„Unter Polizeischutz zum Gottesdienst“

Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde im Kreis Unna spricht über Antisemitismus

Alexandra Khariakova ist Vorsitzende der jüdischen Gemeinde haKochaw für den Kreis Unna.
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Alexandra Khariakova kam 1995, nach dem Zusammenbruch der UdSSR, mit ihrer Familie nach Unna. Dort gründete sie später die jüdische Gemeinde haKochaw.

Kreis Unna – Immer wieder eskaliert die Gewalt. Im Mai ließ die radikale Hamas Raketen über Jerusalem und andere Städte Israels regnen, Israel reagierte mit mindestens gleichwertiger Gewalt. Der Krieg zwischen Israel und den Palästinensern schwelt seit Jahrzehnten, es geht um die Stadt Jerusalem, um das Westjordanland, um Unabhängigkeit und Identität. Weltweit entzünden sich daran aber auch Proteste, die zunehmend antisemitisch geprägt sind. Rechtsextreme, radikale Islamisten und Querdenker missbrauchen die Situation, um Hass auf jüdische Menschen zu schüren. Sie werden angegriffen und beleidigt – auch bei uns. Im Gespräch mit WA-Redakteurin Sabine Pinger erzählt die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde haKochaw für den Kreis Unna, Alexandra Khariakova, wie sie den wachsenden Antisemitismus erlebt.

Frau Khariakova, Sie sind als Jüdin in der UdSSR aufgewachsen. War Ihre Religion damals für Sie ein Thema?

Alexandra Khariakova: Als Kind habe ich gar nicht gewusst, dass ich Jüdin bin. Ich bin in der Sowjetunion aufgewachsen, da war das Judentum – wie auch das Christentum – quasi verboten. Wir waren alle gezwungenermaßen Atheisten. Nur zum Pessachfest hat meine Oma uns immer selbst gebackenes Matzenbrot gebracht. Ich habe dann mal gefragt, warum sie es nicht schicken kann. Der Grund war: Mein Vater war Offizier, und wenn bekannt geworden wäre, dass er Jude ist, hätte er Schwierigkeiten bekommen. Erst als ich älter war, war es für mich ein Anliegen, zur Synagoge zu gehen. Ich wollte wissen, was meine Wurzeln sind. Zwar stand in meinem Pass, dass ich Jüdin bin, aber mehr wusste ich bis dahin nicht über meine Religion. Ich musste alles erst lernen, die Gebete, die Regeln die Feiertage und so weiter.

Und wann haben Sie zum ersten Mal Antisemitismus erlebt?

Das war, als ich studieren wollte. Ich hatte meinen Abschluss an einem mathematischen Lyzeum gemacht und musste nun eine Eingangsprüfung in Mathematik und Physik absolvieren. Ich habe alle Aufgaben gelöst, doch die Prüfungskommission wollte sie nicht annehmen. Man hat mir gesagt, dass alle Aufgaben falsch wären, aber das waren sie nicht. Ich habe dann nicht genügend Punkte für die Aufnahme bekommen, weil ich als Jüdin dort nicht studieren sollte. Stattdessen haben sie mir empfohlen, nach Isreal auszuwandern, wenn ich studieren wolle.

Haben Sie darüber nachgedacht?

Nein, Israel kam für mich nie in Frage. Das Land war mir damals zu sozialistisch, und mein Mann ist Christ.

Dann sind Sie aber doch ausgewandert, nach Deutschland. Wie kam es dazu?

Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat der Antisemitismus in der Ukraine stark zugenommen. Auf Garagenwänden wurden Parolen geschrieben, alle Juden sollten nach Israel gehen. Und als das Internet sich verbreitete, gab es dort Listen wie ,Weißt du, dass dein Nachbar Jude ist?’. Es wurde immer schlimmer. Meine Cousine, die schon in Deutschland lebte und arbeitete, hat mir schließlich geraten, nach Deutschland zu kommen. Damals gab es ein Auswanderungsprogramm, das Helmut Kohl mit Michail Gorbatschow vereinbart hatte.

Sie wurden damals der Stadt Unna zugewiesen. Hat Ihre Religionszugehörigkeit dort bei Ihrer Ankunft in den 1990er-Jahren überhaupt eine Rolle gespielt?

Nein, überhaupt nicht. Wir sind sehr gut aufgenommen worden und haben viel Unterstützung erhalten, zum Beispiel von unseren Nachbarn. Und als wir später gesagt haben, dass wir eine Synagoge gründen wollen, haben wir sehr große Unterstützung bekommen von den Kirchen, den Politikern, aber auch von der Stadt und dem Kreis Unna. Wir waren immer willkommen – und sind es bis heute.

Und wann ist Ihnen aufgefallen, dass es in Deutschland nach wie vor Antisemitismus gibt?

Gespürt habe ich das, seit ich in Deutschland bin, also seit 1995. Da habe ich zum Beispiel Hakenkreuze auf dem jüdischen Friedhof entdeckt. In den 1990er-Jahren waren die Rechtsradikalen ja zudem sehr aktiv.

Inzwischen hat der Judenhass offensichtlich deutlich zugenommen. In den vergangenen Wochen haben wir erleben müssen, dass bei Kundgebungen gegen Israel Hassparolen gebrüllt wurden und Judensterne verbrannt wurden – bei uns in Deutschland. Wie erleben Sie diese Entwicklung?

Vor Kurzem habe ich eine Statistik von der Sabra, der Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit, Beratung bei Rassismus und Antisemitismus, bekommen. Demnach gab es im Mai 26 Veranstaltungen mit antisemitischem Hintergrund in NRW. Das ist besorgniserregend.

In dem Konflikt geht es um Land, um Grenzen und um die Staatlichkeit zweier Nationen – nicht um die Religion, oder?

Es hat eigentlich nichts mit der Religion zu tun. Aber in Deutschland und auf der ganzen Welt werden die Juden von den Antisemiten dafür verantwortlich gemacht. Und ich frage mich, wie das auf deutschem Boden passieren kann? Ich bin auch nicht immer einverstanden mit der deutschen Politik, aber deshalb reagiere ich ja nicht mit Hass. Und wenn ich die Bilder von den antisemitischen Demonstrationen sehe, frage ich mich, was dabei türkische Fahnen zu suchen haben.

Wer geht zu diesen „Veranstaltungen“?

Das sind Islamisten, Antisemiten und auch Querdenker.

Welche Auswirkungen hat das auf Ihre Gemeinde?

Seit Ende Mai steht die Polizei 24 Stunden am Tag vor der Synagoge.

Ist es das erste Mal, dass Sie sich so schützen müssen?

Nein, das erste Mal war im Oktober 2019, nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. Als ich damals davon gehört habe, bin ich sofort zur Synagoge gerannt und gleichzeitig mit der Polizei dort angekommen. Es ist schlimm zu wissen, dass dort Menschen getötet wurden.

Sie haben einen sehr hohen Zaun vor dem Gebäude, eine Schließanlage installiert und die Fenster mit Panzerglas ausgestattet. Und jetzt stehen dort bewaffnete Polizisten. Was empfinden Sie, wenn Sie diese Maßnahmen sehen?

Mein Vater war, wie gesagt, Offizier. Ich bin damit groß geworden, dass jemand Waffen trägt. Aber wenn ich sehe, dass die Polizisten vor der Synagoge Munition verteilen und unsere Leute unter Polizeischutz zum Gottesdienst gehen, ist das schon ein sehr komisches Gefühl.

Wie reagieren die Gemeindemitglieder darauf?

Es gibt Mitglieder, die nicht wollen, dass wir ihnen Post nach Hause schicken, auf der der David-Stern zu sehen ist. Sie wollen nicht, dass ihre Nachbarn erfahren, dass sie Juden sind. Wir hatten zum Beispiel eine Familie, die zwar immer bei der Organisation geholfen hat, aber nie zu den Veranstaltungen gekommen ist, zu der deutsche Gäste gekommen sind. Sie wollten nicht als Juden erkannt werden. Inzwischen hat sich das jedoch zum Glück geändert.

Sind Sie selbst schon einmal beleidigt oder angegriffen worden? Haben Sie, wie viele andere Juden hierzulande, als Vorsitzende einer jüdischen Gemeinde Drohmails oder Briefe bekommen?

Bislang habe ich nichts bekommen. Es reicht mir aber, wenn ich höre, dass andere so etwas bekommen. Das bereitet mir große Sorgen. Beleidigt wurde ich schon ein paar Mal. Einmal war es zum Beispiel ein polnischer Busfahrer, ein anderes Mal arabischstämmige Jugendliche. Die haben mich bei einer interreligiösen Veranstaltung angeschrien, dass sie Juden hassen.

Haben Sie Angst?

Nein, sonst hätte ich keine Synagoge gebaut. Ich fühle mich hier absolut sicher. Aber es ist natürlich ein unangenehmes Gefühl, eine Hilflosigkeit. Ich gehöre jedoch zu den Menschen, die 20 Minuten traurig sind und sich dann überlegen, was sie dagegen tun können.

Und was kann man tun?

Jeder von uns kann eine Kleinigkeit machen, dann wird es besser. Ich denke, wir müssen selbst etwas gegen den Antisemitismus unternehmen. Und das Beste dagegen ist, sich kennenzulernen. Deshalb haben wir die Menschen von Anfang an immer wieder zu Veranstaltungen in die Synagoge eingeladen. Meine Liebe gilt etwa der Musik, und so gibt es häufiger Konzerte bei uns, mit jüdischer Musik, aber auch mit anderer, klassischer zum Beispiel. Kontakt alleine ist allerdings zu wenig. Es muss jemand dabei sein, der Kenntnisse hat und diese vermittelt. Die Lehrer an den Schulen müssten zum Beispiel besser vorbereitet sein. Wir müssen die Jugendlichen erreichen, bevor sie zu antisemitischen oder islamistischen Veranstaltungen gehen. Dann ist es schwierig, mit ihnen in Kontakt zu kommen.

Dabei sollten die Jugendlichen doch eigentlich genug wissen. Die Judenverfolgung, der Völkermord während des NS-Regimes: All das ist doch Thema im Geschichtsunterricht. Reicht das nicht aus, um den Hass zu verhindern?

Wenn wir über das Judentum in Deutschland sprechen, dann immer nur über den Holocaust, nicht über unsere Geschichte, über unsere Kultur oder darüber, wie wir heute leben. Ich denke, wir sind nach Deutschland gekommen und deshalb dazu verpflichtet, dafür zu sorgen, dass das jüdische Leben hier weitergeht.

Und die Geschichte? So furchtbar sie ist – kann sie dabei helfen, den Hass abzubauen?

Ich bin unter anderem im Vorstand der Union progressiver Juden in Deutschland, einem Dachverband der liberalen jüdischen Gemeinden. Mit diesem Verband habe ich schon mehrere Reisen mit Jugendlichen begleitet, nach Auschwitz und Bergen-Belsen. Meistens waren christliche Jugendliche dabei, aber auch Flüchtlinge zum Beispiel aus Syrien. Ich war anfangs sehr besorgt, ob das klappt. Ich habe gedacht, sie hätten den Antisemitismus quasi mit der Muttermilch bekommen. Aber es hat geklappt. Die Jugendlichen haben zusammen geweint und gelacht. Für mich ist es eigentlich unerträglich, das Konzentrationslager zu besuchen, aber diese Reisen sind sehr wichtig.

Alexandra Kahariakova, Gründerin und Vorsitzende der jüdischen Gemeinde haKochaw für den Kreis Unna

Alexandra Khariakova wurde 1953 in Charkow, heute Charkiw, in der Sowjetunion geboren. Ihre Eltern waren zwar Juden, praktizierten ihren Glauben allerdings nicht. Sie selbst kam erst als Erwachsene dazu. Die Elektroingenieurin verließ nach dem Zusammenbruch der UdSSR 1995 gemeinsam mit ihrem Mann, einem Christen, und ihren beiden Kindern die Ukraine und gelangte per Zuweisung nach Unna. „Ich habe mich in Unna verliebt“, sagt sie heute. Die Stadt ist längst ihre Heimat geworden. Als Bauzeichnerin arbeitet sie seit Jahren bei der Stadtverwaltung, demnächst geht sie in Rente.

Dass es aber nicht allen russischsprachigen Migranten leicht fällt, sich einzuleben, stellte Alexandra Khariakova rasch nach ihrer Ankunft in Deutschland fest. „Sie kennen die Regeln nicht.“ Deshalb engagierte sie sich gemeinsam mit einigen Mitstreitern und mithilfe des Caritasverbandes ab Ende der 1990er-Jahre für deren Integration. „Die Menschen brauchten Informationen. Deshalb habe ich zum Beispiel Mitarbeiter des Jobcenters Kreis Unna, des Arbeitsamtes oder der Polizei eingeladen“, erzählt die 67-Jährige.

2003 gründete sie daraus den jüdisch kulturell-integrativen Verein Stern. „Das hatte zunächst nichts mit dem Judentum zu tun.“ Um aber Kontakt zu den Menschen aufzubauen, lud sie sie zunächst zum jüdischen Neujahrsfest ein. „Beim ersten Mal kamen gleich 65 Leute“, erinnert sich Alexandra Khariakova. Da wurde ihr bewusst, dass die Menschen offenbar das jüdische Leben brauchen, ihre Religion. Sie selbst fuhr damals mit Nachbarn zu einer jüdischen Synagoge in Dortmund, die allerdings orthodox ausgerichtet ist. „Mein Traum war es, eine eigene Synagoge zu bauen, hier in Unna.“

Angefangen mit einem Weinkelch und zwei Kerzenleuchtern gründete die Ingenieurin 2007 die jüdische Gemeine haKochaw für den Kreis Unna. Der hebräische Name bedeutet auf Deutsch Stern. HaKochaw gilt als Gemeinschaft liberaler Juden, die unter anderem die Gleichberechtigung von Frau und Mann achten. Geistlich betreut werden die rund 120 Mitglieder aus dem gesamten Kreis und der Umgebung heute von der Rabbinerin Natalia Verzhbovska aus Köln.

Als 2009 die evangelische Bodelschwingh-Kirche in Unna-Massen geschlossen wurde, bekam die Gemeinde die Möglichkeit, das Gebäude zu übernehmen. Mit viel Eigeninitiative und der Unterstützung der Kirchengemeinden, der Stadt und des Kreises wurde daraus 2010 die Synagoge, das neue Zentrum der Stern-Gemeinde.

2016 wurde ihr das Haus kostenlos übertragen, unter der Bedingung, dass es eine Synagoge bleibt. 2018 und 2019 wurde diese dann aufwendig renoviert. Als Vorsitzende der Gemeinde organisiert Alexandra Khariakova zahlreiche Veranstaltungen und Konzerte, führt Interessierte und insbesondere Schulklassen durch das Haus und erklärt dabei das jüdische Leben mit seinen Geboten, Riten und Festen. Sie ist zudem Vorstandsmitglied der Union progressiver Juden in Deutschland und unter anderem Mitglied des Interreligiösen Arbeitskreises Bönen. Die Unnaerin besucht Schulen und Organisationen, um sich gegen den Antisemitismus zu stellen. Wie das Miteinander gelingen kann, lebt Alexandra Khariakova jeden Tag selbst: Ihr Mann ist Christ, ihre Tochter konvertierte Muslima und ihr Sohn Jude wie sie. Er unterstützt seine Mutter in der Arbeit gegen Antisemitismus.

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