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Ist Schwimmunterricht in Gefahr, weil GSW die Wassertemperatur gesenkt haben?

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Von: Kira Presch

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Kinder im Schwimmbad
Sind 25 Grad Wassertemperatur unzumutbar? © Federico Gambarini

„Unzumutbar“ hieß es im Schulausschuss, weil im Rahmen der nötigen Sparmaßnahmen die GSW die Wassertemperatur auf 25 Grad abgesenkt hat. Wir wollen solidarisch sein und einen Sparbeitrag leisten“, sagt der GSW-Chef.

Bönen – Der Appell betrifft alle Lebensbereiche: Wir müssen Energie sparen, denn die Preise für Strom und Gas gehen durch die Decke. Die Gemeinschaftsstadtwerke Kamen, Bönen, Bergkamen haben die Konsequenzen gezogen und im Bönener Schwimmbad die Wassertemperatur im großen Schwimmbecken auf 25 Grad gesenkt. Das hat im Schulausschuss jetzt für Diskussionen gesorgt. Der Tenor: Das sei unzumutbar.

Annegret Berg, Leiterin der Goethegrundschule bemängelte: „Wenn unsere Kinder zum Schwimmunterricht gehen, ist das jetzt schon sehr kalt. Vereinzelt kommt es sonst vor, dass Kinder blaue Lippen haben, weil sie frieren, das kommt jetzt verstärkt vor.“

„Wir haben einen Lehrauftrag“

Auch ihre Kollegin Antje Anbring, Leiterin der Hellweggrundschule ergänzte: „Schwimmen steht bei uns auf dem Lehrplan und wir müssen dafür Bedingungen schaffen, dass die Temperaturen im Schwimmbad annehmbar sind. Wir sehen unseren Schwimmunterricht bei 25 Grad Wassertemperatur tatsächlich gefährdet, wenn Zweitklässler auf der Bank sitzen, weil sie das kalte Wasser nicht mehr aushalten. Das ist auf lange Sicht nicht tragbar. Wir müssen Schwimmunterricht geben, und dafür müssen wir ausgestattet sein.“

Ein Zuhörer meldete sich zu Wort, die Herabsetzung der Temperatur sei eine Zumutung für Kinder, die oft erst in der Grundschule schwimmen lernten. Er sei neulich bei 30 Grad Außentemperatur mit seinem Kind in der Schwimmhalle gewesen, berichtete der Vater, und habe gefroren. Auch die Übungsleiterin einer Aquasportgruppe habe ihm berichtet, die Senioren würden in der Schwimmhalle frieren.

Verwaltung soll Einfluss auf GSW nehmen

Er forderte die Verwaltung auf, Einfluss auf die GSW zu nehmen, das Temperaturabsenkungsprogramm zu überdenken und die Wassertemperatur wieder rauf zu setzen. „Die Kinder frieren und werden im Laufe des Vormittags nicht mehr warm, dann ist mit Erkältungen zu rechnen und mit Kindern, die nicht schwimmen lernen wollen“, argumentierte er.

Kinder im Schwimmkurs
Im Schulausschuss wurde diskutiert, ob der Schwimmunterricht für Bönener Schüler gefährdet ist, weil die GSW die Wassertemperatur um drei Grad herabgesetzt haben. © Friedrich Stark

Ute Brüggenhorst (SPD) erklärte, sie sei „erschrocken, dass die Temperatur abgesenkt worden ist. Für die Schüler empfinde ich das als Zumutung, wir nehmen den Kindern den Spaß am Schwimmen. Es kann nicht sein, dass ein nicht unerheblicher Prozentsatz junger Menschen das Schwimmen nicht mehr erlernt.“

Martina Thätner (Die Grünen) äußerte die Vermutung, dass es möglicherweise gar nicht an der Wassertemperatur von 25 Grad liegt, dass die Badegäste frieren, sondern an der Lüftung über dem Schwimmbecken. „Vielleicht kann man die ja abstellen.“

GSW wollen Solidarität zeigen

Tatsächlich müssten aus physikalischen Gründen Wassertemperatur und Umgebungsluft in einem bestimmten Verhältnis sein, so GSW-Chef Jochen Baudrexl auf Nachfrage des WA zu den Gründen, warum die Gemeinschaftsstadtwerke die Wassertemperatur inzwischen um drei Grad gesenkt haben.

„Wir haben schon im Frühjahr eine Entwicklung gehabt, wo viele Betreiber wegen der Preisentwicklung angefangen haben, Bäder zu schließen oder Wassertemperaturen abzusenken. Wir haben uns damals zunächst gegen das Absenken der Wassertemperatur ausgesprochen, weil es zunächst ,nur’ um Kosten ging. Als sich herausstellte, dass wir in eine Gasmangellage kommen könnten, und wir alle Solidarität zeigen sollten, um jede unnötige Kilowattstunde Gas einzusparen, damit die Speicher für den Winter gefüllt werden, haben wir gesagt: Auch wir haben eine Vorbildfunktion, auch wir senken auf angemessene Art und Weise den Verbrauch, um Gas zu sparen.“

Im kleinen Kinderbecken bleiben, so Baudrexl, unverändert 28 Grad wie bisher, nur im großen Schwimmbecken habe man die Temperatur um drei Grad von 28 auf 25 Grad gesenkt. „In diesen Krisenzeiten halten wir eine Temperatur von 25 Grad in einem Becken, in dem man sich bewegt, für zumutbar.“

Angemessenes Mittel in einer Krisensituation

Ist denkbar, dass das Bönener Schwimmbad ganz geschlossen werden muss? „Im Moment beschäftigt uns erst mal, wie brisant die Situation der Energieversorgung aktuell ist, inwieweit sind wir darauf angewiesen, Gas einzusparen, um über den Winter zu kommen“, so Baudrexl.

„Wir sind in einer krisenhaften Situation, wie wir sie nach dem Krieg noch nicht erlebt haben, und haben alle Angst davor, dass wir im Winter frieren müssen – da könnte man auf die Idee kommen zu fragen, wäre es zumutbar, die Bäder für eine Zeit lang ganz zu schließen. Mit Blick auf die Schulen und Vereine haben wir bisher diese Entscheidung nicht getroffen. Eine solche Entscheidung würden wir auch nur in Absprache mit den Kommunen treffen. Das Absenken der Temperaturen sehe ich da als ein mildes und angemessenes Mittel an, das einen Beitrag dazu leistet, im Winter genug Gas zu haben.“

KOMMENTAR: Sind wir alle Warmduscher?

Wir müssen Energie sparen, wo es geht, da herrscht noch Konsens. Aber wo, da wird es schwierig: Wasch’ mir den Pelz, aber mach’ mich nicht nass. Die GSW wollen mit gutem Beispiel vorangehen und Gas sparen – und ernten einen Sturm im Wasserglas, pardon, im Schwimmbecken.

Wir sprechen hier von 25 Grad Wassertemperatur in einem Sportbecken, in dem man sich bewegt. In Flüssen und Seen oder an Nord- und Ostsee erreicht man diese tropischen Wassertemperaturen auch im Hochsommer eher selten, dennoch baden viele Menschen darin – früher jedenfalls mal. Nun tauchen, berichten GSW-Mitarbeiter, in den Schwimmbädern schon Kinder in Neoprenanzügen auf, weil die Wassertemperatur um drei Grad gesenkt wurde. Sind wir alle zu „Warmduschern“ mutiert?

Angesichts dessen, was uns möglicherweise noch in diesem Winter in Sachen Gasmangel und Energiekosten bevorstehen könnte, erscheint mir das Lamentieren über Unzumutbarkeiten bei der Badetemperatur als Jammern auf hohem Niveau. Ganz abgesehen vom zügig fortschreitenden Klimawandel. Wenn wir Pech haben, müssen wir uns nämlich demnächst keine Gedanken mehr über die Wassertemperatur machen, weil die Bäder schließen müssen.

Vielleicht wäre grundsätzlich eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Schwimmbades eine gute Idee, die ein Stück Unabhängigkeit bedeuten würde. Die GSW sitzen mit ihrem Energiedachangebot ja quasi an der Quelle.

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