Lebensgefahr auf Gleisanlagen

„Wo Züge fahren, ist kein Platz für Abenteuer“: DB und Bundespolizei mahnen

So geht’s richtig: Die vierten Klassen der Goetheschule besuchen im Rahmen des Verkehrssicherheitstrainings Bahnhof und Stellwerk.
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So geht’s richtig: Die vierten Klassen der Goetheschule besuchen im Rahmen des Verkehrssicherheitstrainings Bahnhof und Stellwerk.

Menschen, die eben mal eine Abkürzung über die Bahngleise nehmen oder sich zu Mutproben im Gleisbereich hinreißen lassen – das ist an den Bahnhöfen in Bönen und Nordbögge immer wieder zu beobachten, in der Vergangenheit auch mit tödlichen Folgen. Wie gefährlich das Betreten der Gleise ist, dafür soll jetzt eine gemeinsame Kampagne der Deutschen Bahn und der Bundespolizei sensibilisieren.

Bönen – Ewig warten an der ständig geschlossenen Bönener „Glück-auf-Schranke“ in der Ortsmitte ist doof, zugegeben. Deshalb kommen immer wieder Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene auf die Idee, die Wartezeit und den Weg abzukürzen. Sie schlängeln sich neben den Schranken auf das Bahngelände und überqueren die Gleise. Einem 48-jährigen Mann wurde 2015 die Abkürzung zum Verhängnis, als er von einem Güterzug erfasst wurde.

Auch in Nordbögge sind immer wieder Personen zu beobachten, die sich den längeren Weg über die Fußgängerbrücke sparen wollen und „mal eben“ die Schienen überqueren. „Wird schon schief gehen“, lautet die Überzeugung, und dass man ja sieht, wenn ein Zug sich nähert. Ein fataler Irrtum, der manchmal tödlich endet.

Lebensgefährlich: Ein Mensch überquert im Bahnhof Bönen die Gleise, um von einem Bahnsteig zum anderen zu gelangen.

2013 verhinderten zwei Mädchen möglicherweise eine Katastrophe, weil sie die Polizei alarmierten, als sie einen 15-jährigen Jungen beobachteten, der sich im Bereich des Nordbögger Bahnhofs in das Gleisbett gelegt hatte. Die Strecke Dortmund-Hamm wurde sofort gesperrt und Schlimmeres verhindert. Ein Jahr später hatte ein 16-Jähriger einen Schutzengel. Als der Jugendliche ins Gleisbett stieg, um Gegenstände aufzuheben, die ihm aus dem Rucksack gefallen waren, wurde er von einem ICE überrollt und überlebte wie durch ein Wunder.

Immer wieder spielen Kinder auf den Gleisen, weil sie das Gelände für einen spannenden Abenteuerspielplatz halten oder sich auf Mutproben einlassen. „Bahnanlagen üben auf junge Menschen oft eine große Faszination aus und wecken die Neugierde“, erklärt Hans-Hilmar Rischke, Sicherheitschef der Deutschen Bahn. „Es ist uns ein wichtiges Anliegen, jetzt in den Sommerferien noch einmal auf das richtige Verhalten aufmerksam zu machen, denn jeder Unfall ist einer zu viel – und durch das Befolgen einiger einfacher Regeln zu vermeiden.“

Züge werden immer leiser

Der wichtigste Grundsatz lautet deshalb: Es ist verboten, Bahnanlagen zu betreten. Da gibt es kein Wenn und Aber. „Wo Züge fahren, ist kein Platz für Abenteuer“, so Rischke. Auch wenn Selfies im Gleis gerade „in“ seien oder die Abkürzung über die Schienen verlockend und berechenbar erschienen – hier drohe ernste Gefahr. „Züge fahren zu jeder Tages- und Nachtzeit und können, anders als Straßenfahrzeuge, nicht ausweichen. Bis zu 1000 Meter dauert es, bis ein Zug nach einer Vollbremsung steht. Außerdem werden die Fahrzeuge immer leiser und sind erst spät zu hören.“ Gerade in Bönen ist es aufgrund der Fülle an Güterzügen, die auf der Strecke unterwegs ist, unvorhersehbar, wann die Züge fahren.

„Unfälle auf Bahnanlagen sind besonders tragisch, da sie zu schwersten Verletzungen bis zum Tode führen können“, warnt auch Bundespolizeipräsident Dr. Dieter Romann. Immer wieder passierten Bahnstromunfälle, bei denen Kinder oder Jugendliche beteiligt sind. Oft sei den jungen Menschen gar nicht bewusst, dass die Bahn-Oberleitung eine Spannung von 15 000 Volt führt. „Das ist etwa 65-mal mehr als in der Steckdose zu Hause. Und man muss die Oberleitung nicht einmal berühren. Schon bei bloßer Annäherung kann es zu einem lebensbedrohlichen Stromüberschlag kommen. Bahnunfälle sind leicht vermeidbar,“ appelliert Romann an Kinder und Jugendliche, die gerade in den Ferien Abenteuerplätze suchen: „Bleibt bitte den Bahn- und Abstellanlagen fern!“

Unterschätzte Gefahr

Die Gefahr von herannahenden Zügen wird immer wieder unterschätzt. Dabei gilt: Züge ...

- ... durchfahren Bahnhöfe mit Geschwindigkeiten von bis zu 160 Stundenkilometern. Durch den entstehenden Luftsog können unmittelbar an der Bahnsteigkante Personen und Gegenstände mitgerissen werden.

- ... können Hindernissen nicht ausweichen und haben einen sehr langen Bremsweg.

- … nähern sich fast lautlos. Ein elektrisch betriebener Zug – selbst mit über 200 Stundenkilometern – ist für das menschliche Ohr erst wahrnehmbar, wenn er bereits vorbeifährt.

- … fahren auch außerhalb des ausgehängten Fahrplans und können ein Gleis in beide Richtungen befahren.

Rechtliche Konsequenzen: Unbefugtes Betreten von Bahnanlagen hat Folgen. Bahnanlagen dürfen nur autorisierte Personen betreten. Für alle anderen Menschen ist das nicht nur gefährlich, sondern kann auch eine hohe Geldbuße von bis zu 5000 Euro nach sich ziehen. Bei einer konkreten Gefährdung des Eisenbahnbetriebs handelt es sich sogar um eine Straftat. Dies wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren geahndet. Eltern, Lehrer und Erzieher können kostenlos Materialien für Kinder zum Thema Sicherheit bestellen oder herunterladen unter www.olis-bahnwelt.de/sicher_unterwegs.

Um die Sicherheit an den Stationen zu erhöhen, stellen DB, Land und Bund insgesamt 30 Millionen Euro zur Verfügung, um bis 2024 insgesamt 160 Bahnhöfe in Nordrhein-Westfalen mit moderner Videotechnik auszurüsten. In diesem Programm ist auch der Bahnhof Bönen enthalten. Ein genauer Zeitpunkt, wann die Videoanlage in Bönen installiert werden soll, sei noch nicht bekannt, so der Bahnsprecher. „Bis spätestens Ende 2024 wird der Bahnhof mit modernster Videotechnologie ausgestattet sein.“ Der Bahnhof in Nordbögge sei dagegen nicht Bestandteil des Videoprogramms NRW. „Uns liegen auch keine Informationen über eine geplante Videoausrüstung vor.“

Regelmäßige Schulbesuche

Seit Jahren engagiert sich die Bundespolizei bereits, um Unfälle zu vermeiden. In Bönen besuchen Beamte regelmäßig die Bönener Grundschulen, um die Schüler über die Gefahren an Bahnsteigen und Gleisen aufzuklären und besuchen gruppenweise mit den Kindern den Bahnhof in der Ortsmitte, um vor Ort die Gefahren aufzuzeigen. Seit 2020 neu im Einsatz sind Präventionsteams der DB. Zwölf speziell geschulte Experten, die zusammen mit der Bundespolizei direkt und persönlich vor Ort informieren – mit Ständen am Bahnhof, direkt an Bahnanlagen oder in Schulen und Jugendeinrichtungen.

Bei rund 33.000 Kilometern Schiene und rund 5700 Bahnhöfen bundesweit viel zu tun. Eine Kampagne in Bönen sei aktuell nicht geplant, so ein Bahnsprecher. „Sollten wir einen Hinweis von einer Schule erhalten, dass dort akuter Handlungsbedarf besteht, und wir mit einen Präsenzunterricht zum Thema Gefahren auf Bahnanlagen unterstützen können, kommen wir aber gerne in die dortigen Einrichtungen.“

Mit gutem Beispiel vorangehen

Der Bedarf an Aufklärung sei nach wie vor groß, so Bundespolizeipräsident Dr. Dieter Romann. „Daher bitte ich die Großen: sensibilisiert die Kleinen! Vermittelt, erklärt, erläutert, wo die Gefahren im Bahnverkehr liegen!“ Besonders wichtig ist deshalb, dass die Erwachsenen mit gutem Beispiel vorangehen und sich ebenfalls an die Regeln halten. Trotz klarer Regeln und Hinweisschilder komme es nämlich immer wieder zu schweren Unfällen durch leichtfertiges Verhalten, weil die Gefahr unterschätzt wird.

Deshalb hat die DB altersgerechte Materialien zusammengestellt, die zusätzliches Wissen zum richtigen Verhalten an Bahnanlagen transportieren sollen. Hier kommt die Figur „Oli“ ins Spiel, der den Jüngsten spielerisch die Gefahren erklärt.

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