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Bönener erinnert sich an die Entstehung des kleinen Naturreservarts in Altenbögge

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Von: Karl Löbbe

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Nach der Zechenschließung 1981 hat sich die Natur die Fläche zwischen Nordkamp und Zechenstraßen zurückerobert
Etliche Bäume werden für das neu Wohngebiet in Bönen weichen müssen © Robert Szkudlarek

Die Diskussionen um das geplante Bauvorhaben und damit um den Fortbestand des Naturwäldchens zwischen Zechenstraße und der Straße „Am Nordkamp“ im Westen nehmen Fahrt auf. Anrainer melden sich zu Wort, Leserbriefe sprechen von Sorgen um die Natur, Privatgespräche wägen das Für und Wider ab, potenzielle Bauherren bangen um ihre Planungen. Gelegenheit, einen Blick auf die Entstehungsgeschichte des kleinen Naturreservats zu werfen.

Günter Köhler, ehemaliger Bergmann und seit vielen Jahren in zahlreichen Funktionen in Sachen Naturschutz unterwegs, gilt als einer der besten Kenner in Sachen Flora und Fauna im Kreis Unna und darüber hinaus. Einer, der weiß, wovon er redet, wenn es um die Natur geht. Er kennt das Areal, um das sich die Diskussionen drehen, sehr gut.

Als Köhler 1951 mit 15 Jahren als Berglehrling auf der Zeche Königsborn III/IV begann, war an der Stelle des besagten Wäldchens nicht viel von Natur zu sehen. Der gesamte Komplex zwischen den beiden benannten Straßen war im Grunde eine einzige Werkstatt, in der verschiedene Gewerke dem Zechenbetrieb zuarbeiteten. Inmitten dieses Handwerkerareals mit seinen staubigen Aschewegen stand die zecheneigene Werkshalle. Der große Flachbau war bis Anfang der 1980er Jahre Zentrum großer und kleiner Veranstaltungen.

Die Halle war Konzerthaus, Boxarena, Tischtenniscamp und Übungsraum für das berühmte Werksorchester mit Tambourmajor Heinz Müller. Sie stand verschiedenen Vereinen und Verbänden für Feste und Feiern aller Art zur Verfügung. Dazu kamen die Werkstätten: Schmiede, Schlosserei, Schuhmacher, Schneiderei, Fahrradreparatur und Fahrradschuppen. Schließlich kamen etliche Bergleute mit dem Rad zur Arbeit.

Fundamente noch im Erdreich

An der Zechenstraße, gegenüber der roten Ziegelmauer, stand das imposante Verwaltungsgebäude der Schachtanlage Königsborn III/IV mit dem Ledigenheim für alleinstehende Zechenangehörige. Daneben, Richtung Schwarzer Weg: die Gaststätte von August Goerdt und das rote Eckhaus am Ende der Zechenstraße. Im Bereich der ersten sechs Häuser am Nordkamp, die um 1949 bezogen wurden, gab es eine Reihe von Baracken. Während des Krieges hatten sie Zwangsarbeitern als Unterkunft gedient, nach 1945 Flüchtlingen als Behelfsräume. Anfang der 1960er Jahre wohnten dort erste türkische Gastarbeiter, die auf der Zeche Arbeit gefunden hatten.

1982/83 wurden die Gebäude abgerissen. Einzig das rote Eckhaus (Zechenstraße/Schwarzer Weg), die Gaststätte – heute das alte Bethaus der Baptistengemeinde – und die sechs Nordkamp-Häuser blieben als Wohnbebauung.

Köhler weiß es noch genau: „Nachdem der Schutt abgeräumt worden war, wurde das Gelände mit Waschbergen aufgefüllt, etwa einen Meter hoch. Die Fundamente der Bauten sind sicher noch unten. Danach wurde es sich selber überlassen.“

Der Bönener Günter Köhler (links) hat die Entwicklung des Naturreservats von Anfang an miterlebt
Anwohner Willi Kraus und Naturschützer Günter Köhler (links)sorgen sich um das Biotop in Altenbögge © Löbbe Karl

Beinahe folgerichtig entstanden zunächst zahlreiche Trampelpfade, die den Weg von der Zechenstraße zum Nordkamp oder umgekehrt verkürzen halfen. Das seit 1983 brach liegende Klöckner-Grundstück wurde zunehmend als wilde Müllkippe benutzt. Dies ist auch einem Artikel im Westfälischen Anzeiger von 1990 zu entnehmen. Es heißt, dass Klöckner auf dem Gelände eine Wohnbebauung vorgesehen hatte. Aber: „ … die überhaupt nicht ins Konzept der Gemeinde Bönen passt. Bekanntlich ist in diesem Bereich eine großzügige Grünanlage geplant, … die im Flächennutzungsplan festgeschrieben ist…“. Man sei nicht bereit, von den (eigenen) Vorstellungen abzuweichen: „Wir halten an der Grünanlage fest“, so der damalige Gemeindedirektor Alfred Schmiedel.

Während sich die Bäume und Sträucher am Rande der Nordkamp-Gärten weiter entwickelten – inzwischen sind sie 70 Jahre alt–, musste sich die Natur das Gelände zurückerobern. Besser: Sie beschloss etwas Neues zu schaffen. Waren über viele Jahre Zweckbauten, die schwarze Asche auf den Wegen und Schlacke ortsbestimmend, boten jetzt die wärmehaltenden Waschberge ideale Voraussetzungen für neues Grün, wie es auf dem ehemaligen Holzplatz zu finden ist.

Flechten, Moose, Pilze, gefolgt von Gräsern und Blühpflanzen bildeten die Vorhut für die Sukzession, die biologische Entwicklungsreihe. Stetiger Samenflug bereitete den Boden für die Verbreitung zunächst schnellwüchsiger Pflanzen. Die Birke marschierte voran, gefolgt von „Strauchgesellschaften“, wie Günter Köhler sie nennt, wie Weiß-, Schwarzdorn, Brombeere und Hartriegel. Die Weiden mischten sich ein. Wir finden dort Akazien, Linden, Platanen, Ebereschen, Erle und viele andere Baumarten. Auch Eichen haben sich durchgesetzt: Und das alles in einem natürlichen Mix, der auch vielen Tieren, wie zum Beispiel Fledermäusen, ein sicheres Habitat bietet.

Neubaugebiet „Auf der Kisse“

Auf einer Fläche von rund 66 000 Quadratmetern zwischen der Zechenstraße und der Straße auf dem Nordkamp sollen in den kommenden Jahren 110 Wohneinheiten in drei Quartieren entstehen sowie eine vierzügige Kindertageseinrichtung gegenüber des Alfred-Fischer-Platzes auf rund 2000 Quadratmetern. Der nach der Zechenschließung gewachsene Forst soll dafür zum Teil gerodet werden. Nach dem mehrheitlichen Ratsbeschluss stellt die Verwaltung für das Wohngebiet „Auf der Kiße“ derzeit einen Bebauungsplan auf.

Wie könnte es weitergehen? „Die Wohnbebauung sollte nur bis an den Rand des Wäldchens reichen. Es könnte eine Grünanlage mit Wegen, um etwa den Nordkamp und die Zechenstraße zu verbinden, und Ruhebänken entstehen“, schlägt Günter Köhler vor. „Im Zusammenschnitt mit der Kleingartenanlage, den Möglichkeiten auf dem Gelände am Zechenturm, der Naturlandschaft an der Seseke und vielleicht dem Naturreservat Holzplatz könnten wir ein wunderbares Gebiet mit dem Charakter eines Naherholungszentrums schaffen mit einer in 40 beziehungsweise 70 Jahren gewachsenen Pflanzen- und Tierwelt.“

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