Hellwegschul-Hausmeisterin Birgit Stephan geht nach 32 Jahren in den Ruhestand

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Birgit Stephan kennt jedes Kind an der Hellwegschule.

Ohne einen guten Hausmeister läuft gar nichts. Das wissen alle, die in einem größeren Haus, etwa in einer Schule, beschäftigt sind. Mit einer Hausmeisterin wie Birgit Stephan läuft hingegen ganz viel. Für die 63-Jährige endet jetzt allerdings nach 32 Jahren an der Hellwegschule die Dienstzeit.

Sherifs Wasserflasche ist aus unbenannten Gründen „explodiert“, sein T-Shirt und seine Hose sind pitschenass. So kann der Viertklässler natürlich nicht im Unterricht sitzen. Also geht er zu Birgit Stephan. Dort bekommt er ein paar mahnende, wenn auch nicht zu strenge Worte zum Thema Herumspritzen auf dem Schulhof sowie trockene Kleidung. Kurze Zeit später steckt eine Lehrerin den Kopf in das Büro der Hausmeisterin und fragt nach Strom auf dem Pausenhof. Sie will mit den Schülern einen Tanz proben. Und Schulleiterin Antje Anbring-Keiter braucht schließlich vier Klemmbretter. Birgit Stephan hat für alle eine Lösung, hilft mit dem aus, was gerade benötigt ist. Und das macht sie seit mehr als 32 Jahren.

Am 1. April 1988 trat sie die Stelle an der Hellwegschule an, zunächst als Hilfshausmeisterin, seit 2000 dann als Vollzeit-Hausmeisterin. Doch jeder, der die quirlige Frau kennt, weiß, dass diese Berufsbezeichnung kaum dem gerecht wird, was die zierliche Bönenerin in all den Jahren geleistet hat. Sie ist im allerbesten Sinn „Mädchen für alles“: Trösterin, Erzieherin und Krankenschwester, aber auch patente Handwerkerin, Sicherheitsbeauftragte und verlässliche Kollegin für die Lehrer und die Betreuer an der Offenen Ganztagsschule (OGS).

„Ich bin auf alles vorbereitet“, sagt die 63-Jährige. Tatsächlich ist ihr Büro gegenüber dem Sekretariat gut bestückt mit allerhand wichtigen Dingen – vom Verbandskasten über Kisten mit vergessener Kleidung bis hin zu dem stets mit Gummibärchen gefüllten Bonbonglas. Die sind besonders wichtig, helfen sie doch dabei, Tränen zu trocknen und den schlimmsten Schmerz zu lindern, wenn etwa ein Knie aufgeschlagen ist oder eine Nase einfach nicht aufhört, zu bluten. Eltern, die von der Schule angerufen werden, weil sie ihre über Bauchschmerzen, Übelkeit und Ähnliches klagenden Kinder abholen sollen, finden die kleinen Patienten in der Regel liebevoll betreut auf der Krankenliege im Hausmeisterbüro. „Ich bin auch schon mal mit ins Krankenhaus gefahren, weil wir die Eltern nicht so schnell erreichen konnten“, erzählt Birgit Stephan. 

Schon immer praktisch veranlagt

Die Schüler liegen der zweifache Mutter und Großmutter eines zwölfjährigen Enkelsohnes. sehr am Herzen. „Das sind meine Kinder. Ich kenne alle und kann sie den richtigen Klassen zuordnen“, so Und damit meint sie nicht nur die aktuell rund 350 Schüler der Hellwegschule, sondern ebenso die ehemaligen. An viele kann sie sich nämlich erinnern, weiß sogar die Namen noch. Inzwischen hat sie einige davon sogar wiedergesehen – als Mutter oder Vater eines Schülers. An die Bönener Grundschule kam Birgit Stephan damals an der Seite ihres Mannes. Der hatte sich auf die Hausmeisterstelle beworben. Das Paar zog in den Bungalow neben der Schule, und die Bönenerin war zunächst vor allem für die Turn- und Schwimmhallenverwaltung zuständig. Sie öffnete die Türen für die Vereine und kümmerte sich darum, dass die Einrichtungen in einem ordentlichen Zustand waren. Schnell kamen weitere Aufgaben dazu. 

Zwar hat sie ursprünglich keinen handwerklichen Beruf erlernt, sondern den der Verkäuferin, ein praktischer Mensch war Birgit Stephan aber schon immer. „Mit 16 Jahren wollte ich eigentlich Automechanikerin werden, doch weil ich eine Frau und außerdem so klein bin, ging das nicht.“ Eine Bohrmaschine, die Säge oder andere Werkzeuge nimmt sie gerne in die Hand, packt zu, wo es nötig ist. Kleinere Reparaturen an der Schule hat sie zum Beispiel immer selbst erledigt. „Nur wenn ich trotz der Leiter irgendwo nicht dran komme, dann schreie ich um Hilfe“, sagt die 1,55 Meter große Frau. 

Dass bei den Viertklässlern schon mal der eine oder andere Schüler größer ist als sie, hat sie nie gestört, Respekt haben alle Kinder vor ihr. „Wenn man die Kleinen fragt, wem die Schule gehört, dann sagen sie ‘Frau Stephan’“, berichtet Benjamin Hübner und schmunzelt. Seit März begleitet der 29-jährige seine Vorgängerin bei der täglichen Arbeit, ab heute tritt er in ihre Fußstapfen. „Und die sind ganz schön groß“, stellt der neue Hausmeister fest. 

Birgit Stephan hat das Leben an der Hellwegschule durchaus mit geprägt – und das nicht nur beruflich. Schon immer sportbegeistert hat sie sich zum Beispiel dafür eingesetzt, dass die Mädchen und Jungen an der Grundschule ihr Sportabzeichen machen können. Dafür hat sie mit ihnen manche Runde auf dem Pausenhof gedreht. „Bei den Bundesjugendspielen hatten viele Kinder Probleme beim 800-Meter-Lauf“, erklärt sie. Nachdem sie das „Training“ dafür übernommen hatte, lief es wortwörtlich besser: Alle Kinder schafften das Abzeichen. In ihrer Freizeit hat Birgit Stephan 14 Jahre lang ehrenamtlich für den Gemeindesportverband gearbeitet und unzähligen Bönenern – auch erwachsenen – zum Abzeichen verholfen. Außerdem hat sie Schwimmkurse für muslimische Frauen organisiert und geleitet, die ganz unter sich das Schwimmen lernen konnten. Diesem Kursus trauert sie noch heute hinterher, doch seitdem die Kleinschwimmhalle an der Hellwegschule geschlossen wurde, gibt es dafür keine Möglichkeit mehr. „Wasser ist aber mein Element“,weiß die 63-Jährige. 

Zusammenarbeit mit Lehrerkollegium hat immer gut funktioniert

Deshalb hat sie sich für ihren Ruhestand auch vorgenommen, mindestens zweimal wöchentlich ins Schwimmbad zu gehen und dort Aqua-Jogging-Kurse zu belegen. Zudem möchte sie regelmäßig ins Fitnessstudio. „Ich hoffe, Corona macht meine Pläne nicht zunichte“, so Birgit Stephan. Zumindest bei ihrem Abschied musste sie allerdings Abstriche machen. Statt des geplanten Büfetts für die Kollegen gab es Kuchen und Getränke, die Lehrer konnten einzeln auf Wiedersehen sagen. Dass Birgit Stephan ganz aus der Schule verschwindet, kann und möchte sich niemand vorstellen. „Der gute Geist geht, das wird für uns alle eine ziemliche Umstellung“, ahnt Antje Anbring-Keiter schon. „Vieles zwischen uns lief ohne Worte und ganz selbstverständlich, obwohl es überhaupt nicht selbstverständlich war. Sie war für uns eine große Unterstützung und eine Bereicherung für das Schulleben“, lobt die Schulleiterin. 

Andersherum bedankt sich die Hausmeisterin bei ihr und den anderen Kollegen für die lange, gute Zusammenarbeit. „Ich hatte hier ein ganz tolles Kollegium. Ich habe immer großen Wert darauf gelegt, dass es zwischen uns gut funktioniert, egal ob mit den Lehrern, den Mitarbeiter der OGS oder den Reinigungskräften.“ Das gute Klima war sicher zu einem Teil dafür verantwortlich, dass die Bönenerin mehr als drei Jahrzehnte lang jeden Tag gerne zur Arbeit gekommen ist, wie sie sagt. Für den anderen Teil sind die Schüler zuständig. „Meine Kinder werde ich total vermissen“, weiß Birgit Stephan jetzt schon. 

So ganz und endgültig gehen will sie deshalb nicht. „Ich kann jederzeit angerufen werden, wenn Not am Mann ist“, sagt sie. Und dann kann sie sich auch gut vorstellen, in der OGS auszuhelfen, um zum Beispiel mit den Kinder Sport zu machen.

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