Kleine Gruppen und viel Abstand:

Im Café Fritz sind die Auswirkungen der Pandemie spürbar

Von Spendengeldern wurden neue Spielgeräte für das Café Fritz in Bönen finanziert
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Mit der neuen Kegelbahn haben die Café-Besucher viel Freude und beim Spielen ist Abstand möglich.

Es duftet nach frisch aufgebrühtem Kaffee, die Helfer verteilen Kuchenstücke, und an den langen Tischen im Saal wird fröhlich geplaudert. Es geht um alte Begriffe wie „Kittelschürze“, „Gute Stube“ und „Hasenbrot“. Erinnerungen werden wach, alle können etwas dazu beitragen. Ein ganz normaler Nachmittag im Café Fritz – oder doch nicht? Seit die Gäste nach dem Lockdown im Frühling wieder in die Einrichtung für an Demenz Erkrankte kommen dürfen, hat sich vieles verändert.

Es sind nicht nur die Abläufe und Rituale, die der Situation angepasst wurden. Auch an den Menschen geht die Pandemie nicht spurlos vorbei, wie Herta Dittforth, Leiterin des Angebotes, feststellt.Manchmal wacht sie nachts auf und denkt an diejenigen, die sie nun abweisen musste, erzählt die Bönenerin. Es geht ihr sehr nah, dieses Aussortieren. „Für mich ist das das Schlimmste“, sagt sie. Bislang sei im Café Fritz jeder herzlich willkommen gewesen, egal ob und wie schwer die Menschen von der Demenz betroffen sind. „Wir hatten Gäste von Pflegestufe eins bis fünf, und das hat sehr gut funktioniert“, berichtet die Einrichtungsleiterin.

Doch dann kam das Corona-Aus und danach die an viele Auflagen gekoppelte Wiedereröffnung. Das Fiebermessen am Eingang, das Erfassen aller Besucher in der Kontaktliste, das Desinfizieren der Hände und aller Gegenstände, die genutzt werden, sowie das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes stören Herta Dittforth und die anderen Helfer dabei weniger. „Statt 14 Gästen dürfen wir pro Nachmittag nur noch sieben aufnehmen“, erklärt sie. Keinesfalls dürften die Gruppen gemischt werden. Menschen, die eine Weglauftendenz haben, die bei von Demenz Betroffenen sehr häufig ist, dürfen nicht mehr dabei sein, stark Sehbehinderte und diejenigen, die nicht mehr alleine zur Toilette gehen können auch nicht. Zu entscheiden, wer einmal pro Woche für ein paar Stunden aus dem oft monotonen Alltag gerissen wird, wessen Angehörige für einen Nachmittag lang entlaststet werden und sich einmal nur um sich selbst kümmern können – Herta Dittforth geht das total gegen den Strich, wie sie sagt.

Körperkontakt ist nicht erlaubt

Zumindest etwas Abhilfe schafft der Besuchsdienst der Ehrenamtler des ökumenischen Angebotes. Regelmäßig schauen sie nach denen, die zurzeit nicht in die Gruppen kommen dürfen. Ein Tropfen auf den heißen Stein – immerhin.

Und noch etwas ist schlimm: Körperkontakt ist nicht erlaubt! „Dabei brauchen Demenz-Leute sehr viele Berührungen“, weiß Herta Dittforth. Ein Streicheln über die Wange, ein Händedruck oder gar eine Umarmung kann bei den Betroffenen sehr viel bewirken. Jetzt müssen sich alle mit dem arrangieren, was möglich ist.

Das ist zum Glück doch noch eine ganze Menge. Das Team im Café Fritz lässt sich schließlich ständig etwas Neues einfallen. Immer wird zudem geklönt, Erinnerungen wach gerufen. Mal wird gebastelt, mal gespielt. Total dankbar sind die Helfer jetzt über eine großzügige Spende der Sparkasse Bergkamen-Bönen. Davon konnten allerhand hochwertige Spiele angeschafft werden, die die Besucher jetzt mit offensichtlicher Freude ausprobieren. Eine robuste Holz-Kegelbahn ist dabei, ein großes Shuffle-Board, das die Motorik fördert, ein Bingo-Set, ein Quiz und ein Glücksrad, das sich mit verschiedenen Scheiben bestücken lässt. Es regt zum Reden an, zur Aufmerksamkeit, denn abgebildet werden darauf zum Beispiel berühmte Sehenswürdigkeiten oder Berufe. „Unser Konzept lautet ‚Konzentration, Kommunikation und Mobilität‘“, so Dittforth. Diese drei Bereiche sollen an jedem Gruppennachmittag auf verschiedene Weise angesprochen werden.

Angehörige waren sehr erleichtert über den Neustart

Wie wertvoll das ist, zeigte sich, als die Gäste nach der langen Corona-Schließung im Sommer ins Café zurückkehrten. „Sie waren sehr verändert, haben kaum gesprochen“, erinnert sich die erfahrene Demenzbegleiterin. Wochenlang hat den Betroffenen der Kontakt gefehlt, die Ansprache und die Anregungen. „Auch die Angehörigen waren total erleichtert, als es endlich wieder losging“, weiß Herta Dittforth. Sie bekommt derzeit viele Anfragen von pflegenden Angehörigen. „Wir überlegen, ob wir im kommenden Jahr eine weitere Gruppe aufmachen sollen. Der Bedarf ist da.“ Und auch für ein Tagesangebot, wie es das schon einmal im Café Fritz gab, gibt es Interessenten – und nun wieder genügend Mitarbeiter. Die fehlten damals, um die Betreuung aufrecht zu erhalten.

„Aber wir müssen jetzt natürlich erst einmal die Entwicklung abwarten“, blickt die Café-Leiterin sorgenvoll auf die sich rasant ausbreitende Corona-Pandemie. Nicht nur die Gäste in der Einrichtung gehören zur Risikogruppe, sondern die meisten der ehrenamtlichen Helfer ebenfalls. „Wir haben das Hygienekonzept des Perthes-Werkes aus Kamen übernommen, unseres Trägers“, erläutert Herta Dittforth. So dürfen die Angehörigen ihre Lieben etwa lediglich bis zur Tür des ehemaligen Gemeindehauses an der Rosenstraße begleitet, nicht in den Saal.

Lydia Sandmann, Ingrid Caninenberg, Herta Dittforth, Gerda Kreyenbaum, Gerda Radix (von links) und weitere Helfer kümmern sich liebevoll um die Senioren.

Viele werden aber ohnehin von Ralf Winkler abgeholt. „Ich darf nur zwei Gäste gleichzeitig mitnehmen, deshalb plane ich so meine Routen. Sie sitzen dann versetzt im Auto des Perthes-Werkes“, erläutert der Helfer. Während der Fahrt tragen er und seine Passagiere Masken, Winkler sogar Handschuhe. Nach der Fahrt muss er die Großraumlimousine desinfizieren. Den Aufwand nimmt der Bönener gerne in Kauf – dafür, dass die an Demenz erkrankten Senioren einen anregenden Nachmittag in Gesellschaft verbringen können. Die Gäste selbst akzeptieren die Corona-Regeln klaglos, obwohl sie ihr Gedächtnis immer wieder im Stich lässt. „Sie tragen Masken, bis sie an den Tischen sitzen“, erzählt Herta Dittforth. Statt großer Tafel sind im Saal mehrere Tische aufgestellt, die Stühle stehen in großem Abstand daran. Selbst wenn die Besucher nicht immer im Hier und Jetzt leben, gibt es damit offenbar keine Probleme. Keiner rückt näher heran oder beschwert sich über die Masken. Stattdessen wird halt ein bisschen lauter gesprochen. Aber das ist in dieser Gesellschaft sowieso die Regel.

Nur auf das Singen, das den Frauen und Männern sonst so große Freude bereitet, müssen sie im Augenblick verzichten. „Wir sprechen jetzt sogar ‚Kein schöner Land‘, schildert Herta Dittforth und schmunzelt. „Sie glauben gar nicht, wie schwierig das ist. Das Singen geht nämlich sonst schon automatisch.“

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