Kreisgesundheitsdezernent Uwe Hasche zieht Bilanz 2020

„Wenn die Pandemie vorbei ist, werde ich nur noch wenige Freunde haben“

Uwe Hasche am Tisch auf einer Pressekonferenz
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Uwe Hasche, Gesundheitsdezernent des Kreises Unna, blickt auf ein belastendes Jahr zurück.

Als er im Herbst 2019 seinen Posten als Gesundheitsdezernent in der Kreisverwaltung Unna antrat, ahnte der Bönener Uwe Hasche noch nicht, was wenige Monate später auf ihn zukommen würde. Mit der Corona-Pandemie hat sich seine Arbeit – und die seiner Mitarbeiter – komplett verändert. Denn in seinem Dezernat laufen alle Fäden im Kampf gegen Covid-19 im Kreis zusammen. Wie hat er das Jahr 2020 erlebt? Mit Uwe Hasche sprach WA-Redakteurin Kira Presch.

Wenn Sie zurückblicken, wie war 2020 für Sie?
Das Erstaunlichste ist, wie rasend schnell das Jahr vergangen ist, seit der erste Corona-Fall im März auftrat. Das Frühjahr war schon heftig, aber die vergangenen drei Monate waren besonders stressig. Was bei mir überwiegt, sind Stolz und Respekt über die Leistung der Mitarbeiter im Gesundheitsamt. Die haben richtig was bewegt, teilweise sieben Tage durchgearbeitet von morgens früh bis spätabends. Es gab einen Erlass aus Düsseldorf, wo die magische Grenze von 50 bei der Sieben-Tage-Inzidenz angegeben wurde, als das, was die Gesundheitsämter noch beherrschen können. Wir sind inzwischen seit November beim Vierfachen – und wir leisten es immer noch.
Wie bewältigen Ihre Mitarbeiter den Druck?
Es gab nur ganz wenige Tage, an denen die Kollegen mit gesenktem Kopf nach Hause gegangen sind, weil sie nicht fertig geworden sind mit ihrer Arbeit. An den allermeisten Tagen haben sie es geschafft, alle neu gemeldeten Infektionen abzuarbeiten und Kontaktpersonen zu benachrichtigen. Was mich besonders gefreut hat, ist die durchweg gute Stimmung und der Teamgeist, obwohl alle unter einer großen Belastung arbeiten. Wenn ich abends erschöpft nach Hause komme, habe ich kein Verlangen danach, mich mit Menschen zu treffen. So geht es auch vielen Kollegen im Gesundheitsamt, die ja noch belasteter sind als ich. Arbeiten, essen, schlafen und regenerieren – da bleibt nicht mehr viel Raum für anderes. Sie leben mit der Dauerbelastung, von morgens bis abends Kontakte zu verfolgen und Leute informieren zu müssen, dass sie infiziert sind oder als Kontaktperson in Quarantäne müssen. Das sind schwierige Gespräche.

„Die Dummheit der Corona-Leugner schockiert mich“

Wenn Sie zurückblicken, wie war 2020 für Sie?
Das Erstaunlichste ist, wie rasend schnell das Jahr vergangen ist, seit der erste Corona-Fall im März auftrat. Das Frühjahr war schon heftig, aber die vergangenen drei Monate waren besonders stressig. Was bei mir überwiegt, sind Stolz und Respekt über die Leistung der Mitarbeiter im Gesundheitsamt. Die haben richtig was bewegt, teilweise sieben Tage durchgearbeitet von morgens früh bis spätabends. Es gab einen Erlass aus Düsseldorf, wo die magische Grenze von 50 bei der Sieben-Tage-Inzidenz angegeben wurde, als das, was die Gesundheitsämter noch beherrschen können. Wir sind inzwischen seit November beim Vierfachen – und wir leisten es immer noch.
Wie bewältigen Ihre Mitarbeiter den Druck?
Es gab nur ganz wenige Tage, an denen die Kollegen mit gesenktem Kopf nach Hause gegangen sind, weil sie nicht fertig geworden sind mit ihrer Arbeit. An den allermeisten Tagen haben sie es geschafft, alle neu gemeldeten Infektionen abzuarbeiten und Kontaktpersonen zu benachrichtigen. Was mich besonders gefreut hat, ist die durchweg gute Stimmung und der Teamgeist, obwohl alle unter einer großen Belastung arbeiten. Wenn ich abends erschöpft nach Hause komme, habe ich kein Verlangen danach, mich mit Menschen zu treffen. So geht es auch vielen Kollegen im Gesundheitsamt, die ja noch belasteter sind als ich. Arbeiten, essen, schlafen und regenerieren – da bleibt nicht mehr viel Raum für anderes. Sie leben mit der Dauerbelastung, von morgens bis abends Kontakte zu verfolgen und Leute informieren zu müssen, dass sie infiziert sind oder als Kontaktperson in Quarantäne müssen. Das sind schwierige Gespräche.
Wie reagieren die Betroffenen auf die Anrufe?
Übereinstimmend bestätigen alle Kollegen, dass die Menschen, die sie anrufen mussten, um ihnen mitzuteilen, dass sie infiziert sind, oder die sie über ihre Kontakte ausfragen mussten, alle sehr verständnisvoll reagiert haben. Obwohl sie vielleicht schon den Weihnachtsblues hatten und wir ihnen mit der Nachricht vom positiven Test das Weihnachtsfest versaut haben. Da hatten viele Kollegen anfangs Angst vor, dass Kontaktpersonen auf den Hinweis, sie müssen sich in Quarantäne begeben, ungehalten reagieren und rumpöbeln. Noch schwieriger ist es, wenn wir im Zusammenhang mit Todesfällen ermitteln, wer die letzten Kontaktpersonen waren – das ist schlimm für die Angehörigen. Sie können oft nicht Abschied nehmen und keine richtige Trauerfeier abhalten.
Wie geht es weiter?
Ich hab Angst vor dem Moment, wenn die Pandemie vorbei ist. Dann kommt das dicke Ende erst noch, weil viele Kollegen dann erschöpft und einfach ausgebrannt sein werden, die seit Monaten über ihre Grenzen gehen. Die werden wir dann auch mal rausnehmen müssen, weil tausende Überstunden abgefeiert werden müssen. Ich hoffe, dass wir dann auch die Zeit zum Durchschnaufen bekommen. Meine Befürchtung ist, dass das alles nicht spurlos an den Kollegen vorbeigeht.
Es wird ja Auswirkungen der Pandemie in vielen Bereichen geben...
Für die vielen Selbsthilfegruppen beispielsweise mussten neue Formate entwickelt werden, weil sich die Leute nicht persönlich treffen konnten. Digitalisierung ist da ein großes Thema und es wird eine riesengroße Bandbreite an neuen Themen zu beackern sein, denn Corona hat da enormen Flurschaden angerichtet. Ich bin froh, dass wir durch entsprechende Kreistagsbeschlüsse die Selbsthilfe gestärkt haben.
Auch wenn die Impfungen jetzt anlaufen – es ist noch nicht vorbei ...
Nein, auf keinen Fall. Wir haben noch eine große Unbekannte bei der Impfung: Wir wissen nicht, ob diejenigen, die geimpft sind, nicht noch infektiös sein können. Sie sind möglicherweise vor einem schweren Krankheitsverlauf geschützt, könnten aber andere weiterhin anstecken. Das weiß man noch nicht. Deshalb gilt für alle zunächst weiter die AHA-Regel, bis es gesicherte Erkenntnisse gibt. Ich glaube, bis ein großer Teil der Bevölkerung geimpft ist und eine Herdenimmunität eintritt, das wird noch Monate dauern.
Also brauchen wir auch noch weiterhin Geduld?
Meine größte Sorge ist, dass wir Anfang des Jahres in eine dritte Welle hineinlaufen. Im Moment ist es ein ganz trügerisches Bild, dass die Fallzahlen so niedrig sind. Das ist dem Umstand geschuldet, dass über die Feiertage weniger getestet wurde. Ich weiß nicht, wie diszipliniert und rücksichtsvoll die Menschen an den Weihnachtstagen waren und wie es Silvester aussieht. Ob sich alle an die Kontaktbeschränkungen halten oder ob sie sagen, so schlimm wird es schon nicht werden. Ich appelliere dringend an alle, sich an die Regeln zu halten. Im Vergleich zum Frühjahr haben wir jetzt in den Krankenhäusern eine viel angespanntere Situation. Zusätzlich steht uns die Grippesaison bevor. Das fordert von allen Disziplin und Rücksichtnahme. Dazu gehört auch die Einschränkung der Kontakte.
Jüngere denken, sie haben einen leichten Verlauf...
Das ist ein Trugschluss. Man kann nicht vorhersagen, wie der Krankheitsverlauf bei dem Einzelnen sein wird. Ich weiß von immer mehr Leuten, die zuerst einen milden Verlauf hatten und anschließend noch lange mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben. Wir wissen noch gar nicht, wie sich die Folgeschäden langfristig auswirken. Es ist schwer festzustellen, ob später auftretende Gesundheitsschäden auf eine Covid-Erkrankung zurückzuführen sind.
Was nehmen Sie persönlich aus diesem Jahr mit?
Leider sehe ich überall den Leichtsinn, dass Covid-19 auf die leichte Schulter genommen wird. Eine bittere Erkenntnis, die ich aus diesem Jahr mitnehme: Wenn die Pandemie vorbei ist, werde ich nur noch wenige Freunde haben. Weil ich inzwischen meine Kontakte in den sozialen Medien konsequent selektiere und die lösche, die sich über Corona lustig machen, die die Krankheit bagatellisieren, leugnen oder abstruse Verschwörungstheorien verbreiten. Ich mache auch einen großen Bogen um alle, die die Kontaktbeschränkungen nicht einhalten. Mit denen möchte ich nichts zu tun haben.
Mit wem halten Sie in dieser Zeit Kontakt?
Mir ist sehr daran gelegen, dass ich meinen engsten Familien- und Freundeskreis pflege. Dazu muss man sich aber nicht immer persönlich sehen. Man kann sich auch zu zweit oder zu dritt im Freien treffen. Ich telefoniere und schreibe viel und nutze Videotelefonie. Aber meine physischen Sozialkontakte habe ich sehr stark runtergeschraubt. Es geht halt im Moment nicht anders. Bis es wieder wärmer wird, müssen wir weiter durchhalten. Ich gehe für meine Mutter einkaufen und sehe sie regelmäßig. Ich möchte sie nicht anstecken, deshalb halte ich mich an die Regeln, um das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten.
Sind rückblickend Fehler gemacht worden?
Der „Lockdown light“ im November war ein Misserfolg, der nichts gebracht hat. Das exponentielle Wachstum war zwar gebrochen, aber die Nachwirkungen der hohen Infektionszahlen spüren wir immer noch in unseren Krankenhäusern und an der Zahl der Toten. Mit der hohen Zahl der Neuinfektionen geht es immer mehr in die Pflegeeinrichtungen rein. Dort sind die Auswirkungen anders als in einer Familie mit jüngeren Personen. Das ist das, was mir zu schaffen macht. Aber es gibt leider kein Patentrezept, wie man damit umgeht – ob man alle Kontakte kappt und die Vereinsamung der alten Menschen in Kauf nimmt oder nicht.
Wie gehen Sie mit unfairer Kritik um?
Das ärgert mich schon. Ich hatte mir vorgenommen, das nicht mehr zu lesen, aber es interessiert mich doch, was die Leute so denken. Da sind oft Kommentare, da frage ich mich: Wo haben die Leute diese Fake-Informationen her? Das ist ein bisschen wie im Fußball: Wir haben jetzt 80 Millionen Virologen, die alles besser wissen als die Fachleute. Was mich echt schockiert, ist, was in den sozialen Netzen an Kommentaren zu finden ist. Da plappern Corona-Leugner unreflektiert alles nach. Diese Dummheit schockiert mich. Ich finde es schwierig mit anzusehen, wie wenig Teile unserer Gesellschaft in der Lage und bereit sind, auf etwas zu verzichten, wenn es nötig ist.
Endet der Lockdown am 10. Januar oder müssen wir mit Verlängerung rechnen?
Nach meiner Ansicht wäre es gut, wenn der Lockdown verlängert würde. Aber ob es so kommt, das werden wir erst kurz vorher erfahren.

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