Pädagoge überzeugt mit neuen Wegen

Karsten Brill vom Marie-Curie-Gymnasium gewinnt den Deutschen Lehrerpreis

Karsten Brill vor dem MCG-Schild
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Karsten Brill wollte eigentlich Journalist werden, studierte ein Semester Publizistik. Erst später fand er heraus, dass seine Berufung im Klassenzimmer liegt.

Jetzt ist es amtlich: Einer der zehn besten Lehrer Deutschlands heißt Karsten Brill und unterrichtet Deutsch und Englisch am Marie-Curie-Gymnasium in Bönen. Seine Schüler hatten ihn für den Deutschen Lehrerpreis vorgeschlagen, wo er unter 6400 „Konkurrenten“ überzeugte.

Bönen – Es wäre feierlich geworden am Dienstag in Berlin. So feierlich, dass Karsten Brill sich dafür vorsorglich einen neuen Anzug gekauft hat. Doch die Verleihung des Deutschen Lehrerpreises wurde im vergangenen Jahr erst auf dieses verschoben und jetzt pandemiebedingt ins Internet verlegt. Der Anzug kann im Schrank hängen bleiben. An der Freude, die der Pädagoge über die besondere Auszeichnung empfindet, ändert sich dadurch aber nichts. „Es ist eine große Ehre, gerade weil der Preis von Schülern vergeben wird. Über so ein tolles Feedback freue ich mich natürlich“, sagt der Lehrer des Bönener Marie-Curie-Gymnasiums. „Es macht mich stolz.“ Die Preisverleihung wird im Internet auf der Seite www.lehrerpreis.de, über Youtube und Facebook gestreamt.

Feiern will der Preisträger auf jeden Fall. „Die 500 Euro Preisgeld habe ich den Schülern versprochen. Die hauen wir gemeinsam auf den Kopf“, erzählt er. „Wenn sie schon keinen Abi-Ball oder eine Abi-Feier hatten, dann können wir uns vielleicht wenigsten irgendwo in einem Biergarten zusammensetzen“, wünscht sich der Pädagoge. Zu verdanken hat er den Preis zwei Hauptinitiatoren aus dem letztjährigen Abschlussjahrgang und ihren Mitschülern. Zumindest haben sie die Nominierung auf den Weg gebracht und den Organisatoren und Jurymitgliedern eindrücklich klar gemacht, warum Brill für sie der beste Lehrer ist.

So, wie man sich einen Lehrer vorstellt

„Herr Brill ist meiner Meinung nach das, was sich jeder Schüler als Idealbild eines Lehrers vorstellt“, heißt es da in der Bewerbung an die Heraeus Bildungsstiftung und den Deutschen Philologenverband. Oder: „Es gab für mich nicht einen einzigen Tag, an dem ich dachte ‚och ne, heute haben wir Deutsch oder Englisch’, weil der Unterricht trotzdem Spaß gemacht hat, selbst wenn das Thema gerade nicht das Beste war.“

Dass der 46-Jährige bei über 6400 Vorschlägen von Schülern und Lehrern aus dem gesamten Bundesgebiet am Ende auf der Liste der zehn „Ausgezeichneten Lehrkräfte“ steht, liegt demnach wohl in erster Linie daran, dass er tatsächlich ein ausgezeichneter Lehrer, ein echter Pädagoge ist.

Ein spezielles Vorbild hat der Unnaer dafür nicht. „Ich hatte selber sehr gute Lehrer, und alle waren unterschiedlich. Ich denke, jeder muss seinen eigenen Weg finden.“ Karsten Brill hat sein Abitur am Pestalozzi-Gymnasium in Unna gemacht, mit einem Schnitt von 2,0. „Ich war ein guter Schüler, aber kein Überflieger“, erzählt er. „In Kunst und Sport war ich nie gut, und mein Herz hat auch nicht für die Naturwissenschaften geschlagen.“

Auch mal Umwege gehen, um sein Ziel zu erreichen

Wohl aber für Sprachen: Nach dem Abschluss entschied er sich deshalb für die Studienfächer Deutsch und Englisch, allerdings zielte der Unnaer nicht sofort auf das Lehramt ab. „Ich habe ein Semester Publizistik studiert, weil ich dachte, Journalismus wäre etwas für mich.“ Während des Studiums ging er jedoch für ein Jahr nach England und arbeitete an einer Schule als Fremdsprachenassistent. „Danach war für mich klar, dass ich Lehrer werde. Es hat mir Spaß gemacht, und es kam dabei von den Schülern auch etwas herüber“, schildert Brill.

Zunächst arbeitete er aber noch in den USA an Schulen und Colleges, studierte ein paar Semester Spanisch und verbrachte mehrere Monate in Madrid. „Das ist auch etwas, was ich meinen Schülern vermitteln möchte: Es gibt ihn nicht, diesen ganz schnurgeraden Lebensweg. Man muss mit 15 Jahren noch nicht wissen, was man später machen möchte. Man muss erst mal etwas ausprobieren und geht oft Umwege“, so der Gymnasiallehrer. Nach fast 16 Jahren im Schuldienst, davon knapp drei am Bönener MCG, fühlt er sich angekommen. „Ich bin sehr zufrieden mit meinem Beruf, er gefällt mir nach wie vor.“

Auch Mal den Blick über den Tellerrand wagen

Das liegt unter anderem daran, dass er sich einen Begriff der „Allgemeinen Dienstordnung (ADO) für Lehrer“ zu eigen gemacht, wie er sagt. Es geht um die „Pädagogische Freiheit“. „Die nehme ich mir heraus. Ich entscheide, wie ich meinen Unterricht gestalte“, sagt Karsten Brill. Und das führt eben dazu, dass die Schüler in seinen Stunden selten Langeweile haben. Der 46-Jährige findet immer wieder neue Themen, Ansprechpartner und Inhalte, mit denen er die Jugendlichen für seine Fächer Deutsch und Englisch begeistern kann – stets mit einem offenen Blick über den Tellerrand.

„Ich bin ein großer Fan davon, externe Experten in den Unterricht zu holen oder dorthin zu fahren, wo die Schüler jemanden treffen können, der ihnen einen anderen Hintergrund bietet.“ Das waren zum Beispiel die kanadische Eishockeylegende Willie O‘Ree, der als erster schwarzer Spieler das Eis der National Hockey League betrat, Experten der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa oder die kanadische Konsulin Lee-Anne Hermann. Sie alle holte Brill per Videokonferenz ins Klassenzimmer, damit seine Englischschüler sich mit ihnen austauschen konnten.

Auch so kann Unterricht sein: Karsten Brill motivierte seine Schüler im vergangenen Jahr dazu, für den weltweiten Wettbewerb „The U.S. Embassy School Election Project 2020“ Prognosen zur US-Wahl abzugeben.

Außerdem ermunterte der Pädagoge die Bönener Gymnasiasten dazu, sich mit einem Blog zum Thema Nachhaltigkeit für einen amerikanischen Umweltpreis zu bewerben, den sie dann auch gewonnen haben. Sie gratulierten der Queen zum Geburtstag und schrieben nach Brills Anregung im Deutschunterricht an Angela Merkel. Prompt kamen Antworten aus dem Buckingham Palace und dem Berliner Kanzleramt. Der Pädagoge lud die US-Generalkonsulin Fiona Evans ins MCG ein und motivierte Acht- und Elftklässler im vergangenen Jahr dazu, für den weltweiten Wettbewerb „The U.S. Embassy School Election Project 2020“ Prognosen zur US-Wahl abzugeben.

Reichlich Ideen für den Unterricht

Ideen für einen spannenden Unterricht hat er also reichlich. Manchmal tragen Schüler Wünsche an ihn heran oder er liest, hört und sieht Dinge, von denen er denkt, sie könnten seine Zöglinge genauso interessieren. „Ich habe einfach keine Scheu nachzufragen. Mehr als nein sagen können sie ja nicht“, erklärt der engagierte Pädagoge. So kommt er immer wieder an ungewöhnliche Gesprächspartner oder Exkursziele. „Und ich habe keine Angst davor, dass etwas schief geht. Ich probiere es einfach aus – und vieles stellt sich als gut heraus.“

Natürlich erfindet Brill nicht für jede Schulstunde neue Inhalte. „Ich habe auch so eine Schublade“, sagt der Unnaer. Texte, die er für gut und wichtig hält, werden zum Beispiel in verschiedenen Jahrgängen durchgenommen und nur bei Bedarf aktualisiert. „Aber man muss sich genauso trauen, neue Sachen zu machen.“

Seinen Schülern neue Horizonte zu eröffnen, ist ihm ein ganz großes Anliegen. „Zu erfahren, dass ehemalige Schüler von mir sich trauen, ihren eigenen Weg zu gehen, das ist für mich der größte Erfolg als Lehrer.“

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