Steingärten in Diskussion

Klimaschänder Stein und Schotter im Garten? Das rät ein Bönener Experte

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Viel Grau, wenig Grün – so wie an der Friedhofstraße in Bönen sehen immer mehr Vorgärten aus.

Bönen – Stein- und Schottergärten sind im Trend. Ihre Befürworter führen starke Argumente ins Feld. Umweltschützer hingegen warnen vor Steingärten und fordern sogar Verbote. Aber was sagen Experten?

Von Carola Schiller

Philippe Dahlmann ist hauptamtlicher Gartenberater beim Verband Wohneigentum NRW. Im Gespräch findet er zu Steingärten klare Worte.

Immer mehr Vorgärten werden von Hausbesitzern in Steingärten umgewandelt. Naturschützer sehen darin einen Schaden für die Umwelt. Ist das so?

Philippe Dahlmann: Eigentlich ist schon das Wort Steingarten nicht richtig. Genauer handelt es sich um Steinwüsten. Das Problem an diesen Flächen ist, dass sie Einfluss auf das sogenannte Kleinklima nehmen. Das merkt man vor allem in einigen Neubaugebieten, in denen es kaum noch Vorgärten gibt. Pflanzen in Vorgärten produzieren Sauerstoff, Verdunstungskälte, binden Feinstaub und speichern CO². Das beeinflusst die Temperatur auf den Straßen positiv. 

Temperaturen senken mit Grünflächen

Grünflächen senken die Temperatur und können anfallendes Regenwasser wesentlich besser speichern und nach unten abführen. Das wird jetzt beim Klimawandel immer wichtiger. Das ist aber noch nicht alles. Ein weiterer Aspekt ist die Lärmdämpfung. Nicht zu vergessen ist der Rückgang der Artenvielfalt in Bezug auf Tiere und Pflanzen.

Die Entscheidung für Schotter- oder Steingärten wird oft damit begründet, dass bepflanzte Vorgärten mehr Arbeit verursachen. Wie kann Mehrarbeit verhindert werden?

Philippe Dahlmann: Der Grund für das viele Unkraut in Pflanzungen ist die nicht standortgerechte Pflanzenauswahl. Passen die Pflanzen zum Lichteinfall und zur Bodenqualität, macht eine Pflanzung grob geschätzt nur vier bis zehn Minuten Arbeit pro Quadratmeter und Jahr.

Ein weiteres Beispiel an der Florianstraße.


Das klingt wenig. Gibt es dazu Nachweise?

Philippe Dahlmann: Ja! Der Arbeitskreis Pflanzenverwendung hat in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Staudenkombinationen nach unterschiedlichen Kriterien getestet. Diese sind sehr pflegeleicht und artenreich, wenn die Standortansprüche berücksichtigt werden, zum Beispiel Boden und Licht. Der Arbeitskreis besteht aus Vertretern von Versuchsanstalten, Hochschulen, Grünflächenämtern sowie Praktikern. 

Dieser Arbeitskreis berücksichtigt die oberste Grundvoraussetzung für erfolgreiches und nachhaltiges Gärtnern: Das ist die standortgerechte und artenreiche Pflanzenauswahl. Wäre allein das in unseren Gärten immer berücksichtigt worden, würden wir heute vermutlich nicht über Pflegeleichtigkeit und Steinwüsten sprechen.

Ein Argument der Befürworter von Schottergärten ist, dass sie pflegeleicht sind...

Philippe Dahlmann: Das kann ganz leicht entkräftet werden. Organisches Material wie Samen und Blätter fallen zwischen die Steine, verrotten und bilden eine Humusschicht. Auf diesem natürlichen Nährboden finden Wildkräuter gute Keimbedingungen. Nicht zu vergessen sind Moose und Flechten, die sich auf den Steinen ansiedeln. Es muss also gejätet und gereinigt werden.

Steingärten nur zu Beginn unkrautfrei 

Also bleiben Steingärten nicht unkrautfrei?

Philippe Dahlmann: Nur am Anfang. Von unten kommt auch nichts durch, das wird verhindert durch Vlies oder Folie unter den Steinen. Aber der Samenflug und andere organische Materialien sorgen dafür, dass irgendwann doch Wildkräuter und Gräser wachsen. Diese zu entfernen, ist richtig viel Arbeit. Sogenannte Unkrautvernichtungsmittel sind übrigens unzulässig und eine thermische Bekämpfung funktioniert nicht.

Wie steht es um Gabionen, die Drahtkäfige, die mit Steinen gefüllt sind und als Begrenzung dienen?

Philippe Dahlmann: Zur Hangbefestigung sind die ok. Aber frei stehend werden die Gabionenwände zu einem Problem. Sie reduzieren die Luftzirkulation. Die Hitze kommt nicht aus den Gärten und auch nicht aus den Siedlungen heraus. Sie erhöhen, wie auch zu viele Stein- und Asphaltflächen, die Hitzerückstrahlung. 

Durch Gabionen und Steinflächen kommt es unter anderem zu einer nur geringen nächtlichen Abkühlung. Das ist für Menschen unangenehm und schlecht für das Klima obendrein. Aber auch die Pflanzen leiden, weil sich Pilzerkrankungen schneller ausbreiten können. Die Feuchtigkeit kann durch eine zu geringe Luftzirkulation nicht schnell genug aus den Gärten getragen werden.

Ist es möglich, eine sogenannte Steinwüste in einen Garten zurückzuverwandeln?

Philippe Dahlmann: Ja. Allerdings verarmt der Boden unter den Steinwüsten. Es findet keine Zufuhr von organischen Substanzen mehr statt. Darauf sind aber der Boden, seine Lebewesen und letztlich die meisten Pflanzen angewiesen. Somit findet keine Humusbildung statt. Das ist vielen gar nicht bewusst. Hier sind auch viele Fragen noch unbeantwortet, zum Beispiel, was mit den Bodenlebewesen passiert, die von oben keine Nahrung mehr bekommen. Es ist davon auszugehen, dass der Boden erst wieder aufgewertet werden muss. Wie genau, das lässt sich am besten nach einer Bodenanalyse sagen.

Sie empfehlen eine Bodenanalyse auch für bestehende Gärten. Wie aufwendig ist das?

Philippe Dahlmann: Ein vertretbarer Aufwand, der sich aber lohnt. Der Verband Wohneigentum NRW bietet seinen Mitgliedern ein günstiges Set an. Doch wir sind nur einer von vielen Anbietern. Bei einer Bodenanalyse im Privatgarten sollten mindestens der pH-Wert, die Bodenart, der Humusgehalt, sowie die Nährstoffe Phosphor, Kalium und Magnesium ausgewertet werden. 

Mit den Ergebnissen lässt sich auch genau sagen, was dort gut wächst und was nicht, ob Dünger nötig ist und falls ja, was der enthalten muss. Einige Anbieter, auch unserer, geben sogar eine Düngeempfehlung.

Gibt es noch ein Missverständnis rund um Gärten, mit dem Sie gerne aufräumen möchten?

Philippe Dahlmann: Es fällt auf, dass sehr viele Gärten und Vorgärten mit großen Rasenflächen oder pflegeintensiven und artenarmen Pflanzungen gestaltet sind. Das soll uns aber nicht demotivieren. Das Gegenteil ist der Fall. In deutschen Gärten und Steinwüsten liegt ein unglaubliches und ungenutztes Potenzial zur Förderung und zum Erhalt von Tier- und Pflanzenarten. 

Durch den Einsatz von geeigneten Pflanzen und Materialien können wir Tieren wie Vögeln sowie Insekten einen Lebensraum schaffen. Und das Allerbeste: Pflegeleichtigkeit und Artenreichtum lassen sich bestens kombinieren.

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