Mehr Bürger wollen Schreckschusspistolen und Pfefferspray besitzen

Kleiner Waffenschein: Gefühl nach mehr (vermeintlicher) Sicherheit im Kreis wächst

Mit der Berechtigung können die Menschen Gas- und Schreckschusspistolen erwerben.
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Für das Tragen einer Schreckschusspistole ist ein kleiner Waffenschein nötig. Aber auch mit dieser Lizenz ist das Abfeuern nur in Notwehrfällen erlaubt. 

Die Zahl der Menschen in Deutschland, die den sogenannten Kleinen Waffenschein besitzen, steigt. Rund sechs Prozent mehr als im Vorjahr hat das Bundesinnenministerium für 2020 gemeldet. Im Kreis Unna waren die Zahlen der Antragsteller zuletzt seit dem explosionsartigen Anstieg nach der Silvesternacht 2015/2016 in Köln rückläufig. Aktuell ist aber ein Anstieg zu bemerken.

Bönen/Kreis Unna – Das hat Bernd Pentrop, Polizeihauptkommissar und Pressesprecher der Polizei im Kreis Unna, festgestellt. Er sieht in den Gas- und Schreckschusspistolen allerdings kein Mittel, um mehr Sicherheit zu erhalten. Vielmehr bergen sie für ungeübte Besitzer zusätzliche Risiken.

Wozu berechtigt der Kleine Waffenschein?

Der „Kleine Waffenschein“ gilt für Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen (SRS-Waffen), die das Zeichen der Physikalisch Technischen Bundesanstalt (PTB) tragen. In den eigenen Räumen und auf dem eigenen Grundstück ist der reine Besitz dieser Waffen erlaubt. In der Öffentlichkeit ist dazu allerdings der „Kleine Waffenschein“ nötig. Das Schießen in der Öffentlichkeit ist jedoch – außer in Notwehr oder auf Schießständen – auch mit dem Kleinen Waffenschein verboten. „Das gilt auch an Silvester“, wie Pentrop betont. Generell gesetzwidrig ist das Führen von Waffen bei öffentlichen Veranstaltungen (Versammlungen, Demonstrationen, Theater, Kino, Fußballspiele, Jahrmärkte etc.). Verstöße können eine Ordnungswidrigkeit oder sogar eine Straftat darstellen, die mit Geldbußen bis hin zu Freiheitsstrafen geahndet werden.

Wer kann einen Kleinen Waffenschein beantragen?

Die Antragsteller, die sich an die für ihren Wohnsitz zuständigen Waffenbehörde wenden, müssen volljährig sein. Für Bönener ist das die Kreispolizeibehörde in der Oberen Husemannstraße in Unna. Auf der Internetseite der Polizei (unna.polizei.nrw) finden sich die Formulare online. Ein Antrag kostet 90 Euro, die auch bei negativer Prüfung im Vorfeld zu entrichten sind. Keinen Kleinen Waffenschein bekommen drogen-, alkohol, und medikamentenabhängige Menschen, Vorbestrafte, Leute mit schweren psychischen Störungen oder welche, die körperlich und geistig nicht in der Lage sind, mit Waffen in geeigneter Weise umzugehen. Auch Antragsteller, die ihren gewöhnlichen Aufenthalt nicht seit mindestens fünf Jahren in Deutschland haben, können abgewiesen werden.

Wie haben sich die Antragstellungen und die Genehmigungen von Kleinen Waffenscheinen in den vergangenen zehn Jahren im Kreis Unna entwickelt?

Von einer relativ kleinen, leicht steigenden Zahl an Erteilungen von Kleinen Waffenscheinen zwischen 2011 und 2015, gab es 2016 einen regelrechten Boom. Danach ging es vier Jahre wieder deutlich zurück. Im Vergleich zum Januar 2020 sind im ersten Monat diesen Jahres laut Pentrop „ein vermehrter Eingang“ zu verzeichnen.

JahrErteilungenAnträge*
201135
201237
201367
201496
2015126
201610721141
2017429431
2018211255
2019315314
2020172192

*Erst ab 2016 wurden auch die Anträge erfasst.

Insgesamt gab es im Kreis Ende der vergangenen 3268 Personen mit Kleinem Waffenschein (2019: 3150). Davon besitzen 30024 nur den Kleinen Waffenschein (2019: 2912). Die anderen verfügen über weitere waffenrechtliche Erlaubnisse, zum Beispiel eine Waffenbesitzkarte.

Wie ist diese Entwicklung zu erklären?

Der außerordentliche Anstieg im Jahr 2016 hängt nach Expertenmeinung unmittelbar mit den Geschehnissen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof zusammen. Für Polizeihauptkommissar Pentrop stehen die Anträge von Kleinen Waffenscheinen „konträr zur tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung“. Gewaltdelikte hätten in Deutschland kontinuierlich abgenommen, „aber tendenziell fühlt sich der Bürger subjektiv immer unsicherer“, sagt Pentrop. Seiner Meinung nach liegt das daran, dass die Menschen durch allgegenwärtige Medienberichte viel von Gewalttaten hören würden, aber nicht mehr selektieren, ob in der eigenen Wohngegend oder eigenen Stadt wirklich etwas beziehungsweise viel passiert.

Gab es Verstöße gegen das Waffengesetz?

Ja, die Zahlen sind aber eher gering. Im Kreis Unna lagen sie zwischen 2015 und 2019 (die Zahlen für 2020 werden erst Ende Februar veröffentlicht) zwischen 59 und 92, aufgeklärt wurden davon stets über 80 Prozent. Verboten sind seit 2003 auch sogenannte Butterflymesser und Wurfsterne.

In Bönen gab es nie mehr als sechs Fälle, 2019 sogar nur einen. Alle Vorfälle seit 2015 wurden aufgeklärt.

Verhelfen die SRS-Waffen zu einem Mehr an Sicherheit?

Pentrop sieht das kritisch und weist auf ein hohes Risiko bei der Benutzung einer solchen Waffe hin. Wer sich die vermeintliche Sicherheit durch ein solches Gerät wünsche, sei meistens ziemlich ungeübt. In Not- und Stresssituationen werde die Waffe dann nicht nur oft nicht gefunden, es könnte auch zu einer erheblichen Eigengefährdung kommen, weil die Funktionsweise nicht automatisiert ist. „Der Verteidigungsversuch scheitert schon einmal schnell an der in der Regel vorhandenen Sicherungstechnik der Waffe“, so Pentrop. Das Zeigen einer Waffe könne obendrein im schlimmsten Fall dazu führen, dass die Situation eskaliere und die Waffe gegen das Opfer eingesetzt werde. „Dasselbe gilt auch für den Einsatz von Reizgasen oder Pfeffersprays. Wer überprüft schon in einer Notsituation die Windrichtung, damit er sich nicht selbst außer Gefecht setzt“, erklärt der Polizist.

Was empfiehlt die Polizei Menschen, die ein Sicherheitsbedürfnis haben, anstatt einer Waffe?

Pentrop rät Menschen, die sich unsicher fühlen, lieber zur Teilnahme an Selbstbehauptungskursen. Hier stünden präventive Maßnahmen und persönliche Verhaltensregeln im Vordergrund, die helfen, unangenehme wie bedrohliche Situationen im Vorfeld zu erkennen und abzuschwächen. Außerdem seien Körpersprache und Selbstsicherheit entscheidend dafür, ob jemand Opfer wird oder nicht, verweist der Hauptkommissar auf wissenschaftliche Studien.

In einer Gefahrensituation sollten die Opfer deutlich auf sich aufmerksam machen, Menschen in der Nähe gezielt ansprechen und um Hilfe bitten. Zum Beispiel: „Sie in der blauen Jacke, helfen Sie mir und rufen Sie die Polizei!“ Berührungen und Bedrängungen sollten mit lauter Stimme und mit Hilfsmitteln begegnet werden. Bei Letzteren hat Pentrop allerdings nicht Pfefferspray, Schreckschusspistole und Co. im Blick, sondern die gute alte Trillerpfeife oder ein batteriebetriebenes Handalarmgerät.

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