Ingeborg Reiners-Woch erzählt Geschichten von Bönener Flüchtlingen

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Ingeborg Reiners-Woch präsentiert ihr Buch „Angekommen in Bönen“, das Lebensgeschichten von Bönener Flüchtlingen erzählt und ab sofort erhältlich ist.

Bönen – „Angekommen in Bönen“ heißt ein Buch, das Ingeborg Reiners-Woch vom Verein Zuflucht.Bönen jetzt veröffentlicht hat. Darin stellt sie die Geschichten von Flüchtlingen vor, die nach einer oft abenteuerlichen Flucht eine neue Heimat in der Gemeinde gefunden haben.

Das Bändchen, das durch die Unterstützung von Sponsoren zustande gekommen ist, zeigt einen Querschnitt durch unterschiedlichste Herkunftsländer und Kulturen, Lebensgeschichten und Schicksale. Allen gemeinsam ist jedoch: Sie sind dankbar, hier leben und eine bessere Zukunft ansteuern zu können. 

Das Projekt startete im Juni 2019. „Im Januar 2020 konnte ich die fertigen Texte an Peter Pothmann übergeben, der sich um Gestaltung und Druck des Buches gekümmert hat“, erzählt sie. Möglich sei das Buch nur durch die Unterstützung von Sponsoren gewesen, betont Reiners-Woch. Die beiden Bönener Geldinstitute, das kommunale Integrationszentrum (KI) des Kreises Unna und das Erzbistum Paderborn haben zusammen die Summe von 3800 Euro für die Herstellungskosten zur Verfügung gestellt. 

Ängste vor dem Interview

Vorausgegangen waren ausführliche Interviews mit Flüchtlingen. „Wir haben uns in den Wohnungen und Unterkünften der Gesprächspartner getroffen, um in ihrer privaten Umgebung sprechen zu können“, erläutert Ingeborg Reiners-Woch. „Dabei herrschte bei vielen nach der Anfrage, ob ich mit ihnen ein Interview führen darf, zunächst eine gewisse Ablehnung oder Besorgnis.

Manche fürchteten Verfolgung oder Repressalien, wenn sie mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gehen würden. Einige fürchteten bei dem Wort Interview, es handele sich um eine Befragung, wie sie die Mitarbeiter des BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) durchführen, und dass davon abhänge, ob sie in Deutschland bleiben können.“ 

Die Flüchtlinge, bei denen die Vorbehalte und Ängste ausgeräumt werden konnten, standen Ingeborg Reiners-Woch dann bereitwillig Rede und Antwort. „Ein großes Problem war natürlich die Sprachbarriere“, erinnert sich Reiners-Woch. „Einige Flüchtlinge sprechen nach dem Besuch von Sprachkursen bereits recht gut Deutsch. Für andere Gespräche war ein Sprachmittler nötig. Eine große Hilfe waren mir Müzeref, die türkisch und kurdisch spricht, und Ywana, Schülerin am MCG, die aus dem Kurdischen und Arabischen übersetzte. Wir haben bewusst auf Profi-Dolmetscher verzichtet, weil das Gespräch so familiärer war.“ 

Vertrauen aufbauen

Das Vertrauen der Gesprächspartner zu gewinnen, war zunächst einmal wichtig. „Deshalb sind auch nur die Vornahmen und nur in Ausnahmen Portraits der Befragten im Buch zu finden“, erklärt die Autorin. Denn das, was viele Flüchtlinge zu berichten haben, wenn sie sich dem Frager vertrauensvoll öffnen, um über ihre ganz persönliche Geschichte zu sprechen, bringt oft schockierende Erlebnisse und Erfahrungen zutage. 

Ob Krieg, Zerstörung, Gefängnis und Folter, politische Verfolgung und der Tod von Familienmitgliedern oder „nur“ das Fehlen einer Existenzgrundlage in ihrer Heimat – die Gründe sind vielfältig, die Menschen antreiben, alles hinter sich zu lassen und Strapazen und Risiken auf sich zu nehmen, um nach Deutschland an einen sicheren Ort zu kommen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Das zeigt das Buch von Ingeborg Reiners-Woch ganz deutlich. 

Lebensgeschichten, die erzählt werden müssen 

Und das sei auch der Grund, warum sie sich ans Werk gemacht hat, um dieses Projekt zu realisieren. Denn die engagierte Bönenerin, die viele Flüchtlinge ehrenamtlich betreut, leidet sicher nicht unter Langeweile, wie sie betont. Aber sie wollte zeigen, wer die Menschen sind, die aus Syrien, Afghanistan, Eritrea oder Aserbaidschan zu uns kamen und uns vielleicht in der Fußgängerzone oder im Supermarkt begegnen. Sie fallen uns auf, viel mehr wissen wir aber meistens nicht über sie. 

Auf die Idee für das Buch kam sie in den Sprechstunden, die der Verein Zuflucht.Bönen seit fünf Jahren regelmäßig abhält. „Da erzählten die Menschen über ihre Geschichten, über Sorgen und Probleme. Da dachte ich, das sind Schicksale, die wir uns in unserer behüteten, privilegierten Welt gar nicht vorstellen können, das müsste ich mal aufschreiben. Wir kennen höchstens die Statistiken, wie viele Flüchtlinge aktuell in unserer Gemeinde leben“, sagt Reiners-Woch.

Keine Diskriminierung, aber auch kein Interesse 

Es gebe kaum Diskriminierung, wie ihre Gesprächspartner berichten, „aber es interessiert sich auch keiner für uns“. Interesse für die Menschen, die hier auch noch leben, will Reiners-Woch mit dem Buch wecken und Verständnis. „Die Gespräche fanden bei den Flüchtlingen statt und dauerten oft mehr als zwei Stunden“, berichtet Reiners-Woch. „Dabei habe ich immer wieder eine große Gastfreundschaft und Herzlichkeit erlebt. Tee wurde immer angeboten, oft aber auch ein gemeinsames Essen, obwohl die Menschen nicht viel haben.“ 

In der Nachbereitung schrieb sie die Geschichten auf und recherchierte die Hintergründe wie Geschichte und politische Situation im Heimatland. „Ich habe mir für jeden Gesprächspartner eine Doppelseite als Beschränkung auferlegt. Bei einigen Geschichten hätte ich viel mehr schreiben können“, sagt sie. Auch habe sie versucht, sachlich zu berichten und nicht zu emotional zu werden, schließlich handele es sich um eine Dokumentation. 

Frauen sind kommunikativer 

Die Mehrzahl der Interviewpartner im Buch sind übrigens Frauen, die sich oft auch ohne den Partner mit ihren Kindern durch den Alltag kämpfen müssen. Offensichtlich sind sie weltweit das kommunikativere Geschlecht. So unterschiedlich wie die Herkunftsländer sind auch die Geschichten. Da sind studierte Ingenieurinnen und Frauen, die kaum eine Schule besucht haben und in die Prostitution verkauft wurden. Die ganze Bandbreite des Lebens eben. 

Eine wichtige Erfahrung hat Ingeborg Reiners-Woch gemacht: „Niemand klagt über sein Schicksal.“ Auch wenn die Unterkünfte oft sehr spartanisch und die Lebensumstände schwierig sind in einem Land, dessen Kultur so ganz anders ist. Im Gegenteil: Die meisten seien dankbar, dass sie hier in Sicherheit leben können, und wollen möglichst schnell Deutsch lernen, um sich zu integrieren. Sie erkennen die einmalige Chance, schicken ihre Kinder zur Schule. 

„Die meisten sind tatsächlich angekommen in Bönen, fühlen sich hier wohl und wollen hier bleiben“, zieht die Autorin ihr persönliches Resümee und zitiert Abdulhanan und Naeima, ein Ehepaar aus Syrien: „Es ist alles so ruhig und so aufgeräumt.“

Info: Das Buch „Angekommen in Bönen“ ist für 5 Euro ab sofort im Buchladen Buch und Kunst (BuK) in der Fußgängerzone in Bönen erhältlich. Der Erlös kommt der Arbeit des Vereins Zuflucht.Bönen zugute.

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