Hier ist vieles anders: Ce Chen  kam von China nach Bönen

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Ce Chen im Kreis ihrer Mitschülerinnen an der Humboldt-Realschule.

Bönen – Seit 2017 lebt die 16-jährige Ce Chen aus Tieling im Nordosten Chinas in Bönen. An der Humboldt-Realschule besucht sie derzeit die neunte Klasse. Über ihre Erfahrungen und die Unterschiede zu chinesischen Schulen sprach sie mit WA-Mitarbeiter Karl Löbbe.

Sie kann geduldig zuhören, neugierig nachfragen und lächelnd sich selber korrigieren. Ob privat oder in der Schule – die 16-jährige Ce Chen aus Tieling im Nordosten Chinas saugt als Schülerin der Humboldt-Realschule alles auf, was ihr an Neuem und Unbekanntem begegnet. Obwohl die Gewöhnung an die neue Heimat und die Auseinandersetzung mit den Tücken der deutschen Sprache nicht leicht ist, strahlt sie eine freundliche lebensfrohe Heiterkeit aus. 

Im Oktober 2017 kam Ce Chen nach Bönen. Zuvor hatte sie gemeinsam mit ihrem sechs Jahre jüngeren Bruder Sheng Xuan bei den Großeltern im chinesischen Tieling gelebt. Die Stadt mit 250000 Einwohnern liegt etwa eine Flugstunde nordöstlich von Peking. Elf Stunden dauerte der Flug von der Hauptstadt Chinas nach Düsseldorf. Von da aus dauerte es noch ein paar Stunden, bis sie in Bönen angekommen war. 

Wie war das bei der Ankunft im neuen Zuhause? 
Ich habe gar nicht so viel mitbekommen. Nach der langen Reise war ich so müde, dass ich erst einmal viel geschlafen habe. Dann so viel Neues: Das Haus, die Nachbarn, die Umgebung, auch ein anderes Klima und die unbekannten Laute einer fremden Sprache. Ich wusste gar nicht, was ich zuerst tun sollte. Zum Glück waren gerade Herbstferien. Da konnte ich mich zu Hause langsam einleben und auf die neue Umgebung einstellen. Der Schulbesuch war natürlich die größte Umstellung. 

Was ist anders als in der früheren Heimat?
Ich bin selten draußen gewesen. Ich musste mich erst mal selber zurechtfinden. Zum Glück habe ich schnell Frau Möller kennengelernt. Sie hat mir neben dem Unterricht in der Schule viel beim Erlernen der deutschen Sprache geholfen und hilft mir immer noch. Es gibt unendlich viel Neues. Ich will viel wissen, und andere, wie meine Mitschüler, wollen auch von mir viel wissen. Da dreht es sich manchmal im Kopf. Da brauche ich noch eine Menge Zeit, alles zu sortieren. Von Bönen weiß ich noch nicht viel. Aber das wird auch noch klappen. Bönen hat ja keine 250 000 Einwohner wie meine Heimatstadt Tieling. Und wenn ich erst ein Fahrrad habe, gehe ich auf Entdeckungsreise. 

Dann musstest Du sofort in die Schule gehen. Wie hast du das erlebt?
Das war kein einfacher Schritt, aber ich war mutig. Anfangs habe ich Null verstanden – kein Wort auf Deutsch, kein Englisch, einfach nichts. Aber die Mädchen in meiner damaligen Klasse 8c und auch Frau Kaluza, meine Klassenlehrerin, haben mir viel geholfen. Das Schulleben ist natürlich ganz anders als in China. Immer den Klassenraum wechseln, dazwischen die Pausen, dann wieder andere Fachräume, und die Bücher und Hefte, viele andere Fächer – es war neu und verwirrend. Aber ich habe jeden Tag dazugelernt, weil ich gut aufgepasst habe. Und mit Mathe habe ich sowieso keine Probleme. Da gehöre ich zu den Besten in meiner jetzigen Klasse 9c.

Wie war das an der Schule in Tieling?
Die Aufteilung ist fast wie in Deutschland. Die Grundstufe bilden die Klassen eins bis sechs. In die Mittelstufe gehen die Klassen sieben bis neun, in die Oberstufe die Klassen zehn bis zwölf. Wir haben oft 40 Kinder in der Klasse. Wir sitzen an Einzeltischen hintereinander und nebeneinander. Es ist ganz leise in der Klasse. Der Unterricht geht von 7.10 bis 16.30 Uhr, in der Oberstufe von 7.10 bis 21 Uhr. Unsere Lehrer sind sehr streng. Wenn du eine Arbeit nicht geschafft hast, musst du sie am Samstag und Sonntag nachholen. Diese Stunden müssen extra bezahlt werden. 

Und wie ist es an der neuen Schule?
 Es sind viel weniger Schüler in einer Klasse. Es ist manchmal sehr lustig, aber auch oft laut. Wir lachen viel mit den Lehrern. Die können aber auch streng sein, wenn wir nicht aufpassen. Viele Schüler haben mir geholfen und machen das noch immer, auch die Lehrer. Seit 2018 gehe ich in die Daz-Klasse. Das bedeutet Deutsch als Zweitsprache für mindestens sechs Stunden in der Woche. 

Was ist mit Freizeit? Etwa mit Sport?
Dafür habe ich später noch Zeit. Erst mal ist die Schule dran. Das ist für mich das Wichtigste. Vielleicht habe ich dann Zeit für Badminton oder Tischtennis. 

Hast du schon eine Idee, was du werden willst?
Ich glaube, ich möchte Ärztin werden. Das wäre ein toller Beruf für mich. Ich bin sicher, dass ich das schaffen kann. 

Um dann nach China zurück zu gehen?
Das weiß ich noch nicht. 

Worauf freust du dich jetzt am meisten?
Auf die Osterferien. Dann fliege ich mit meinen Eltern nach Tieling. Wir besuchen meinen Bruder und die Großeltern.

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