Jahrestag der Reichpogromnacht

Flucht, Mord und Exil: Nur wenige Erinnerungen an jüdische Familien in Bönen

Stolperstein Familie Kaufmann Zechenstraße 4
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Vom Herbstlaub verdeckt ist der Stolperstein für die Familie Kaufmann.

Heute jährt sich die Reichspogromnacht zum 82. Mal. Die jüdischen Bürger Bönens waren am 9. November 1938 bereits fast ganz aus dem Gemeindeleben verschwunden. Sie flohen, wurden ermordet oder gingen ins Exil. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde der Besitz der Juden durch Deutsche zerstört und Synagogen in Brand gesteckt. Jüdische Kaufleute hatten ihre Geschäfte in Bönen längst aufgeben müssen. Was aus den ehemaligen Besitzern geworden ist, entzieht sich in vielen Teilen der Forschung. Im Gemeindearchiv gibt es dazu aber immerhin einige wenige Informationen.

Familie Keil: Da wo sich heute an der Zechenstraße die Moschee befindet, betrieb die Kaufmannsfamilie Keil das erste Kaufhaus in Altenbögge, dass Laura und ihr Mann Adolf Keil 1910 gründeten. Laut Gerda Gnad vom Arbeitskreis Erinnerungskultur der Bürgerstiftung Förderturm Bönen kamen sie im gleichen Jahr aus Norddeutschland nach Bönen, um eine Existenz aufzubauen und eine Familie zu gründen. Ihre Töchter Gerda und Lisa wurden 1911 und 1915 in Altenbögge geboren. Nach Plünderungen während des Spartakistenaufstandes im Jahr 1919 ging die Familie nach Hannover. Adolf Keil erlitt einen Nervenzusammenbruch und verstarb 1930. Die jüdische Familie Friedenberg führte das Geschäft weiter, bis Laura Keil 1930 zurückkehrte.

Nur fünf Jahre später, im März 1935 musste sie das Geschäft endgültig aufgeben. Der Kaufmann Karl Tessnow übernahm es. Bis 1939 lebte Keil noch von ihrem Ersparten, dann floh sie nach Brüssel, wo sie versteckt in der Dachkammer einer christlichen Familie den Holocaust überlebte. Nach dem zweiten Weltkrieg ging Keil nach Israel. In Kfar Schmarjahn bei Tel Aviv lebte sie vom Geld ihrer Töchter. Gerda und Lisa waren mit ihren Ehemännern bereits 1934 bezeihungsweise 1936 Deutschland ins heutige Israel ausgewandert.

In den 50er Jahren versuchte Laura Keil finanzielle Wiedergutmachung zu erhalten. 1966 verstab sie. An der Zechenstraße 1 sind die Stolpersteine der Familie Keil zu finden.

Der Stolperstein der Familie Keil befindet sich direkt vor dem Eingang zur heutigen Moschee.

Familie Brandenstein: Sally Brandenstein wurde laut Gnads Nachforschungen 1879 in Hofgeismar bei Kassel als jüngstes von zehn Kindern geboren. 1906 kam er nach Altenbögge, um sich in der durch die Zeche ständig wachsenden Gemeinde mit der Eröffnung eines Manufakturwarengeschäftes eine Existenz aufzubauen. Im Gemeindearchiv ist ebenfalls einiges über Brandenstein festgehalten, dessen Stolperstein an der Bahnhofstraße 92 liegt. Er lebte als angesehener Bürger in Altenbögge und führte dort ein Geschäft mit mehreren Angestellten.

Der Bönener wohnte gemeinsam mit seiner seiner Frau Paula, geborene Richter, einer katholischen Frau aus Dortmund in einem Haus mit Garten. Kinder hatte das Paar keine. Im Erdgeschoss des Hauses befand sich ein Manufacturwarenladen. Die Räume der ersten und zweiten Etage waren an den Zahnarzt Dr. Ortlepp vermietet. 27 Jahre lang war er 1. Schriftführer des Männergesangsvereins „Einigkeit“ Altenbögge 1901. Aufgrund der politischen Situation legte er 1933 sein Amt nieder. Zudem war er Mitglied im Kriegerverein. Zur nächstgelegenen Synagoge in Kamen ging Brandenstein nach Angaben seiner Haushälterin Emmi Lappe nicht, da er dachte, dass ihm durch die Nazis nichts geschehe. Im ersten Weltkrieg war er Flieger, doch das schütze den Bönener nicht.

Brandenstein verließ mit nur einem kleinen Koffer in der Hand seine Heimat. Seine Frau Paula trennte sich laut Lappe aus politischen Gründen von ihrem Mann. Sie soll mit einem Herrn Wibbeling zusammen gewesen sein, der als Nazi bekannt war. Nach Archiveinträgen wurde Sally Brandenstein 1938 das letzte Mal in Hamm von seiner Haushälterin gesehen, als dort kurz zuvor die Synagoge zerstört wurde. Laut Gnad vom Arbeitskreis gelang ihm 1938 die Flucht nach Shanghai. Unter welchen Umständen er dort lebte und 1942 verstarb, ist laut Gnad nicht bekannt.

Familie Friedenberg: Carl Friedenberg und seine Frau Hanna hatten eine Tochter, mit der sie 1935 Bönen verließen. Liesel Dicke, eine Bönenerin gab einmal zu Protokoll, dass die Tochter Gisela hieß und sich die Familie in Holland versteckte und so den Krieg überlebte.

Familie Kaufmann: Die Schwestern Eva und Clara Kaufmann kamen als junge Frauen aus dem Rheinland nach Altenbögge. Auf der Zechenstraße eröffneten sie 1914 ein Wäschegeschäft. Die Zeche Königsborn kaufte hier beispielsweise die Arbeitskleidung. Von der Bevölkerung erhielten sie viel Respekt.

In Kapellen kam 1907 Evas unehelicher Sohn Karl zur Welt. Am 6. September 1938 floh der frisch Verheiratete mit seiner Frau nach Argentinien. Dort lebte er als Carlos Kaufmann. 1919 heiratete Clara den aus Gronau stammenden Kaufmann Adolf Poppert. Die gemeinsame Tochter Ruth erblickte am 5. August 1920 in Altenbögge das Licht der Welt. Ruth besuchte die Martin-Luther-Schule.

Eva und Clara mussten im Juli 1937 ihr Geschäft aufgeben und zogen nach Köln. Dort suchten sie vergebens Schutz in einer Synagogengemeinde. Familie Poppert gelang die Flucht nach England. Dort soll Clara später durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommen sein. Eva Kaufmann starb noch während des Krieges im polnischen Lodz, wohin sie und ihre Schwestern Elisa und Sybilla im Oktober 1941 deportiert wurden. Dorthin führen auch die letzten Spuren von Siegmund Poppert. Die Stolpersteine der Familie sind an der Zechenstraße 4 zu finden.

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