VHS Kamen-Bönen bietet Kurse für Analphabeten 

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Emel Liebetrau unterrichtet seit fast zehn Jahren Erwachsene im Schreiben und Lesen.

Bönen/Kamen - Sie leben in einer Welt ohne Worte. Zwar können sie sprechen und hören, lesen und schreiben aber kaum. Schätzungen zufolge gibt es circa 7,5 Millionen „funktionale Analphabeten“ in Deutschland. Sie erkennen zwar einzelne Buchstaben und Wörter, sind aber nicht in der Lage zusammenhängende Texte zu verstehen. Eine Chance, das zu ändern, bieten die Deutschkurse für Erwachsene bei der VHS Kamen-Bönen mit Emel Liebetrau.

Oft sind es Männer im mittleren Alter, Familienväter, berufstätig. Durch die Schule sind sie irgendwie durchgerutscht, haben anschließend eine qualifizierte Ausbildung gemacht, im Handwerk vielleicht. Sie führen ein ganz normales Leben. Ihre fehlenden Fähigkeiten können sie wunderbar vertuschen – meistens jedenfalls. „Früher war es nicht so wichtig, gut schreiben und lesen zu können. In der Berufsschule zum Beispiel hat niemand so darauf geachtet, wenn derjenige doch etwas konnte in seinem Beruf“, erklärt Emel Liebetrau. Damals wurde im Beruf auch nicht so viel dokumentiert. Das ist heute anders. Und plötzlich wird aus der „kleinen Schwäche“ ein massives Problem.

 „Als ich angefangen habe, hatte ich tatsächlich mal eine reine Männergruppe. Die Teilnehmer waren alle im Alter zwischen 30 und 50 Jahren“, erzählt die VHS-Dozentin. Fast zehn Jahre ist das jetzt her. Inzwischen hat Emel Liebetrau schon viele verschiedene Menschen kennengelernt, die bei ihr das Lesen und Schreiben lernen wollte. Die meisten, die in ihre Kurse gekommen sind, hatten zumindest Grundkenntnisse, kannten Buchstaben und konnten zumindest einsilbige Wörter erkennen. „Es gibt nur wenige, die gar nichts können“, erzählt die Kamenerin. 

An einen Fall kann sie sich dennoch erinnern, an eine Frau, die vor dem Krieg aus Jugoslawien geflüchtet ist. „Sie kam mit 14 Jahren hierher und war eigentlich noch zwei Jahre schulpflichtig. Aber irgendwie ist sie durchs Raster gefallen. Sie hat nie eine Schule besucht. Es gibt Menschen, die schlüpfen durch das System.“ Die meisten ihrer Kursbesucher waren aber zumindest auf einer Förderschule. „Dort war es vielleicht wichtiger, Dinge zu lernen, die sie zum Leben brauchen, wie etwa das Fahren mit dem Bus, einzukaufen oder zum Arzt zu gehen“, so Emel Liebetrau. Einige haben eine geistige Behinderung, eine seelische oder chronische Erkrankung oder sind schwere Legastheniker. 

Jeder Teilnehmer ist eine neue Herausforderung

Manche waren notorische Schulschwänzer, die mit Ach und Krach irgendwie das Alter erreicht haben, in dem die Schulpflicht endet. Außerdem kommen Migranten in die Deutschkurse für Erwachsene, die ganz unterschiedliche Kenntnisse mitbringen. Einige können selbst in ihrer Muttersprache kaum lesen oder schreiben. „Ich habe einen Schüler, 50 Jahre alt, der aus dem Irak kommt. Er ist seit zwei, drei Jahren hier und kommt sehr gut zurecht. Er ist aber schon in seiner Heimat nicht alphabetisiert worden. Ich kann mich also nicht auf arabischsprachiges Unterrichtsmaterial stützen, weil die Aufgabenstellung darin viel zu komplex ist“, erzählt Emel Liebetrau. Ihre Kurse seien aber keineswegs mit den Integrationskursen zu vergleichen, in denen die Zugewanderten Sprachzertifikate erwerben können. Und dann sind da noch diejenigen, die durchaus schreiben und lesen konnten, das jedoch durch einen Unfall oder eine Krankheit, etwa durch einen Schlaganfall, verlernt haben. Sie müssen wieder ganz von vorne anfangen.

Die Kursleiterin muss also jedes Mal schauen, wo bei jedem Einzelnen das Problem liegt, welche Grundkenntnisse er hat und was die Ursache für die mangelnden Fähigkeiten ist. „Manchmal habe ich drei verschiedene Arbeitsblätter dabei, weil der Stand bei den Teilnehmern so unterschiedlich ist“, erzählt die 48-Jährige. „Man wird sehr kreativ. Jeder Mensch, der zu mir kommt, ist eine neue Herausforderung.“ Eines ist aber bei fast allen gleich: Mit einem schnellen Erfolg ist nicht zu rechnen. In der Regel müssen die Schüler mehrere Kurse hintereinander besuchen, um einigermaßen sicher zu werden. Eine perfekte Rechtschreibung oder Grammatik ist dabei nicht das Ziel. Es ist schon ein Erfolg, wenn die Frauen und Männer Worte nach Gehör schreiben können. „Ich freue mich, wenn sie einigermaßen leserlich einen Einkaufszettel schreiben und den Brief vom Amt lesen können“, sagt Emel Liebetrau. 

Training für das Gehirn

Bei einer ausgeprägten Legasthenie, einer Lese-Rechtschreib-Schwäche, könne niemand erwarten, dass die Betroffenen dreisilbige Wörter flüssig lesen. „Das geht langsam, Schritt für Schritt. Ich arbeite mit ständigen Wiederholungen“, schildert sie. „Wir schauen uns ja auch Wörter an und wissen, was sie heißen, ohne dass wir sie wirklich lesen. Und so fangen auch die Leute in meinen Kursen an, Wörter zu erkennen und abzuspeichern.“ Ihr Angebot betrachtet Emel Liebetrau eher als Training denn als Unterricht. „So wie andere ihren Körper im Fitnessstudio trainieren, trainieren wir in den Kursen das Gehirn.“ Und so, wie viele ihren inneren „Schweinehund“ überwinden müssen, um sich ins Studio zu quälen, brauchen Analphabeten oft einen Anschub, um sich bei der VHS anzumelden. Das können Arbeitskollegen sein, die sie häufig zum Lesen auffordern, Betreuer, Familienmitglieder oder eine geänderte Lebenssituation: Plötzlich wird es wichtig, lesen und schreiben zu können. 

Viele Betroffene schämen sich, wie etwa ein Teilnehmer aus der Nachbarstadt. „Er ist extra zu mir in den Kursus nach Kamen gekommen, weil er anonym bleiben wollte. Nicht lesen und schreiben zu können, nimmt vielen das Selbstbewusstsein“, weiß Emel Liebetrau. Das will sie ihren Zöglingen nur zu gerne zurückgeben. „Ich hatte eine Tante, eine wirklich tolle Frau. Sie war hübsch, charmant und klug. Lesen und schreiben konnte sie nicht. Im Krieg und in der Nachkriegszeit war das auch nicht so wichtig. Da waren andere Fähigkeiten gefragt. Heute wird Lesen und Schreiben hingegen von der Gesellschaft vorausgesetzt.“ 

Natürlich sollen die Frauen und Männer in den Kursen möglichst beides lernen, aber eben auch, dass es andere, mindestens ebenso wichtige Fähigkeiten gibt. Wichtig ist, dass die Menschen freiwillig in die Kurse kommen. „Mit Zwang funktioniert es nicht. Ab und zu bekommen wir Teilnehmer vom Jobcenter geschickt, die keine Lust haben. Die fühlen sich wie früher in der Schule und brechen meistens wieder ab. Einige kommen allerdings später wieder, weil sie dann erst verstehen, wie wichtig das für sie ist.“ Und vielleicht auch, weil Emel Liebetrau den Menschen, die zu ihr kommen, ein Stück weit Selbstvertrauen gibt und Spaß am Lernen vermittelt. „Wir lachen immer viel in den Stunden“, erzählt sie. „Humor ist beim Lernen ganz wichtig.“

Bei der VHS anmelden

Die Volkshochschule Kamen-Bönen bietet ab sofort zwei Deutschkurse für Erwachsene an. Frauen und Männer ab 18 Jahren, die nie richtig oder gar nicht Lesen und Schreiben gelernt haben, sind darin willkommen. Ohne Stress und Zensuren können sie in kleinen Gruppen mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden ihre Rechtschreibung und Grammatik verbessern oder von Anfang an Lesen und Schreiben lernen. Interessierte mit und ohne Vorkenntnisse bekommen unter der Telefonnummer 0 23 07/9 24 20 51 weitere Informationen. 

Der Kursus für Anfänger beginnt heute um 9 Uhr im Evangelischen Familienzentrum an der Kämerstraße 36 in Kamen. Er läuft bis zum 28. Januar jeweils dienstags von 9 bis 10.30 Uhr. Wer schon einige Vorkenntnisse hat, für den ist der Kursus montags von 17.30 bis 19 Uhr in der Stadtbücherei Kamen geeignet. Anmeldungen nehmen die VHS-Mitarbeiter unter der oben genannten Telefonnummer, persönlich im Haus der Bildung, Bergstraße 13 in Kamen-Heeren-Werve oder auf der Internetseite www.vhs-kamen-boenen.de entgegen.

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