Klaus Herbst zieht sich aus Bönener Kommunalpolitik zurück

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Klaus Herbst

Bönen – Viele Jahre lang galt das Gespann Rainer Eßkuchen und Klaus Herbst als Doppelspitze der Gemeinde. Herbst führte als Vorsitzender der SPD-Mehrheitsfraktion den Rat, Eßkuchen als Bürgermeister die Verwaltung. Gemeinsam setzten die beiden das durch, was ihre Partei für sinnvoll für Bönen erachtete. 2015 war dann Schluss mit dem Erfolgsteam. Eßkuchen trat zur Bürgermeisterwahl nicht mehr an, und nachdem die Kommunalwahl im Jahr zuvor der SPD eine heftige Schlappe beschert hatte, ging auch die Beziehung zwischen den Genossen und ihrem langjährigen Vorsitzenden in die Brüche. Seitdem sitzt Herbst als fraktionsloses Mitglied im Rat. Nach 36 Jahren in diesem Gremium und 41 Jahren in der Partei will der 67-Jährige sich nun aber aus der politischen Arbeit zurückziehen.

Der Kniefall von Warschau, die große Demutsgeste von Willy Brandt und überhaupt seine Ostpolitik hat viele Menschen tief beeindruckt. Einer davon ist Klaus Herbst. Motiviert von Brandts politischem Handeln trat er 1975 in die SPD ein. Ein, zwei Jahre lang war er „nur“ Mitglied. „Aber so gar nichts tun wollte ich nicht“, erzählt er. Also schloss er sich der Bönener Jungsozialisten-AG an.

„Wir haben in einem stinkenden Kohlenkeller an der Bahnhofstraße gesessen“, erinnert sich Herbst. Die hoch theoretischen Debatten, die dort geführt wurden, erfüllten ihn allerdings nicht. „Ich war kurz davor zu gehen. Aber da gab es noch andere, die statt zu diskutieren etwas vor Ort machen wollten.“ So lernte Klaus Herbst seine langjährigen Weggefährten kennen, Thomas Köster, Walter Teumert, Gerhard Schmidt und nicht zuletzt Rainer Eßkuchen.

Herbst wurde Vorsitzender der Juso-Gruppe. „Das Arbeiten im Team hat einfach Spaß gemacht“, schwärmt der heute 67-Jährige. Schnell hätte sich herauskristallisiert, wer von ihnen welche Stärken hat und wie sich diese konstruktiv einsetzen lassen. Klaus Herbst interessierte vor allem die Umweltpolitik, aber auch der Bereich Arbeitsstellen und Ausbildung. „Wir haben dann ein Grundsatzkonzept für die Kommunalwahl 1979 geschrieben. Dadurch haben auch die Älteren in der SPD gesehen, dass es da eine Gruppe von jungen Leuten gibt, die sich engagieren.“

Herbst wurde stellvertretender Ortsvereinsvorsitzender unter Hermann Hippler, im SPD-Ortsverband Bildungsbeauftragter. „Ich habe Seminare organisiert, den Wahlkampf und die „Bönener Blätter“ geschrieben.“ Zudem bemühte er sich darum, junge, motivierte Bönener für die politische Arbeit zu gewinnen. Das nötige Know-how brachte Herbst aus seiner beruflichen Laufbahn mit. Als gelernter Einzelhandelskaufmann absolvierte er über den zweiten Bildungsweg ein Betriebswirtschaftsstudium und war schließlich lange Zeit in der Erwachsenenbildung tätig, ab 2004 in der Arbeitsvermittlung beim Jobcenter.

Autobahnanschluss soll Ansiedlungen bringen

Noch als Zuschauer erlebte Klaus Herbst, wie die älteren Ratsmitglieder für den Erhalt der Zeche kämpften. „Und ich bin glücklich darüber, dass wir den Turm erhalten haben“, blickt er nun zurück. Ein anderes Thema war Anfang der 1980er Jahre jedoch dringlicher: Durch die Schließung der Schachtanlage in Altenbögge brachen mehr als 4000 Arbeitsplätze in Bönen weg. Die Kommunalpolitiker mussten eine Lösung finden, um den Einbruch der einst reichen Bergbaugemeinde abzufedern. Für Herbst, der ab 1984 zum Rat gehörte, stand fest: „Wir brauchen einen Autobahnanschluss!“ Dieser würde Bönen als Wirtschaftsstandort attraktiver machen und Unternehmen in den Ort locken. Ihm waren die Arbeits- und Ausbildungsplätze, die damit verbunden sind, eine Herzensangelegenheit.

Letztlich seien es die guten Beziehungen gewesen, die die Bönener SPD zum Landtag pflegte, die den A2-Anschluss möglich gemacht hätten. „Klaus Matthiesen brachte uns den Anschluss“, so Klaus Herbst. Der frühere Landesminister sei eine eindrucksvolle Persönlichkeit gewesen, zu der er eine gute, persönliche Beziehung hatte. „Überhaupt war es toll, dass wir so gute Verbindungen zu Land und Bund hatten. Dadurch konnten wir in Bönen etwas bewegen.“ Neben Matthiesen nennt er etwa noch den ehemaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der von 2002 bis 2005 Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war und regelmäßig seine Genossen in seinem Wahlkreis in Bönen besucht hat. Zur ersten Ministerpräsidentin des Landes NRW hat Herbst sogar eine noch engere Beziehung. „Wir haben fünf Jahre lang zusammen gearbeitet.“

Dass sich das Industriegebiet am Mersch so entwickelt hat, wie es sich heute darstellt, freut Klaus Herbst, der seit 1998 Vorsitzender des Fachausschusses Planen, Bauen und Umwelt (PBU) der Gemeinde ist. „Das hätte damals keiner geglaubt.“ Er sieht dort aber auch die Kapazitätsgrenzen erreicht. Viel Platz für Neuansiedlungen gebe es zumindest im Bönener Bereich des Inlogparcs nicht mehr.

Und was ihm seinerzeit schon bewusst gewesen sei, war, dass es für immer stärker zunehmende industrielle Flächennutzung einen ökologischen Ausgleich geben muss. Den machte Herbst im Süden der Gemeinde aus. Trotz der aus wirtschaftlicher Sicht so erfolgreichen Entwicklung des Industriegebietes ist für ihn ein anderes Projekt, das er politisch begleiten durfte, fast noch bedeutender: die Renaturierung der Seseke. „Irgendwann war ich mit Rainer Eßkuchen und Klaus Matthiesen mit dem Rad unterwegs. Wir haben dann an der stinkenden Seseke gesessen und festgestellt, dass damit etwas passieren muss.“ Heute lieben Klaus und Brigitte Herbst es, an dem sich wieder in natürlichen Bahnen schlängelnden Fluss entlang zu radeln. „Klar war es mir wichtig, mit der Industrieansiedlung für Brot und Arbeit zu sorgen, aber die Renaturierung der Seseke ist das beste Ökologieprojekt des Landes“, stellt er fest.

So schaut er immer noch positiv auf mehr als vier Jahrzehnte SPD zurück, auch wenn das Ende seiner Mitgliedschaft für den seit 2016 fraktionslosen Ratsherren alles andere als glücklich war: 2014 verlor die SPD erstmals die absolute Mehrheit im Bönener Rat, ein Jahr später scheiterte die Bürermeisterkandidatur von Robert Eisler für die Genossen mehr als deutlich. Die Schuld an dem Desaster gaben viele der hiesigen Sozialdemokraten Bürgermeister Rainer Eßkuchen, der seine Entscheidung, nicht noch einmal für das Amt zu kandidieren, zu lange herausgezögert hat – und Klaus Herbst. Sie forderten ihn deshalb auf, freiwillig von seinem Fraktionsvorsitz zurückzutreten, den er seit 2004 innehatte.

Parteiausschluss trifft Herbst

„Es gab 2014 eine klare Aussage von mir, dass ich 2016 den Fraktionsvorsitz abgeben und mit dem Ablauf der Wahlperiode im Rat aufhören würde“, sagt er. Zwingen lassen wollte er sich aber nicht. Sieben Ratsmitglieder beantragten schließlich seine Abwahl, die Fraktion folgte. Zumindest größten Teils, denn Christiane Geiger-Caen, Wolfgang Menges und Hans-Ulrich Reiners erklärten sich solidarisch und folgten seinem Austritt. Für Klaus Herbst war es eine schwere Zeit. „Es wurde viel schmutzige Wäsche gewaschen und ich persönlich hart angegangen“, schildert er. Er bedauert, dass „seine“ Genossen nach der verlorenen Wahl viel zu lange über diese Schlappe lamentiert hätten, statt sich um aktuelle Probleme zu kümmern. „2015 kam schließlich die Flüchtlingswelle“, denkt er etwa an eine wichtige Aufgabe. Doch damit hätte sich die SPD im Ort gar nicht beschäftigt. 

Als besonders schmerzlich hat er das Parteiausschlussverfahren empfunden, dass gegen ihn eingeleitet wurde. „Es war wie ein Gerichtsverfahren. Wir mussten nach Düsseldorf kommen und hatten dann fünf Minuten Bedenkzeit, um zu entscheiden, ob wir wieder in die Fraktion eintreten und SPD-Mitglied bleiben wollen oder nicht.“ Die Option, SPD-Mitglied zu bleiben und keiner Fraktion anzugehören, wurde nicht geduldet. „Wir haben unsere Parteibücher abgegeben“, berichtet Herbst.

Im Rat sind die vier geblieben, Herbst leitet nach wie vor den PBU-Ausschuss als Vorsitzender. Zur Kommunalwahl am 13. September treten er und seine Mitstreiter als Einzelkandidaten aber nicht mehr an, auch wenn es die Möglichkeit mit einer Unterstützungsliste gibt. Und in eine andere Partei einzutreten kam für den 67-Jährigen nicht infrage, obwohl es Angebote gab, wie er sagt. Dafür ist er immer noch zu sehr Sozialdemokrat.

Die zusätzliche freie Zeit, die ihm sein Rückzug aus der Kommunalpolitik bescheren wird, weiß er wohl zu nutzen. Noch immer sitzt Herbst im Prüfungsausschuss der IHK, hat einen großen Garten, reist und radelt gerne. Und, wie sein großes Vorbild Willy Brand schon gesagt hat: „Die Zukunft wird nicht gemeistert von denen, die am Vergangenen kleben.“

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