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Kaum noch Gebrauchtwagen: Dominoeffekt trifft Autohändler in Bönen

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Von: Markus Liesegang

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Autohändler Autos Parkplatz
Susanne Garske vom Autohaus an der Bahnhofstraße registriert erstaunt, dass Gebrauchtwagen derzeit sehr schnell verkauft werden können – wenn sie denn überhaupt welche bekommt. © Liesegang Markus

Ohne Mikrochips geht kaum etwas beim Autobau und genau diese Chips sind derzeit Mangelware. Das bekommen auch die Bönener Autohändler zu spüren. Von den langen Lieferzeiten bei Neuwagen sind sie zwar weniger betroffen. Dafür sind Gebrauchtwagen aktuell nur schwer zu bekommen.

Bönen – Der Automarkt hat ein Problem: Chipmangel sorgt für lange Wartezeiten bei Neuwagen aller Fabrikate. Motorsteuerung, Sensoren, Klimanlage oder die so genannte Konnektivität, also die Vernetzung des Automobils mit Smartphone und Tablet – die komplette Funktionalität hängt von Mikroprozessoren ab. Keine Neuwagen heißt aber auch: keine Gebrauchten. Das Altauto wird solange weitergefahren, bis der Neue vor der Tür steht. Ein Dominoeffekt, mit dem auch Autohäuser und Fuhrparkmanager in Bönen zu tun haben.

„Wir sind ja ein eher kleiner Händler und merken es nur bedingt“, sagt Susanne Garske, vom gleichnamigen Autohaus an der Bahnhofstraße. „Der Neuwagenverkauf läuft bei uns eher nebenbei. Wir leben von der Werkstatt.“ Allerdings seien die über einen Händler georderten Volkswagen in Verzug. „Bis auf eins, das wir tatsächlich noch dieses Jahr ausliefern, sind alle Bestellungen auf 2022 verschoben worden.“ Viel schlimmer sei, dass überhaupt keine Gebrauchten zu bekommen sind. „Wir haben drei, vier auf dem Hof gehabt. Dann kommt ein Kunde, sieht eins, deutet drauf und fordert: Bitte wegfahren, nehm ich sofort! Ohne dass wir über die Modalitäten reden“, staunt Garske.

Kleinwagen kaum zu bekommen

Ausnützen würde das Bönener Autohaus die Situation nicht. Die höheren Preise der Gebrauchten auf dem Markt müssten zwar weitergegeben werden, einen Aufschlag angesichts des geringen Angebots gebe es aber nicht. „Das können wir unseren Kunden, die meisten sind ja Stammkunden, nicht zumuten.“ Rabatte gebe es bei Garske sowieso eher in Form von Sonderausstattungen oder per Gutschein für den nächsten Tüv-Termin. „Das ist natürlich auch Kundenbindung.“

Ein Problem sei, dass viele Kunden einen Kleinwagen ordern wollen. „Und da ist nichts da.“ Oder sie würden als Alternative einen Gebrauchten unter 5000 Euro suchen. „Aber das lohnt für uns nicht, wir geben ja auch noch Garantie“, so die Tochter von Geschäftsführer Georg Garske.

Neukunden von außerhalb machte sie in letzter Zeit vor allem im Servicebereich aus. „Vielleicht liegt es an Corona, viele scheinen mit ihren Autohäusern unzufrieden.“ Ersatzteile seien noch kein Problem. Es sei denn, es geht um ein Steuergerät. „Da hatten wir tatsächlich einen Fall, VW hat aus Kulanz für die Wartezeit einen Leihwagen gestellt“, erzählt Garske.

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Leerer Parkplatz: Auch beim Autohaus Funke in Nordbögge sind Gebrauchtwagen Mangelware. © Liesegang Markus

Selber ins Neuwagengeschäft einsteigen, vielleicht mit Blick auf den europäischen Markt, ist den Bönenern zu riskant. „Wenn ich mir für viel Geld Autos auf den Hof stelle, darf kein Ladenhüter darunter sein“, erklärt Garske.

„Ich bin froh, dass ich kein Händler bin“, sagt auch der Nordbögger Heinrich Funke. Der Inhaber der Fordwerkstatt an der Hammer Straße sieht sich als Agent, vermittelt Fahrzeuge des Konzerns an seine Kunden. „Das, was die im Augenblick haben, ist nicht gefragt“, begründet er. „Wir leben vom Service, der Neuwagenverkauf ist das Sahnehäubchen“, erklärt er seine Profession.

Nicht Torte, sondern Butterbrot herrscht momentan vor. Preise von Neuwagen seien nicht unbedingt höher, aber es gebe die beliebten Modelle einfach nicht. „Einen Fiesta könnte ich jede Woche verkaufen“, sagt Funke. Der gefragte Kleinwagen ist aus.

Lange Lieferzeiten auch bei Firmenwagen

„Die Hersteller reduzieren ihre Modellpalette, vermutlich um Entwicklungskosten zu sparen angesichts neuer Herausforderungen wie Elektro- oder Hybridfahrzeuge“, meint der Nordbögger. „Der C-Max zum Beispiel lief super, die Produktion ist aber eingestellt. Dafür ist der Explorer, ein Hybrid-SUV mit über 400 PS zu bekommen. Den kauft hier aber keiner.“

Lieferzeiten seien vom Modell abhängig. „Je mehr Ausstattung, desto schwieriger zu bekommen“, ergänzt er. Ein Dreivierteljahr Wartezeit sei die Regel. Auch Funke stellte fest, dass Gebrauchtwagen Mangelware sind. Er begründet das mit der Verunsicherung der Kunden angesichts der Entwicklung der Technik. „Es sind ja nicht alle von E-Autos begeistert. Viele warten ab, fahren ihr altes Modell erst einmal weiter.“ Wer sich von seinen Kunden für einen Neuwagen entscheidet, sei in der Regel auch geduldig. „Durch Corona sind sie ja Kummer gewohnt.“

Die langen Lieferzeiten betreffen auch die Firmenwagen von Unternehmen. „Schön wär’s, wenn die Firmen bevorzugt werden würden“, sagt Ines Cordes, Büroleiterin beim in Bönen ansässigen Fuhrparkmanager Fleet-Service. Das Team vermittelt im Auftrag des Automobilclubs Europa Firmenwagen an Unternehmen. Cordes spricht ebenfalls von langen Lieferzeiten von bis zu einem Jahr. Bei Leasingfahrzeugen, die in der Regel 36 Monate gefahren werden, ist dann eine vorausschauende Planung von Nöten. Der nahtlose Übergang vom abgelaufenen Leasingvertrag in den neuen sei aber eine Sache der Autohäuser und der Unternehmen. Bisher seien ihr noch keine Probleme zu Ohren gekommen.

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