Textil-Discounter

Kik-Chef hofft auf baldige Lockerungen für den Handel

Die Europazentrale von Kik ist im Bönener Industriegebiet. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen allein in Deutschland rund 19.000 Mitarbeiter.
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Die Europazentrale von Kik ist im Bönener Industriegebiet. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen allein in Deutschland rund 19.000 Mitarbeiter.

Der Lockdown des Einzelhandels macht auch vor den Großen wie Kik nicht halt. Geschäftsführer Patrick Zahn bezeichnete das Verkaufsverbot als „fatal“.

Bönen – Als „fatal“ bezeichnet Patrick Zahn, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Kik Textilien und Non-Food GmbH, die ihre Geschäfte aus der Europazentrale im Bönener Industriegebiet betreibt, das schon seit Wochen greifende Verkaufsverbot aufgrund der Corona-Maßnahmen der Regierung. Im Podcast „Steingarts Morning Briefing“ sprach er in der vergangenen Woche über die aktuellen Auswirkungen, volle Lager, seine Sorge um die Arbeiter in den Entwicklungsländern – und warum der Online-Handel Textil-Discounter wie Kik nicht weiterbringt.

KikTextil-Discounter
SitzBönen, NRW
Mitarbeiter 19.000 (Deutschland)
GeschäftsführerPatrick Zahn

„Alles, was nach Ostern kommt, ist kritisch“, sagt Zahn im Podcast des früheren Chefredakteurs des Handelsblatts, Gabor Steingart mit Blick auf eine weitere Lockdown-Verlängerung: „Für uns ist es kritisch, ich weiß von vielen anderen, für die es tödlich ist.“ Kik habe in den vergangenen Jahren eine erhebliche Liquidität aufgebaut, wovon das Unternehmen nun zehre. Generell zeichnete der Vorstandsvorsitzende gegenüber Steingart allerdings ein verheerendes Bild von den Folgen des Lockdowns.

Kik-Chef über den Lockdown: Kein Umsatz in den Filialen - aber Kosten in Millionenhöhe

„Die Zeiten sind so intensiv im Management hier bei uns wie nie zuvor“, berichtet Zahn. Kik sei bis zum vergangenen Frühjahr ein „hocherfolgreiches Unternehmen“ gewesen, jetzt müsse sich die Geschäftsführung mit Themen wie Finanzierung auseinandersetzen.

Von der Zwangsschließung der Geschäfte ist Kik massiv betroffen. Denn auch ohne Umsatz laufen die Kosten weiter. Zahn nennt im „Morning Briefing“ Zahlen. So gebe der zur Tengelmann-Gruppe gehörende Konzern derzeit um die 13,5 Millionen Euro für Mieten und fast zwei Millionen Euro Nebenkosten im Monat für die rund 2.700 Filialen (mit 19.000 Mitarbeitern alleine in Deutschland) aus. Für die von der Regierung aufgelegten Überbrückungskredite käme Kik bei diesen Zahlen allerdings nicht in Frage.

Kik und der Lockdown: Onlinehandel keine echte Alternative

Der Einbruch des Verkaufs hat bei dem Textil-Discounter dazu geführt, dass sich Klamotten und Co. aufgrund der langen Bestellzeiträume überall stapeln. Die Lager sind voll. „Wir sind kurz davor, es dauert nicht mehr lange. Das ist schon eine sehr kritische Situation, wenn wir unsere Ware nicht mehr unterbekommen“, sagt Zahn.

Während die Einzelhändler im Lockdown darben und um die Existenz ringen, verzeichnet der Onlinehandel Rekordumsätze. Laut Zahn sei das Geschäftsmodell von Kik allerdings nicht so einfach ins Digitale zu transformieren. In dem Podcast erläutert er, dass 50 Prozent der Ware des Textil-Discounters, der vor Corona europaweit auf Expansionskurs war, auf Artikel entfalle, die 1,99 Euro und weniger kosten, 88 Prozent auf solche, für die Kik unter 6 Euro verlange. Diese sind jedoch laut Zahn zum Beispiel aufgrund der Versandkosten „kaum onlinefähig“.

Patrick Zahn ist seit 2016 CEO beim Textildiscounter Kik.

Kik und der Lockdown: Viele Bürger vom Onlinehandel ausgeschlossen

Außerdem besäßen fast sechs Millionen Bundesbürger, die auch zur Zielgruppe des Unternehmens zählen, wegen Schufa-Einträgen und Ähnlichem keine Kreditkarte, seien damit quasi vom Onlinehandel ausgeschlossen. Zu guter Letzt resultiere ein nicht zu vernachlässigender Teil der Umsätze aus sogenannten Impulskäufen, wenn der Kunde sich spontan zum Kauf entscheide.

Gerade einmal 40 Millionen Euro des bei 2,6 Milliarden Euro liegenden Jahresumsatzes entfalle auf das digitale Geschäft, sagt Zahn auf Nachfrage Steingarts.

Kik und der Lockdown: Mehr Armut in den Textil-Exportländern befürchtet

Er macht sich aber in dem Gespräch nicht nur Sorgen um das eigene Unternehmen. Am Verkauf von Kleidung hängen weitere Firmen – und damit Arbeitnehmer. Er erklärt dort auch über die Auswirkungen auf die Zulieferer und Produzenten in Entwicklungsländern: „Bis jetzt waren die Fabriken ausgelastet, aber wir merken, dass sich jetzt eine Entwicklung einstellt, die zu mehr Armut in den Ländern führen wird. Das ist unausweichlich.“

Er rechnet mit langwierigen Folgen für die Standorte und die dortigen Arbeiter. Zwar sei Kik mit den Firmen in regelmäßigem Kontakt, doch vor Ort, um die Einhaltung sozialer Standards und die Sicherheit der Gebäude zu überprüfen, sei seit fast einem Jahr niemand mehr gewesen, berichtet Zahn Steingart. Kik selbst war nach Katastrophen in Fabriken in Bangladesch und Pakistan zu Beginn der 2010er-Jahre in negative Schlagzeilen geraten und arbeitet seitdem mit Organisationen zusammen, die sich in diesen Ländern um Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen kümmern.

Kik-Chef Patrick Zahn: Zweiter Lockdown wiegt schwerer

Der zweite Lockdown, so macht es Zahn in dem Podcast deutlich, sei schwerwiegender für die Lieferketten als der erste. Als im Frühsommer die Geschäfte wieder öffneten, habe es Nachholeffekte gegeben, nun im Winter gebe es deutlich mehr Verschiebungen und Stornierungen. „Wenn Sie nicht verkaufen, können Sie ihre Jahresvolumina nicht abnehmen. Wir versuchen, Lösungen zu finden, wie wir gemeinsam die Probleme schultern können“, erläutert Zahn den Austausch mit den Produzenten.

Steingart fragt Zahn auch nach seinem Verständnis für die Lockdown-Maßnahmen. Der Kik-Vorstand unterscheidet daraufhin zwischen dem Beginn der Pandemie und der aktuellen Situation. Während er im Frühjahr 2020 die Geschäftsschließungen mit Blick auf die Ungewissheit in Bezug auf das neue Virus noch verstanden habe, reagiert er nun „erschüttert“ auf die Entscheidungen der Politik. „Wir fühlen uns schon etwas komisch behandelt, dass es gerade den Handel betrifft. Wir sind der Meinung, alles getan zu haben, um nicht der Infektionsherd zu sein, und den Zahlen nach waren wir es auch nicht“, sagt der Vorstandsvorsitzende. Eine Nachverfolgung bei den eigenen Mitarbeitern, so erläutert er im Gespräch mit dem Journalisten, habe zudem ergeben, dass die Zahl der Corona-Infektionen bei Kik unter dem Bundesschnitt liege.

Kik im Lockdown: Zahns drei Wünsche an die Kanzlerrunden

Jede Woche länger im Lockdown ist aus Sicht Zahns besorgniserregend. Steingart fragt ihn zum Abschluss nach seinen Wünschen für die Runden der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin, auf denen die Corona-Maßnahmen beschlossen werden. Derer hat er drei. Die Politik solle den Betroffenen zuhören und sich damit auseinandersetzen, wie die Konzerne mit in eine Öffnungsstrategie zu integrieren seien. „Wir haben alle Konzepte in der Schublade, die nachweislich funktioniert haben in der Vergangenheit, um infektionsfrei einkaufen gehen zu können.“ Außerdem mahnt Zahn „mehr Offenheit, Transparenz und Ehrlichkeit“ an, statt auf „Buzzer-Wörter“ wie die „Bazooka“ von Finanzminister Olaf Scholz zu setzen. Die Verantwortlichen sollten so ehrlich sein, auch mitzuteilen, dass sie „unsere Unternehmen ausgrenzen“ von Hilfsmaßnahmen.

Zu guter Letzt fordert Zahn mehr Nähe zu den getroffenen Entscheidungen ein. So habe er, um ein Beispiel zu nennen, beim Anschauen der Tagesschau das Gefühl, dass viele Politiker einen anderen Zugang zu Frisören als er und seine Familie hätten.

Der Podcast von Gabor Steingart ist auch auf Spotify (https://open.spotify.com/show/3tMwolVmLPxyXuZPQu26kQ) und itunes (https://podcasts.apple.com/de/podcast/steingarts-morning-briefing-der-podcast/id1428670057) zu hören.

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