin verabschiedet hat, sagte sie ihm direkt, dass sie sich wohl nicht mehr wiedersehen würden. Die Frau hatte recht. „Ich habe ihr einen guten Weg und viel Kraft dafür gewünscht“, berichtet der Hammer. 

Er hat gelernt, dass viele Sterbenden es schätzen, wenn um diese Tatsache nicht herum geredet wird. Das Awo-Seniorenzentrum arbeitet eng mit dem Palliativnetzwerk im Kreis Unna zusammen. Im eigenen Haus möchte Ralf Degenhardt-Ruhoff demnächst zudem ein Trauercafé einrichten. Dort ist dann auch Yannik Turwitt für die Bewohner und die Angehörigen ansprechbar.

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