Kirchenaustritt: Darum kehrt ein Bönener der Kirche den Rücken

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Die Kirche spielt für immer weniger Menschen eine große Rolle. Der Missbrauchsskandal hat zusätzlich dafür gesorgt, dass viele den Ausgang suchen und aus der Kirche austreten.

Bönen - Die Zahlen sprechen für sich: Die Kirchenaustritte in der katholischen Kirche sind durch die Missbrauchsdiskussion sprunghaft angestiegen. Auch die Pfarrei St. Barbara Bönen-Heeren bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont.

Im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres wurden in der Pfarrei 24 Austritte protokolliert, in der zweiten Hälfte 2018 stieg die Zahl um ein Drittel auf 35. Einer, der sich nach langem Ringen zum Austritt aus der katholischen Kirche entschlossen hat, ist der Bönener Dr. Maik Goth, der offen über seine Beweggründe spricht. 

Er will nicht nur still gehen, er will seine Gründe darlegen und zur Diskussion stellen. In einem offenen Brief an den Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker erläutert er seine Überlegungen und auch mit WA-Redakteurin Kira Presch sprach Goth über seinen Austritt aus der Kirche. 

Warum treten Sie aus der katholischen Kirche aus? 

Der Schritt ist überfällig. Seit Jahrzehnten bin ich entrüstet über die katholische Kirche, ihren hierarchischen Apparat, ihre Dogmen. Wie viele andere Katholiken, übrigens auch solche, die zu Atheisten geworden sind, konnte ich mich aber nicht offiziell von ihr lösen. Das liegt daran, dass das Sündenbewusstsein, das mir im Kommunions- und Firmunterricht eingetrichtert wurde, bestehen geblieben ist. 

Warum haben Sie diesen Zeitpunkt gewählt? 

Ich konnte es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, Mitglied einer überkommenen, aus Zeit und Moral gefallenen Kirche zu sein. Die im Rahmen des Krisentreffens im Vatikan angesprochenen und an die Öffentlichkeit gebrachten weltweiten Missbrauchsfälle waren dann der Katalysator für meinen Austritt. 

Der letzte Auslöser für Ihre Entscheidung war ein Brief von Erzbischof Hans-Josef Becker nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie. Warum hat Sie gerade dieser Brief darin bestärkt? 

Maik Goth

Ich habe persönlich nichts gegen Herrn Becker. Allerdings finde ich, dass der Brief eine Art Scheinkommunikation darstellt, weil er suggeriert, dass die katholische Kirche das Missbrauchsproblem seit Jahren im Griff habe. Das wirkt auf mich verharmlosend, denn der Missbrauch ist kein Problem unserer Zeit, sondern ein viele Jahrhunderte altes Symptom für die Missstände in der katholischen Kirche. 

Sie haben sich die Mühe gemacht, einen ausführlichen offenen Brief an Erzbischof Becker zu schreiben. Warum? 

Ich bin zu der Einsicht gelangt, dass man seiner Geschichte, seiner Haltung Stimme geben muss. Ich wollte meine Überzeugungen darlegen, dabei zwar sachlich argumentieren, aber eben auch meine Emotionen spürbar machen. 

Was versprechen Sie sich davon? 

Einen kleinen Beitrag zur kritischen Diskussion zu leisten. Jede einzelne Reaktion ist für mich wertvoll, besonders wenn ich merke, dass der Text zum Nachdenken anregt. 

Hat der Krisengipfel im Vatikan Ihrer Meinung nach etwas gebracht? 

Er hat zwar dafür gesorgt, Regelungen zu finden, um mit Missbrauchsfällen auf bürokratischer Ebene besser umzugehen. Aber das greift zu kurz, denn die katholische Kirche hätte sich von Grund auf selbst in Frage stellen müssen. Von diesem Versäumnis zeugen beispielsweise die verqueren Behauptungen Kurienkardinal Müllers, dass den Zölibat keine Schuld am Missbrauch treffe und dass es eine enge Verbindung zwischen Pädophilie und Homosexualität gebe. 

Was ist denn für Sie das wesentliche Problem des Katholizismus? 

Die heuchlerische Sexualmoral und die Doktrin der Erbsünde, die einen Teufelskreis aus Scham und Schuld hervorbringen. Der Zölibat trägt entscheidend dazu bei, denn er bringt Menschen darum, ein gesundes Leben in Einheit von Geist und Körper leben zu können. 

Haben Sie dafür ein Beispiel? 

Das beginnt bereits im Kindesalter. Um uns auf die erste Beichte vorzubereiten, wurde uns von unserem Pastor im Kommunionsunterricht erzählt, dass Gott unser schlechtes Gewissen sei. Und damit wir ordnungsgemäß beichten konnten, wurde uns beigebracht: Ihr sündigt in der Kirche, in der Schule, im Elternhaus, beim Spielen und dann, wenn ihr allein seid. Das war 1984, ich war acht Jahre alt. Bis heute erinnere ich mich an diese Formel und an meine Verlorenheit im Angesicht von Beichte und Sünde. Solche Indoktrinierung ist meiner Ansicht nach systematischer psychischer Missbrauch. 

Wie aktiv waren Sie selbst in der katholischen Kirche? Haben Sie versucht, Einfluss zu nehmen? 

Nein. Für mich ist die katholische Kirche eine Staumauer, die den Strom aus Zeit und Erneuerung aufhält, weil sie an überkommenen Vorstellungen wie dem Zölibat und der Minderwertigkeit der Frauen festhält. 

Was können gläubige Katholiken, was kann die Basis tun, damit sich die Dinge zum Besseren ändern? 

In gewisser Weise das, was Jesus Christus uns vorgelebt hat: mündig sein und seinen eigenen, schwierigen Weg gehen. Nicht mehr nur erdulden, sondern seine Stimme erheben. Traditionen und Rituale infrage stellen. Bibeltexte kritisch lesen. Meinung und Haltung zeigen. 

Was müsste sich Ihrer Meinung nach in der katholischen Kirche ändern, damit es wieder „Ihre Kirche“ wäre? 

Die katholische Kirche ist seit 30 Jahren nicht mehr „meine Kirche“. Eine Kirche, die über Jahrhunderte Menschen mit autoritären, hierarchischen, lebens- und lustfeindlichen Dogmen von ihr anhängig macht, kann nicht die meine sein. Ich selbst aber kann nach den Grundsätzen der Nächstenliebe leben und handeln.

Zur Person

Maik Goth (43) ist freiberuflicher Dozent und Referent für akademisches Englisch, Doktorandenmanagement und Kommunikation, sowie Musiker und Autor. Als promovierter Literaturwissenschaftler (Studium der Anglistik, Amerikanistik und Klassischen Philologie mit Schwerpunkt Latein) hat er viele Jahre in Forschung und Lehre an der Ruhr-Universität Bochum gearbeitet und sich auch intensiv mit theologischen Fragestellungen beschäftigt.

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