Immer mehr Muslime entscheiden sich für eine Bestattung in der Gemeinde

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Martin Schulte und Senay Oturak erklären die Regeln bei einer muslimischen Bestattung. Dazu gehört zum Beispiel die rituelle Waschung. In der Trauerhalle in Altenbögge gibt es dafür einen Waschplatz.

Bönen - Trauer kennt keine Religionen. Wie und auf welche Weise sich Menschen von einem Angehörigen verabschieden, ist eine ganz persönliche Angelegenheit. Viele haben den Wunsch, dort begraben zu werden, wo sie Zuhause sind. So war es auch lange Zeit bei den Muslimen in Bönen.

Die Toten wurden in ihre Heimatländer, etwa in die Türkei, überführt, um dort zur letzten Ruhe gebettet zu werden. Doch die Zeiten haben sich geändert. Inzwischen bleiben viele auch nach ihrem Tod in der Gemeinde. „Die Tendenz ist steigend“, sagt Senay Oturak, Vorsitzender des Bönener Integrationsbeirates. Insbesondere die Migranten der zweiten und dritten Generation seien in der Gemeinde verwurzelt.

„Bönen ist ihre Heimat, nicht mehr die Türkei“, sagt er. Oturak bedauert, dass er das Grab seines Vaters in der Türkei höchstens im Urlaub besuchen kann. Dabei ist ein Ort der Erinnerung wichtig, das weiß auch der Bönener Bestatter Martin Schulte. Er hilft mittlerweile vielen Muslimen, ihre Angehörige in Bönen nach den Richtlinien des islamischen Glaubens zu beerdigen. Auf dem Friedhof in Altenbögge gibt es dafür seit 2011 ein spezielles Gräberfeld. Es ist schräg angelegt, nach der heiligen Stadt Mekka ausgerichtet. Dort haben bereits rund ein Dutzend Menschen ihre letzte Ruhestätte gefunden.

„Die Bestattungskultur unterscheidet sich gar nicht so stark von unserer“, sagt Schulte. Einige Regeln seien jedoch zu beachten. Deshalb hat er, nachdem er die Trauerhalle in Altenbögge von der Gemeinde übernommen hat, einen Waschplatz eingerichtet. „Der Tote wird überführt und kommt dann in den Versorgungsraum“, erklärt er. Bei den Männern führe der Hodscha, also der Gebetsleiter der islamischen Gemeinde, gemeinsam mit zwei Helfern die vorgeschriebene, rituelle Waschung durch. Bei weiblichen Verstorbenen übernähmen Frauen diese Aufgabe. Anschließend werde der Leichnam in Leinentücher gewickelt.

Anders als in der Türkei werden die Toten in Deutschland in einen Sarg gelegt. „Der Unterschied ist aber nur historisch bedingt. Der Koran gibt nicht vor, dass die Menschen ohne Sarg beerdigt werden müssen.“ Vielmehr sei die Beschaffenheit des Bodens in südlichen Ländern eine andere, sodass der Zersetzungsprozess auch ein anderer sei. Dort werden die Verstorbenen in eine Grube gelegt, die seitlich ausgekerbt ist, sodass die Luft in der Grabstelle zirkulieren kann. Ein Stück Holz oder Steine trennen den Körper von der Erde. „Bei uns bildet der Sarg den Hohlraum, der bei schweren Böden notwendig ist“, erläutert der Fachmann.

Im Gegensatz zu Christen werden Muslime im Sarg auf die Seite gelegt, damit ihr Blick nach Mekka gerichtet ist. So vorbereitet wird der Tote zur Moschee gefahren, damit dort für ihn am Sarg gebetet werden kann. „Schön wäre es, wenn wir auf dem Friedhof einen Abschiednahmeplatz hätten“, wünscht sich Senay Oturak. Das würde den Hin- und Rücktransport sparen. „Sicherlich kann man einen solchen Platz optisch so ansprechend herrichten, dass er sich gut ins Friedhofsbild einfügt“, befürwortet auch Martin Schulte diesen Vorschlag. Die Anregung soll daher an die Verwaltung weitergegeben werden.

Die Trauerfeier selbst gestaltet sich tatsächlich anders, als hierzulande üblich. „Es ist ein Ehre, für einen Toten zu beten“, sagt Oturak. „Es gilt als gute Tat.“ Alle anwesenden Gemeindemitglieder beteiligen sich daran, selbst wenn sie den Toten nicht gekannt haben. Und das gilt auch für das Tragen des Sarges. „Jeder ist bemüht, anzufassen, jeder will den Verstorbenen ein Stück seines letzten Weges tragen“, hat Martin Schulte beobachtet. Das Grab wird von den Anwesenden mit der Schaufel geschlossen. „Bei uns übernimmt das der Friedhofsbagger“, sagt der Bestatter.

Die große Anteilnahme bei muslimischen Beerdigungen hat ihn schon oft berührt. Ein Fall ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. „Wir haben ein Mädchen beerdigt, das eigentlich aus Osnabrück kam. Das Kind lebte aber zum Schluss in der Lebensarche in Königsborn. Als es starb, hat mich die Einrichtung angerufen. Die Mutter ist alleine und war in dieser Situation überfordert.“ Schulte informierte die Bönener Ditib-Moschee-Gemeinde, die sich der Sache sofort annahm. Das Mädchen wurde von Frauen gewaschen, das Totengebet gesprochen und rund 60, eigentlich fremde Menschen begleiteten das Kind bei seinem letzten Gang. „Sie drückten der Frau am Ende sogar noch Geld in die Hand.“

Die Grabpflege, berichtet Senay Oturak, hat eine Bönenerin übernommen. Somit muss die Mutter nicht jedes Mal den langen Weg auf sich nehmen. Bei Gestaltung der Ruhestätten haben sich die Muslime nämlich inzwischen einiges von den Deutschen abgeschaut. Auch sie pflanzen mehr und mehr Blumen auf die Gräber, stellten Schalen und Vasen auf. „Das ist schon aufgrund der hohen Temperaturen in der Türkei nicht der Fall“, so Oturak.

Eine Frage zu islamischen Bestattungen ist in Bönen noch nicht geklärt. Sie betrifft die Ruhezeit. Während üblicherweise 30 Jahre dafür vorgesehen sind, wurden den Muslimen im Ort – gegen eine höhere Gebühr – zwar 50 Jahre eingeräumt, doch nach deren Glauben darf die Totenruhe niemals gestört werden. Damit will sich der Integrationsrat beschäftigen und entsprechende Anträge an die Verwaltung stellen.

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